Der Wirtschaftswissenschaftler Ludwig Straub warnt vor einer drohenden neuen Eurokrise. Auslöser sind steigende Staatsanleiherenditen und eine angespannte fiskalische Situation in verschiedenen EU-Ländern. Besonders die Lage in Frankreich bereitet dem Ökonomen Sorge, da das Land seinen fiskalischen Spielraum nahezu aufgebraucht hat.
Fiskalische Schieflage: Warnsignale der Märkte
Ludwig Straub, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University, beobachtet aktuelle Entwicklungen an den Finanzmärkten. Steigende Renditen für Staatsanleihen, ein Wertverlust des Euro und ein hoher Ölpreis signalisieren seiner Einschätzung nach eine zunehmende Anfälligkeit. Ein zentrales Problem ergibt sich, sobald die Wachstumsrate eines Landes unter das Zinsniveau fällt, zu dem sich die Regierung verschulden kann.
In diesem Szenario sind langfristige Haushaltsdefizite nicht mehr tragfähig.
Als besonders kritisch beurteilt Straub die Situation in Frankreich. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen liegt aktuell bei über 4,5 Prozent. Die nominale Wachstumsrate des Landes beträgt hingegen nur etwa zwei Prozent. Die französische Regierung hat ihren fiskalischen Spielraum nach Straubs Darstellung fast vollständig ausgeschöpft.
„Jeder zusätzliche Euro Neuverschuldung würde die Zinskosten für alle anderen Schuldpapiere in die Höhe treiben. Ab jetzt bestrafen die Anleihemärkte alle neuen Ausgaben“, erklärt Straub. Zum Vergleich weist Deutschland eine Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von rund 3,5 Prozent auf, bei einer nominalen Wachstumsrate von etwa 3,5 Prozent.
Vor der Coronapandemie bewegte sich das Zinsniveau in Deutschland jahrelang bei null Prozent.
Neue Fiskalregeln und das Risiko der Austerität
Die Europäische Union hat kürzlich neue Fiskalregeln im Rahmen einer Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts vereinbart. Diese sollen eine schrittweise Reduzierung hoher Schuldenstände in den Mitgliedsländern ermöglichen. Die finanzpolitische Überwachung der EU-Staaten war zuvor von 2020 bis Ende 2024 aufgrund der Covid-19-Krise und des Ukraine-Kriegs ausgesetzt.
Ab 2025 müssen die Länder wieder die Maastricht-Kriterien einhalten. Diese schreiben eine Neuverschuldung von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und eine Gesamtverschuldung von höchstens 60 Prozent des BIP vor. Während die Europäische Kommission die Regeln als Weg zu nachhaltigen öffentlichen Finanzen und zur Förderung von Investitionen und Wachstum darstellt, äußern Kritiker Bedenken.
Ludwig Straub und andere Beobachter befürchten, dass die neuen Regeln eine Ära der Austerität einleiten und wachstumsfördernde Investitionen einschränken könnten. Vincent Van Peteghem, Finanzminister Belgiens, beschreibt das Rahmenwerk hingegen als förderlich für ausgewogene öffentliche Finanzen, Strukturreformen, Investitionen, Wachstum und Beschäftigung. Österreich, dessen Budgetdefizit 2024 über drei Prozent des BIP liegt und dessen Staatsschulden in Prozent des BIP steigen, muss in den nächsten vier Jahren rund zehn Milliarden Euro einsparen, um die Maastricht-Grenzen einzuhalten.
Ein wissenschaftlicher Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums warnte in einem Schreiben an Wirtschaftsminister Gabriel vor Lücken in den Regeln und vor einer Gefährdung der Finanzstabilität. Der Beirat kritisierte zudem, dass Einwände gegen schärfere Kapitalregeln für Banken oft von Bankeninteressen geprägt seien und Risiken für Steuerzahler vernachlässigten.
Parallelen und Ausblick auf die Finanzstabilität
Die Warnungen von Ludwig Straub reihen sich in frühere Besorgnisse anderer Ökonomen ein. Bereits 2013 warnte Thomas Straubhaar vor den Auswirkungen des US-Budgetstreits auf die globale Konjunktur und die Eurozone. William White, ehemaliger Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, äußerte 2018 die Befürchtung, die Welt steuere auf eine schwere Finanzkrise zu, weil zugrunde liegende Probleme ungelöst blieben.
Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, sah 2016 die Gefahr einer neu aufflammenden Eurokrise, sollten strukturelle Ungleichgewichte nicht ausgeglichen werden.
Die Europäische Zentralbank (EZB) veröffentlichte Ende 2025 ihren Finanzstabilitätsbericht. Darin weist die EZB auf Risiken für die Finanzstabilität im Euroraum hin, darunter Handelskonflikte, potenzielle Aktienblasen und Engpässe beim US-Dollar. Die EZB fordert Banken mit bedeutendem Dollar-Geschäft auf, größere Liquiditäts- und Kapitalpuffer zu bilden.
Damit sollen sie höheren Währungsschwankungen und Kreditrisiken der Gegenpartei begegnen können.
Angesichts der Einschätzung von Ludwig Straub und der hohen weltweiten Verschuldung – die 2018 bei 215,5 Billionen US-Dollar lag und rund 325 Prozent der jährlichen Weltwirtschaftsleistung entsprach – bleibt die Frage, wie die EU-Mitgliedstaaten die neuen Fiskalregeln umsetzen werden, ohne wachstumsrelevante Investitionen zu gefährden. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die reformierten Regeln zu nachhaltigeren öffentlichen Finanzen führen oder zu einer Phase verstärkter Sparpolitik. Die Finanzmärkte werden dabei beobachten, wie sich Länder wie Frankreich positionieren und welche Signale die Renditen der Staatsanleihen aussenden.







