Die Teuerung im Euroraum springt auf den höchsten Stand seit September 2023 und setzt die Europäische Zentralbank unter Druck. Nach ersten Schätzungen der Statistikbehörde Eurostat klettert die jährliche Inflationsrate im Oktober auf 4,0 Prozent. Damit verfehlt die Teuerung in den 21 Mitgliedsländern das offizielle Stabilitätsziel der Notenbank von 2,0 Prozent exakt um das Doppelte.

An den Finanzmärkten gilt eine weitere Straffung der Geldpolitik zum Jahresende mittlerweile als das wahrscheinlichste Szenario.

Der Energieschock treibt die Verbraucherpreise

Der Preisanstieg gewinnt seit dem Sommer spürbar an Dynamik. Lag die Gesamtinflation im Juli noch bei 2,9 Prozent, so betrug sie im August 3,2 Prozent und im September 3,8 Prozent. Nun markiert sie den Höchststand seit September 2023.

Verantwortlich für diesen Schub ist in erster Linie ein massiver Energieschock infolge des andauernden Iran-Kriegs. Die Energiepreise zogen im Oktober im Vorjahresvergleich um 20,8 Prozent an, nachdem sie bereits im Vormonat um 18,9 Prozent gestiegen waren.

An den Rohstoffmärkten schlägt die geopolitische Eskalation direkt durch. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet derzeit 104,27 US-Dollar, während die europäischen Erdgaspreise am Handelsplatz TTF seit Ende Juli um 22 Prozent zulegen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Gasspeicherstände der Europäischen Union zum 1.

November voraussichtlich bei 69 Prozent ihrer Gesamtkapazität liegen, was etwa 37 Prozent des normalen Winterverbrauchs abdeckt. Diese angespannte Versorgungslage schürt an den Märkten erhebliche Sorgen vor winterlichen Versorgungsengpässen.

Im Gegensatz zu den Gesamtzahlen signalisieren die bereinigten Daten vorerst keine breite Überhitzung. Die Kerninflationsrate, welche die volatilen Preise für Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak ausklammert, verharrt im Oktober bei 2,5 Prozent. Während sich unverarbeitete Lebensmittel um 4,6 Prozent verteuern und Dienstleistungen bei 3,3 Prozent liegen, zeigt die stabile Kernrate, dass vor allem Energiepreiserhöhungen den Anstieg treiben.

Gleichwohl beobachten Volkswirte zunehmend Anzeichen dafür, dass Unternehmen die gestiegenen Beschaffungskosten schrittweise an die Endverbraucher weiterreichen.

Wachsende Stagflationsrisiken belasten die Währungshüter

Für den Rat der Europäischen Zentralbank verschärft sich damit ein klassisches geldpolitisches Dilemma. Die Notenbank legte nach zwei Anhebungen im Juni und September auf ihrer Sitzung Ende Oktober eine Pause ein und beließ den maßgeblichen Einlagensatz bei 2,50 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz notiert gegenwärtig bei 2,65 Prozent, der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,90 Prozent.

Angesichts der jüngsten Teuerungsdaten mehren sich innerhalb des Notenbankrats die Stimmen, die eine zeitnahe Fortsetzung des Straffungskurses fordern.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel stellt klar, dass eine erneute Anhebung im Dezember „aus heutiger Sicht sehr wahrscheinlich notwendig“ sei. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einer Stagflation, dem Zusammentreffen von hoher Inflation und wirtschaftlicher Stagnation. Das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum legte im dritten Quartal lediglich um 0,2 Prozent zu, während die Bundesbank für die deutsche Wirtschaft ein Verharren in der Nullrunde prognostiziert.

Zinserhöhungen können geopolitisch bedingte Versorgungsengpässe bei Öl und Gas nicht beseitigen. Sie verteuern jedoch Kredite für Unternehmen sowie Verbraucher und dämpfen damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ökonomen betonen, dass eine zu aggressive Straffung eine ohnehin geschwächte Wirtschaft empfindlich treffen könnte.

Die aktuellen EZB-Projektionen veranschlagen für das Gesamtjahr 2026 ein reales Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent und für 2027 von 1,4 Prozent.

Druck auf Renditen und Finanzierungskosten

An den Kapitalmärkten schlagen sich die veränderten Zinserwartungen bereits deutlich nieder. Besonders an den europäischen Anleihemärkten verschärfen sich die Finanzierungsbedingungen. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen kletterte zuletzt auf rund 5,0 Prozent, was dem höchsten Niveau seit 2002 entspricht.

Steigende Risikoaufschläge engen den fiskalischen Spielraum hochverschuldeter Mitgliedstaaten ein und erhöhen das Risiko erneuter Fragmentierungsdebatten innerhalb der Währungsunion.

Parallel dazu geraten die gewerblichen und privaten Kreditmärkte unter Zugzwang. In Deutschland bewegen sich die Zinsen für zehnjährige Baufinanzierungen bei Top-Konditionen mittlerweile in einer Spanne von 4,09 bis 4,20 Prozent, wobei der effektive Jahreszins bis zu 4,50 Prozent erreicht. Die Verteuerung von Darlehen dämpft die Investitionsbereitschaft im Immobiliensektor und hemmt Neubauprojekte bereits vor einem formalen Zinsbeschluss der Notenbank spürbar.

Richtungswahl für den Zinsentscheid im Dezember

An den Terminmärkten preisen Händler die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent bei der kommenden EZB-Sitzung am 17. Dezember mit rund 75 Prozent ein. Unter Analysten herrscht jedoch Uneinigkeit über den weiteren Zinspfad über das laufende Jahr hinaus.

Während Vertreter von Geschäftsbanken argumentieren, die Notenbank müsse Entschlossenheit demonstrieren, um eine Entankerung der Inflationserwartungen zu verhindern, warnen mehrere Anlagestrategen vor den Folgewirkungen einer restriktiven Geldpolitik. Ein externer Schock auf der Angebotsseite entzieht sich weitgehend der Steuerung durch Zinsbeschlüsse. Höhere Leitzinsen drohen die Konjunktur im Euroraum abzuwürgen, ohne den geopolitischen Preisdruck an den Rohstoffmärkten wirksam zu lindern.

Der Fokus der Marktteilnehmer richtet sich nun auf die finalen Inflationsdaten von Eurostat sowie die anstehenden Lohnverhandlungen zum Jahreswechsel. Sollten sich Anzeichen für Zweitrundeneffekte über steigende Tarifabschlüsse verdichten, dürfte der EZB-Rat im Dezember trotz konjunktureller Abwärtsrisiken kaum an einem weiteren Zinsschritt vorbeikommen.