Die europäische Verteidigungsindustrie durchläuft eine tiefgreifende Umstrukturierung. Angesichts geopolitischer Spannungen und der Debatte um strategische Autonomie investieren EU-Staaten und die Europäische Union verstärkt in Verteidigungs- und Cyberkapazitäten. In diesem Kontext wird das deutsche Startup Merlin HIP in Medien als „europäisches Pendant zu Palantir“ positioniert.

Im aktuellen Budget stellt die EU 1,4 Milliarden Euro für Cybersicherheit bereit. Doch die Wirksamkeit der Abwehrmaßnahmen leidet nach Angaben des Europäischen Rechnungshofs unter unzureichendem Datenaustausch zwischen den Mitgliedstaaten. Der Bericht bezeichnet diesen Mangel als „Achillesferse des gesamten Systems“.

Die Europäische Kommission hat Frankreich, Irland, die Niederlande und Spanien vor den Europäischen Gerichtshof verwiesen, da sie ihre nationalen Gesetze nicht an EU-Maßnahmen zum Austausch von Cybersicherheitsinformationen angepasst haben.

Ruf nach europäischer Autonomie

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordert ein selbstständiges Europa und schlägt ein EU-Sicherheitsprotokoll nach dem Vorbild von NATO-Artikel 4 vor. Dieses Protokoll soll eine Reaktion auf hybride Bedrohungen wie Sabotage, Cyberangriffe und Drohnenangriffe ermöglichen. Die EU strebt offiziell eine „strategische Autonomie“ in Bereichen wie Verteidigung, Handel, Technologie und kritischen Rohstoffen an.

Berichten zufolge sollen unverbrauchte Mittel des EU SAFE-Verteidigungsprogramms in gemeinsame europäisch-ukrainische Verteidigungsprojekte investiert werden. Zudem wird die Forderung nach einer gemeinsamen Entwicklung eines bezahlbaren, modularen Raketenabwehrsystems laut.

Der Krieg in der Ukraine treibt die Nachfrage nach größeren, kostengünstigeren Raketenbeständen in Europa voran. Moderne Konflikte verbrauchen Munition schneller, als viele Länder sie ersetzen können. Europas Verteidigungssektor konzentrierte sich historisch auf kleine Produktionsläufe hochentwickelter Waffensysteme.

Dies führt nun zu einem Rennen um kostengünstigere, massenproduzierbare Systeme. Eine neue Generation von Verteidigungs-Startups bietet günstigere Raketen und Abfangsysteme für die Großproduktion an. Markus Schiller vom Stockholm International Peace Research Institute fasst die Situation prägnant zusammen: „Big wars are fought with numbers, not wonder weapons.“

KI als Game Changer: Software-Lösungen für die Verteidigung

Mehrere europäische Unternehmen entwickeln datengetriebene und KI-gestützte Lösungen. Thales stellte HexaForce vor, ein KI-gestütztes, souveränes Kommando- und Kontrollsystem (C2) für NATO und verbündete Nationen. Der Hersteller konzipierte das System für hochintensive Kriegsführung, es unterstützt Kommandoanforderungen für über 100.000 Mitarbeiter.

Thales nennt als Ziel eine Erhöhung der Kapazität von 100 auf 1.000 verarbeitete Ziele pro Tag durch den Einsatz von KI. Christophe Salomon, Executive Vice-President bei Thales, äußert dazu: „Some armed forces require a dedicated data platform, while others need operational cross-domain interfaces to link up with allies and complete their systems, or faster multi-domain command functions leveraging state-of-the-art artificial intelligence. With HexaForce, Thales provides a sovereign solution tailored to each of these operational needs, setting a new benchmark in multi-domain C2 for NATO and allied nations amidst rising high-intensity conflicts.“

Das italienische Startup Exein sammelte 270 Millionen US-Dollar in einer Finanzierungsrunde unter Führung von Headline ein und wird mit 1,7 Milliarden US-Dollar bewertet. Damit ist Exein das drittwertvollste Cybersicherheits-Startup Europas. Exein wurde 2018 in Rom gegründet, um IoT-Geräte durch eingebetteten Cybersicherheitscode abzusichern.

