Fintechs, einst angetreten, um traditionelle Banken zu disruptieren, vollziehen einen strategischen Kurswechsel. Immer häufiger streben diese Technologie-Unternehmen selbst Banklizenzen an oder erwerben etablierte Finanzinstitute. Beispiele wie SoFi, Klarna und PayPal zeigen diese Entwicklung, da sie inzwischen als Banken auftreten.

Ein zentraler Treiber ist der Zugang zu günstigeren Finanzierungsquellen, insbesondere Spareinlagen, um das kreditbasierte Geschäft zu finanzieren und Zugang zum US-Finanzsystem zu erhalten.

Vom Banken-Schreck zur regulierten Institution

Noch vor wenigen Jahren prägte die Rhetorik einer „banklosen Welt“ die Kommunikation mancher Fintechs. SoFi warb 2016 mit dem Slogan „This is the beginning of a bankless world.“ Auch Revolut-CEO Nikolay Storonsky wurde mit dem Satz „I just don't like banks“ zitiert. Diese Haltung wandelt sich.

Chime kündigte die Übernahme der Stride Bank an. Revolut hat eine Banklizenz beantragt. Block (ehemals Square) erhielt 2021 eine sogenannte „Skinny Banking License“ und strebt weitere Banklizenz-Schritte an.

LendingClub erwarb 2020 eine Bank und firmiert inzwischen als „Happen“. Robinhood gab 2019 seine Ambitionen auf eine Banklizenz auf; Ende August 2026 wies die Plattform 28,6 Millionen finanzierte Kunden und 384 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern aus.

Zugang zu Kapital und Infrastruktur als Motivation

Eine Banklizenz verschafft direkten Zugang zu Einlagen als Finanzierungsquelle. Für US-Fintechs sind außerdem die Einlagensicherung durch die FDIC sowie der Anschluss an Instrumente wie das Fed Discount Window und ein Fed Master Account relevant. Diese Rechte werden in der Recherche als treibende Faktoren genannt.

Das Beratungsunternehmen Klaros Group, mitgegründet von Michele Alt, einer ehemaligen Anwältin der OCC, berät Fintechs beim Lizenzierungsprozess. Alt betont, dass die OCC zwar offen für Anträge ist, eine Lizenzierung jedoch keine Selbstverständlichkeit darstellt und strenge Anforderungen voraussetzt.

Regulatorische Hürden und internationale Dynamik

Der Erwerb einer Banklizenz ist ein langwieriger und kapitalintensiver Prozess, der Jahre dauern kann. Die US-Aufsichtsbehörde OCC hat bis August 2026 14 Anträge genehmigt, doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025.

Ein Beispiel aus Großbritannien ist Ayan Capital. Das 2023 gegründete Fintech, das Sharia-konforme Autofinanzierungen anbietet, sicherte sich im September 2026 eine Kreditfazilität von bis zu 75 Millionen Pfund Sterling von Triple Point. Ayan Capital plant, eine UK-Banklizenz zu beantragen.

Das Unternehmen hatte im Dezember 2024 3,4 Millionen Pfund in einer Pre-Series-A-Runde eingesammelt und erhielt im Oktober 2025 eine Kreditlizenz von der Financial Conduct Authority. CEO Abdullo Kurbanov sagte, das Unternehmen wolle über die Finanzierung mehr Kunden bedienen und langfristig eine Challenger Bank aufbauen.

Fintech-Dienstleister profitieren vom Wandel

Der Trend zur Banklizenzierung befeuert auch das Geschäft von Dienstleistern, die Technologie an Banken und Fintechs liefern. FintechOS, ein in London ansässiges Unternehmen, verkauft KI-Software an Banken und Versicherer. Das Unternehmen erhielt 28 Millionen US-Dollar in einer Mischung aus Eigenkapital und Fremdkapital.

In der ersten Jahreshälfte 2026 berichtete FintechOS ein wiederkehrendes Umsatzwachstum von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr; das US-Geschäft wuchs im gleichen Zeitraum um 130 Prozent. Das operative EBITDA hat sich nach Angaben des Unternehmens mehr als verdoppelt.

CEO Teo Blidarus stellte fest, dass Wachstum und Profitabilität Hand in Hand gehen. CFO Cyril Desouza verwies darauf, dass die spätere Erreichung der Gewinnschwelle das Ergebnis eines mehrjährigen Anstrengungspakets war. Investoren wie Bek Ventures, IFC und Molten Ventures sind beteiligt; das Unternehmen erwartet, in diesem Jahr mehr als 20 neue Finanzinstitute als Kunden zu gewinnen.

Blick in den Markt: Wettbewerb und Konvergenz

Die Konvergenz von Fintechs und traditionellen Banken wird durch die zunehmende Nutzung von Technologien wie Künstlicher Intelligenz in beiden Sektoren begleitet. Standard Chartered plant, fast 7.800 Backoffice-Stellen durch automatisierte Finanztechnologie zu ersetzen. Der deutsche Versicherungsmakler MRH Trowe setzt KI-Agenten auf Basis von AWS ein.

Analysten wie Macrae Sykes von Gabelli Funds äußern kurzfristige Bedenken hinsichtlich der KI-Disruption, sehen aber zugleich positive Fundamentaldaten für Banken vor dem Hintergrund einer robusten Wirtschaft und Beschäftigung.

Ausblick: Weitere Konsolidierung und regulatorische Anpassung

Der Trend, dass Fintechs Banklizenzen anstreben oder Institute übernehmen, dürfte anhalten. Dies führt zu Verschiebungen im Wettbewerb und zu Anpassungsbedarf bei Regulierungsrahmen. Die saudische Zentralbank SAMA hat etwa eine regulatorische Sandbox für Supply-Chain-Finance etabliert und Schritte zur Öffnung des Marktes für digitale Zahlungen und Open Banking unternommen.

Offene Fragen bleiben. Die genaue Bewertung von Chime nach der angekündigten Übernahme der Stride Bank ist nicht klar dokumentiert. Bei FintechOS fehlen zudem absolute Umsatzzahlen, um die berichteten Wachstumsraten einzuordnen. Diese Detailfragen beeinflussen weiterhin die Marktbewertung einzelner Akteure.