Die deutschen Privatanleger zeigen im September ein differenziertes Bild ihrer Anlagestrategien. Eine Analyse von Flatexdegiro untersuchte die Kapitalströme von 450.000 Kunden im vergangenen Monat. Sie weist sowohl Käufe in abgeschlagenen Titeln als auch Gewinnmitnahmen bei Gewinnern aus. Während einige Sektoren Zuflüsse verzeichnen, ziehen Anleger Kapital aus anderen Bereichen ab.
Die Auswertung der Nettogeldflüsse bei den 200 größten Einzelaktienpositionen gibt Aufschluss über Veränderungen in den Depots deutscher Anleger. Flatexdegiro definiert den Net Flow als Indikator dafür, ob Aktien netto nachgekauft oder verkauft wurden. Dieser Indikator setzt Positionsveränderungen ins Verhältnis zum Aktienkurs.
Konträre Strategien bei Einzelaktien
Im September positionierten sich Privatanleger selektiv. Den höchsten Nettozufluss verzeichnete der Industriekonzern Thyssenkrupp mit einem Plus von 22,1 Prozent. Chris-Oliver Schickentanz, Chief Investment Officer bei Capitell, führt Käufe unter anderem auf Gerüchte um einen möglichen Käufer der Aufzugssparte und eine daraus resultierende Sonderdividende zurück.
Auch das kanadische Bergbauunternehmen Energy Fuels und der Fahrdienstleister Uber sahen Zuflüsse von 19,4 Prozent beziehungsweise 16,3 Prozent. Zu den Werten mit positivem Net Flow zählten zudem die Immobilienkonzerne LEG und Vonovia sowie die Deutsche Bank. Die Thyssenkrupp-Tochter TKMS, ein U-Boot-Produzent, gehörte erneut zu den Top 10 mit einem Net Flow von 7,6 Prozent.
Nach hohen Zuflüssen im Juli und stärksten Nettoabflüssen im August rangierte sie im September wieder in den Top-Positionen.
Gleichzeitig gab es bei anderen Titeln deutliche Abflüsse. Seagate Technology, ein Hersteller von Datenspeichern, verzeichnete Nettoabflüsse von mehr als 25 Prozent. Ähnlich stark waren die Abflüsse bei der Versandapotheke Redcare Pharmacy.
Meta wies einen negativen Net Flow von 4,7 Prozent auf. Schickentanz führt die Verkäufe bei Seagate auf Übernahmegerüchte um eine TDK-Einheit zurück, welche das finanzielle Profil von Seagate belasten könnten.
Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität, identifiziert zwei gegensätzliche Strategien: antizyklisches Investieren, etwa die Käufe bei Uber und Energy Fuels nach Kursrückgängen, und prozyklisches Investieren, wie es bei Thyssenkrupp beobachtet wurde. Die Daten deuten damit nicht auf eine einheitliche Marktstimmung, sondern auf heterogenes Anlegerverhalten.
Branchen im Fokus: Immobilien und Rohstoffe
Auf Branchenebene zeigten sich im September klare Tendenzen. Die Immobilienbranche, der Bereich Reisen und Freizeit sowie Industrie-Aktien verzeichneten positive Net Flows. Immobilienwerte profitierten dabei von Zukäufen.
Schickentanz zeigt sich überrascht von Zukäufen bei Immobilien angesichts gestiegener Langfristzinsen. Diese können Finanzierungskosten erhöhen und Immobilienbewertungen drücken. Er bezeichnet Freizeit- und Reiseaktien in Zeiten steigender Kosten und sinkender verfügbarer Einkommen als wenig attraktiv.
Industrie-Aktien erklärt er mit der Präsenz von KI-Profiteuren und steigenden Infrastrukturausgaben.
Umgekehrt standen die Branchen Öl und Gas sowie Zahlungsverkehr und Fintech mit negativen Nettoabflüssen. Öl und Gas wiesen einen Median Net Flow von minus 5,3 Prozent auf. Dieser Wert war knapp dreimal so stark wie der zweitplatzierte Bereich.
Tobias Spreiter, Head of Business Development bei der Flatexdegiro Bank, deutet die Zurückhaltung unter anderem als Reaktion auf die Weltpolitik oder als Gewinnmitnahmen nach Kursanstiegen. Schickentanz hält einen generellen Rückzug aus energienahen Branchen, die als Absicherung im Portfolio dienen könnten, für riskant.
Einordnung der Beobachtungen
Die Dynamik unter den 450.000 deutschen Flatexdegiro-Kunden steht im Kontext einer steigenden Kapitalmarktteilnahme in Deutschland. Die Zahl der Wertpapierdepots liegt bei 37 Millionen. Das sind 14 Millionen mehr als 2020, davon sechs Millionen in den vergangenen zwei Jahren. Die deutsche Fondsbranche verzeichnete 2025 die höchsten Retail-Fondszuflüsse seit 2021 mit insgesamt 154 Milliarden Euro.
Die Amundi-Umfrage zum Anlageverhalten zeigt, dass 78 Prozent der deutschen Privatanleger digitale Anlageplattformen nutzen. 59 Prozent der Anleger geben an, keinen ausgearbeiteten Finanzplan zu haben, und 48 Prozent nutzen professionelle Beratung.
Das Verhalten im September reiht sich in frühere Beobachtungen ein. Bereits im Juli 2026 nutzten Anleger kurzfristige Rücksetzer bei Tech-Werten im KI-Umfeld für Zukäufe. Gleichzeitig fanden bei einigen starken Tech-Titeln Gewinnmitnahmen statt.
Tobias Spreiter beobachtete überdies, dass große, etablierte Tech-Konzerne und viele DAX-Werte inzwischen als „Basisinvestment“ gelten. Bei diesen Titeln finden deutlich weniger Umschichtungen statt.
Ausblick: Marktdynamik und Anlegerverhalten
Die Auswertung von Flatexdegiro beleuchtet die unterschiedlichen Entscheidungsprinzipien deutscher Privatanleger. Die anhaltende Nachfrage nach Industrieaktien, gestützt auf Infrastruktur- und KI-Themen, sowie selektive Zukäufe in Immobilien trotz steigender Zinsen zeigen eine differenzierte Risikoneigung. Dagegen steht die vorsichtigere Haltung gegenüber Öl- und Gaswerten.
Analysten werden beobachten, ob sich die im September dokumentierten Muster als längerfristige Sektorrotationen etablieren oder vorübergehende Anpassungen bleiben. Insbesondere die Entwicklung globaler Leitzinsen und geopolitische Faktoren dürften das Anlegerverhalten weiter beeinflussen. Der Markt bleibt in Bewegung, und die Interaktion zwischen makroökonomischen Entwicklungen und individuellen Anlageentscheidungen wird die weiteren Trends formen.







