Die europäische Fahrradbranche befindet sich in einer tiefgreifenden Konsolidierungsphase. Nach einem pandemiebedingten Aufschwung kämpfen zahlreiche E-Bike-Hersteller mit Überkapazitäten, sinkender Nachfrage und einem intensiven Preiswettbewerb. Diese Entwicklung führt zu einer Welle von Insolvenzen und Restrukturierungen, welche die Marktstrukturen nachhaltig verändert.
Überproduktion und sinkende Nachfrage
Als zentrale Ursache der aktuellen Lage gilt der sogenannte Peitscheneffekt (Bullwhip Effect). Während der Corona-Jahre erhöhten Hersteller und Händler Produktions- und Ordervolumina aufgrund der hohen Nachfrage stark. Gestörte Lieferketten führten zu langen Verzögerungen; bestellte Waren trafen teilweise erst Jahre später ein.
Als die Ware schließlich ankam, hatte sich die Nachfrage bereits abgeschwächt, sodass Händler und Hersteller auf ungewöhnlich vollen Lagern saßen. Ein einzelner Hersteller hatte laut Branchenvertretern zeitweise knapp eine Million zu viele Räder auf Lager.
Zusätzlich trübten der Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und hohe Inflation das Konsumklima. Der Absatz von Fahrrädern ohne Motor und E-Bikes in Deutschland sank 2023 um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf europäischer Ebene fiel der Gesamtabsatz 2024 um fünf Prozent auf 15,9 Millionen Stück – die niedrigste Verkaufszahl seit über 20 Jahren.
Der Umsatz der gesamten deutschen Fahrradbranche, inklusive Reparaturen und Services, ging 2024 um rund sieben Prozent auf 27,2 Milliarden Euro zurück.
Preisverfall und Wettbewerbsdruck
Übervolle Lagerbestände resultierten in intensiven Rabattaktionen. Hochwertige Fahrräder wurden zeitweise mit Nachlässen von 50 bis 70 Prozent im Handel angeboten. Solche Preisnachlässe drücken die Margen und belasten die Ergebnislage der Unternehmen erheblich. Insbesondere das Premiumsegment war betroffen; die Preise für klassische Fahrräder blieben 2025 mit rund 500 Euro relativ stabil.
Der Wettbewerbsdruck aus China verschärft die Lage zusätzlich. Branchenvertreter beobachten, dass China den Export von Fahrrädern und Komponenten nach Europa stark vorantreibt, teilweise als Reaktion auf US-Zölle und mit deutlich niedrigeren Preisen. Gleichzeitig belasten steigende Rohstoff-, Komponenten-, Lohn- und Transportkosten die Hersteller in Deutschland und Europa.
Constantin Gall von EY kritisiert, dass deutsche Konzerne unter strukturellen Kostennachteilen leiden und notwendige Veränderungen nicht konsequent umgesetzt haben.
Eine Welle von Insolvenzen erfasst die Branche
Die angespannte Marktlage manifestiert sich in zahlreichen Insolvenzen und Sanierungen. VanMoof meldete im Juli 2023 Insolvenz an und wurde später aus dem Verfahren heraus übernommen. Advanced Bikes, nach eigenen Angaben der erste reine E-Bike-Hersteller Deutschlands, stellte am 25.
November 2024 einen Insolvenzantrag. Mate Bike aus Dänemark meldete im Oktober 2023 Insolvenz, Gleam Bikes aus Österreich im August 2023.
Die Accell Germany GmbH beantragte am 5. August 2026 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Schweinfurt; die Konzernmutter meldete ebenfalls Insolvenz an. Für die 370 Beschäftigten in Sennfeld und Waldsassen sind Löhne und Gehälter durch Insolvenzgeld bis Ende Oktober 2026 gesichert.
Weitere Firmen, die Insolvenzen anmeldeten oder Restrukturierungen durchlaufen, sind unter anderem eROCKIT, Syntace, HiBike Bär KG und HiBike GmbH, Sprick Cycle, Möve Mobility, Rad Power Bikes und Sushi Mobility. Auch die KTM AG meldete Insolvenz; die KTM Fahrrad GmbH war davon jedoch nicht betroffen. Canyon verzeichnete 2025 einen deutlichen Umsatzrückgang und kündigte im Januar 2025 die Streichung von bis zu 320 Stellen an.
Die Krise wirkt sich somit auch auf die Beschäftigung aus: Die Zahl der direkt Beschäftigten sank 2025 um rund drei Prozent auf etwa 74.300 Menschen.
Lichtblicke: Leasing, Technologie und Nischenwachstum
Trotz der Belastungen halten sich einige Segmenttrends. Die Nachfrage nach E-Bikes ist vergleichsweise stabil geblieben. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland rund zwei Millionen E-Bikes verkauft, ein leichter Rückgang von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der E-Bike-Anteil lag 2025 bei 52,7 Prozent des Gesamtmarktes.
Technische Weiterentwicklungen, etwa leichtere Akkus mit größerer Reichweite und verbesserte Motorentechnik, erhöhen die Attraktivität von E-Bikes. Politische Förderung nachhaltiger Mobilität und Maßnahmen zur Verkehrswende gelten weiterhin als unterstützende Faktoren. Dienstradleasing hat sich zudem zu einem wichtigen Absatzmotor für hochwertige Räder entwickelt; mehr als 60.000 neue Arbeitgeber bieten Leasing an.
Parallel dazu wächst der Refurbishment-Markt für professionell aufgearbeitete Gebrauchtfahrräder.
Bestimmte Radgattungen verzeichnen weiterhin gute Verkaufszahlen. Rennräder und Gravelbikes erreichten seit 2019 zusammen ein Absatzplus von rund 51 Prozent. Im Jahr 2024 entfielen sechs von zehn verkauften Dropbar-Rädern auf Gravelbikes.
Kinderräder bleiben ebenfalls gefragt. Unmotorisierte ATBs und E-Rennräder sind weiterhin Nischenprodukte; E-Mountainbikes stellen das größte Segment dar, verzeichnen jedoch leichte Anteilsverluste.
Ausblick: Konsolidierung und strategische Neuausrichtung
Die Markterholung zieht sich voraussichtlich hin. Für 2025 wurde vielfach ein relativer Tiefpunkt prognostiziert; Beobachter erwarten weitere Insolvenzen und gleichzeitig eine Zunahme von M&A-Aktivitäten, nachdem die Zahl der M&A-Transaktionen 2024 bereits um ein Drittel gefallen war. Die Branche steht vor einer weiteren Konsolidierung.
Unternehmen reagieren mit strategischen Maßnahmen. Die BMC Group plant eine stärkere Fokussierung auf Kernsegmente wie Rennräder und Gravelbikes. Die Accell Group kündigte an, Produktionskapazitäten zu verschieben, um die Effizienz zu steigern.
Die Übernahme der Mehrheit an der Uvex Group durch Warburg Pincus ist ein Beispiel für Transaktionen, die Wachstum und internationale Ausrichtung vorantreiben sollen. Als zentrale Aufgaben für die Branche gelten die Reduzierung von Abhängigkeiten von großen Komponentenlieferanten, das Sichern von Liquidität, die Professionalisierung von Prozessen und die Straffung des Produktportfolios. Öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Service- und Reparaturangebote sowie die Digitalisierung gelten als potenzielle Wachstumstreiber.
Die Fahrradmesse Eurobike in Frankfurt (25. bis 29. Juni 2025) dürfte weitere Einblicke in strategische Anpassungen und Perspektiven der Branche liefern.







