Figure AI schickt die dritte Generation seines zweibeinigen Roboters in den industriellen Härtetest. Nach einem mehrmonatigen Probelauf des Vorgängermodells in der Automobilfertigung setzt das US-Startup den neu konstruierten Figure 03 nun für Logistikaufgaben ein und unterzieht die Plattform mehrtägigen Dauerbelastungstests.
Mehr Dynamik und Sensitivität in der Hardware
Die Plattform basiert auf einer grundlegend neu entwickelten Hard- und Software-Architektur. Das Gewicht liegt nach Angaben des Herstellers bei rund 60 bis 61 Kilogramm, was neun bis 14 Prozent leichter als das Vorgängermodell ist. Die Körpergröße beträgt je nach Messung 1,68 Meter beziehungsweise 1,73 Meter.
Bei der Bewegungsdynamik verzeichnet das Unternehmen deutliche Fortschritte. Während frühere Gehgeschwindigkeiten bei 1,2 bis 1,3 Metern pro Sekunde lagen, erreicht Figure 03 im Laufmodus ein Tempo von 6,5 Meilen pro Stunde, was rund 10,5 Kilometern pro Stunde entspricht.
Statt isolierter Spitzenwerte dokumentiert Figure AI mehrtägige Belastungstests unter realen Bedingungen. Dazu zählen ein 48-stündiger unterbrechungsfreier Logistikbetrieb und ein 137-stündiger Livestream-Dauereinsatz. Für längere Arbeitszyklen nutzt das Unternehmen eine induktive Ladelösung mit zwei Kilowatt Leistung über Spulen in den Roboterfüßen.
Die Akkulaufzeit beträgt bis zu fünf Stunden pro Ladezyklus.
Zudem verfeinert Figure AI die Manipulationsfähigkeiten: Taktile Sensoren in den Händen registrieren minimale Druckkräfte ab drei Gramm. Weitwinkelkameras in den Handflächen ergänzen das zentrale Kamerasystem, das im Vergleich zum Vorgänger eine verdoppelte Bildrate, ein um 60 Prozent größeres Sichtfeld und eine um 75 Prozent reduzierte Latenz aufweist. Die Nutzlast reicht bis zu 20 Kilogramm.
Autonomie durch Physical AI
Die Steuerung übernimmt ein proprietäres Vision-Language-Action-Modell namens Helix beziehungsweise Helix 02. Das System verknüpft visuelle Perzeption, Sprach- und Kontextverständnis sowie die ganzkörperliche Bewegungssteuerung in einem neuronalen Verbund. Anfang 2025 beendete Figure AI die rund einjährige Kooperation mit OpenAI, um sich vollständig auf das hauseigene Modell zu konzentrieren.
Die Kinematik arbeitet mit einer zweistufigen Architektur: Eine niederfrequente Kontextanalyse steuert das System im Zusammenspiel mit einer hochfrequenten Motorregelung bei 200 Hertz. Den Flottendaten-Upload wickelt das Unternehmen über mmWave-Verbindungen mit einer Übertragungsrate von zehn Gigabit pro Sekunde ab.
Ein standardisierter Zehn-Stunden-Benchmark in der Paketsortierung verdeutlicht die Annäherung an menschliche Leistungswerte. Figure 03 sortierte dabei 12.732 Pakete mit einer durchschnittlichen Taktzeit von 2,83 Sekunden pro Stück. Ein menschlicher Vergleichsarbeiter, der Praktikant Aimé Gérard, bewältigte im selben Zeitraum 12.924 Pakete bei 2,79 Sekunden pro Stück.
Der menschliche Vorsprung lag somit bei lediglich 192 Paketen, wobei Beobachter deutliche Ermüdungserscheinungen beim menschlichen Teilnehmer registrierten.
Vom Pilotprojekt zur industriellen Serienfertigung
Die industrielle Bewährungsprobe findet vorrangig im Automobilbau statt. Im BMW-Werk Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina unterstützte das Vorgängermodell Figure 02 über einen Zeitraum von zehn bis elf Monaten den Karosseriebau für mehr als 30.000 Fahrzeuge der BMW-X3-Baureihe. Den neuen Figure 03 setzt der Autobauer nun für komplexere Sequenzierungsaufgaben in der Werkslogistik ein.