Das Unternehmen erweitert seinen Fokus auf „Physical AI“ und deren Absicherung. Im März stellte Exein das Tool „Photon“ vor, das bösartigen Code in Echtzeit blockieren soll. Gianni Cuozzo, Gründer und CEO von Exein, erklärt: „AI is moving out of the cloud and into the physical world, and this is the transition Exein was built for.“

Exein plant die Entwicklung eines proprietären „Foundation Model“ für physische KI-Sicherheit. Dieses soll mit Telemetriedaten von mehr als zwei Milliarden verbundenen Geräten trainiert werden. Das Unternehmen meldet ein Umsatzwachstum von 400 Prozent im Jahresvergleich.

Neue Akteure im Hardware-Segment

Parallel zu Software-Initiativen entstehen Startups, die auf kosteneffiziente Produktion von Verteidigungshardware setzen. Das britische Unternehmen Cambridge Aerospace erhielt Berichten zufolge Aufträge vom britischen Verteidigungsministerium für seine Skyhammer-Abfangjäger. Im Vormonat sammelte das Unternehmen 300 Millionen US-Dollar zur Produktionserweiterung ein.

CEO Steven Barrett rechnet damit, bis Ende des ersten Quartals des Folgejahres 2.500 Abfangjäger pro Monat produzieren zu können. Barrett kommentiert die wirtschaftliche Herausforderung der Verteidigung: „would cost billions of dollars per night ... which is just impossible for any of our allies to sustain.“

Das europäische Startup Destinus, gegründet von Mikhail Kokorich, lieferte nach Quellenangaben 700 Marschflugkörper des Typs Ruta Block 2 an die Niederlande für die Ukraine. Der Deal im Juni hat einen Wert von 250 Millionen Euro. Destinus sucht vor einem geplanten Börsengang zusätzliche Finanzierungen und ist über ein Joint Venture mit der industriellen Basis von Rheinmetall verbunden.

Das ukrainische Startup Fire Point entwickelt Berichten zufolge einen ballistischen Raketenabfangjäger für unter 1 Million Euro. Das Unternehmen hofft, bis Mitte 2027 einen erfolgreichen Abfangversuch demonstrieren zu können. Das Raketenunternehmen Frankenburg nennt Andreas Bappert als CTO.

CEO Kusti Salm und seine Firma zielen auf eine Kostenreduktion pro erfolgreichem Abfangvorgang ab: von bisher bis zu 20 Millionen Euro auf etwa 1 bis 2 Millionen Euro. Salm wird zitiert: „If the enemy knows that we can produce en masse ... the equation tells him, I'm not going to reach my objectives.“

Weitere Aktivitäten, etwa Tests und Demonstrationen von Loitering Munitions und unbemannten Plattformen, werden in der Quellenlage ebenfalls beschrieben.

Ausblick: Wettbewerb und strategische Bedeutung

Die Quellen zeichnen ein Bild einer dynamischen Entwicklung in europäischen Verteidigungs- und Cybersicherheitsclustern. Etablierte Konzerne wie Thales bringen KI-gestützte C2-Systeme auf den Markt. Zugleich arbeiten Startups wie Exein, Cambridge Aerospace, Destinus und Fire Point an neuen, kostengünstigeren Lösungen.

Merlin HIP wird in Medien als möglicher europäischer Gegenpart zu Palantir genannt, auch wenn in den zugänglichen Quellen keine detaillierten technischen Angaben zu dem Startup vorliegen. Offen bleibt, in welchem Umfang sich diese Angebote in skalierbare, interoperable Lösungen für europäische Streitkräfte und Verbündete übersetzen lassen werden. Die weitere Entwicklung wird zeigen, welche dieser Technologien die strategische Autonomie Europas tatsächlich stärken und welche sich am Markt durchsetzen können.