Evonik, der Spezialchemiekonzern aus Essen, plant den Abbau von 3.200 Stellen weltweit. Davon sind 2.150 Arbeitsplätze in Deutschland betroffen. Die Maßnahmen sind Teil des Umbauprogramms „Evonik Tailor Made“, mit dem das Unternehmen Wachstum stärken, Kosten senken und das Produktportfolio neu ordnen will. Die Ankündigung folgte einer Bestätigung der Pläne durch Vorstand und Aufsichtsrat.
Umfassende Restrukturierung in Krisenzeiten
Die Personalreduktion reagiert auf die von Evonik als „strukturelle und ökonomische Krise unserer Industrie“ bezeichnete Lage. Der MDax-Konzern, der Ende 2023 31.053 Mitarbeiter zählte, reduziert damit knapp jeden zehnten Arbeitsplatz. Bereits bis Ende 2026 fallen durch Spar- und Effizienzprogramme rund 2.800 Stellen weg.
Die Umsetzung des Stellenabbaus soll bis 2029 sozialverträglich erfolgen, ohne betriebsbedingte Kündigungen. Genannte Maßnahmen umfassen die Nicht-Nachbesetzung frei werdender Stellen, frühere Verrentung und freiwillige Abgänge gegen Abfindungen.
Interims-CEO Claus Rettig, der vorübergehend die Führung des erkrankten Vorstandschefs Christian Kullmann übernommen hat, betont die Übereinstimmung von Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretern bezüglich der Branchenkrise. Er fügt hinzu: „Wir werden diese Polykrise nutzen, um alte Strukturen zu ändern und uns besser aufzustellen. Auch in dieser Krise wachsen viele Teile unseres Geschäfts-Portfolios.
Wir werden daher unser Wachstum auf unsere Stärken, die richtigen Zukunftsthemen und lukrativsten Märkte konzentrieren. Zugleich werden wir Spielräume durch verbesserte Kostenpositionen schaffen.“
Strategische Neuausrichtung und Portfolio-Anpassung
Parallel zum Stellenabbau sieht das Programm „Evonik Tailor Made“ eine Neuausrichtung des Geschäftsportfolios vor. Das Polyester-Geschäft mit einem Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro soll eingestellt werden. Ferner plant Evonik, sich von den Töchtern Oxeno und Syneqt zu trennen.
„Ich gehe bei Oxeno davon aus, dass wir im laufenden Jahr vorankommen werden“, erklärte Rettig. Zum Stand bei Syneqt sagte er, der Verkaufsprozess sei noch nicht gestartet, jedoch sei klar, dass beide zum Verkauf stehen.
Den sechs großen Produktionsstandorten in Deutschland sollen spezifische Aufgaben zugeteilt und für jeden ein eindeutiges Profil definiert werden. Evonik prüft darüber hinaus weitere Investitionsprojekte in Asien und Amerika und nennt diese Regionen als besondere Wachstumschancen. Das Ziel ist eine ausgewogene Umsatzverteilung in Europa, Asien und Amerika.
Kürzlich startete das Unternehmen Wachstumsprojekte in Kanada und der Slowakei. Diese betreffen die Bereiche Healthcare und Biotechnologie und verfügen über ein Gesamtvolumen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.
Personalvorstand und Arbeitsdirektor Thomas Wessel betonte die soziale Verantwortung des Unternehmens: „Evonik war und ist als Unternehmen bekannt, das soziale Verantwortung lebt und den Dialog mit den Arbeitnehmervertretern intensiv pflegt. Auch in diese große Transformation gehen wir gemeinsam und führen sie zusammen erfolgreich zum Ziel.“
Marktreaktionen und Ausblick
Die Ankündigung des Stellenabbaus und des Umbauprogramms wurde vom Kapitalmarkt positiv aufgenommen. Die Evonik-Aktie verzeichnete nach Bekanntwerden der Details einen Zuwachs von fast fünf Prozent.
Die Chemiebranche steht branchenweit unter Druck. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sprach von der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte und senkte seine Produktionsprognose für das Gesamtjahr um 1,5 Prozent.
Die Ausarbeitung der Maßnahmen für das neue Programm soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Die zweite Umsetzungsphase des Programms „Evonik Tailor Made“ beginnt 2027; bis 2029 soll der Stellenabbau sozialverträglich abgeschlossen sein. Finanzielle Details zu Einspareffekten und Sonderkosten wurden zunächst nicht genannt.
In den kommenden Quartalsberichten wird sich zeigen, inwiefern sich die finanziellen Effekte und Sonderkosten konkretisieren und wie sich das Umbauprogramm auf die Kennzahlen des Konzerns auswirkt. Analysten werden genau beobachten, ob die strategische Neuausrichtung und die Kostensenkungen die erhoffte Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich bewirken.