„Unser elfmonatiger Einsatz von Figure 02 hat bewiesen, dass Humanoide längst keine Laborexperimente mehr sind“, erklärt Brett Adcock, Gründer und CEO von Figure AI. Humanoide Roboter könnten ein wertvoller Bestandteil beim Aufbau einer flexiblen, zuverlässigen Fertigungsbelegschaft sein.
Parallel zur Modellentwicklung forciert Figure AI die eigenen Produktionskapazitäten. In der Fertigungsstätte BotQ steigerte das Unternehmen die Ausstoßrate innerhalb von 120 Tagen von einer Einheit pro Tag auf eine Einheit pro Stunde, was rund 55 Einheiten pro Woche entspricht. Bislang fertigte das Unternehmen nach eigenen Angaben über 350 Roboter und mehr als 9.000 Aktuatoren.
Für die erste Fertigungslinie peilt das Management eine Jahreskapazität von 12.000 Einheiten an. Bis 2029 plant das Unternehmen die kumulierte Produktion von 100.000 Einheiten.
Ambitionierte Bewertungen und industrielle Realität
Die jüngste Finanzierungsrunde unterstreicht diese Skalierungspläne. In einer Series-C-Runde sicherte sich Figure AI mehr als eine Milliarde US-Dollar, wodurch das Gesamtkapital auf nahezu zwei Milliarden Euro stieg. Die Post-Money-Bewertung kletterte mit Stand September 2025 auf 39 Milliarden US-Dollar. Zu den Geldgebern gehören Tech-Konzerne wie Microsoft, Nvidia, Intel und Amazon.
Beim Vertrieb verfolgt Figure AI unterschiedliche Modelle: Für den industriellen B2B-Einsatz liegt der Listenpreis bei rund 130.000 US-Dollar. Für spätere Consumer- und Haushaltsanwendungen plant das Unternehmen ein Hardware-as-a-Service-Modell mit rund 10.000 Euro Anschaffungspreis und etwa 100 Euro Monatsgebühr.
Marktforscher prognostizieren erhebliche Zuwächse, urteilen über die Dimensionen jedoch uneinheitlich. Interact Analysis erwartet bis 2035 ein globales Marktvolumen von rund 15 Milliarden Euro und datiert den kommerziellen Wendepunkt auf das Jahr 2032 mit jährlichen Auslieferungen von über 700.000 Einheiten. Die Unternehmensberatung Roland Berger kalkuliert das Umsatzpotenzial bis 2035 hingegen deutlich optimistischer auf 300 bis 750 Milliarden US-Dollar.
Gleichzeitig wächst der Druck durch den Wettbewerb. Tesla meldete Verzögerungen bei seinem Humanoiden Optimus im Hinblick auf das Zwischenziel von 5.000 Einheiten. Boston Dynamics plant die Serienfertigung des Modells Atlas mit bis zu 30.000 Einheiten pro Jahr ab 2028.
Chinesische Anbieter wie Unitree drängen derweil mit aggressiver Bepreisung auf den Markt und bieten Basisplattformen ab rund 5.900 US-Dollar an.
Industrieexperten mahnen indes zu einer nüchternen Bewertung des Einsatzpotenzials. Hubertus Breier, CTO des Verbindungstechnikspezialisten Lapp, sieht Humanoide primär als Übergangstechnologie für Infrastrukturen, die ursprünglich für menschliche Arbeitskräfte entworfen wurden. In neu geplanten Fertigungsumgebungen sei die vollstationäre Automatisierung wirtschaftlich häufig überlegen.
Wie tragfähig das Geschäftsmodell von Figure AI letztlich ist, entscheidet sich daher nicht an Testläufen, sondern an der harten Gesamtanlageneffektivität im industriellen Schichtbetrieb.







