Die Anleihemärkte zeigen wachsende Skepsis gegenüber Frankreichs Haushaltslage. Die Renditedifferenz zwischen zehnjährigen französischen Staatsanleihen (OATs) und deutschen Bundesanleihen hat sich ausgeweitet. Politische Blockaden, ein wachsendes Haushaltsdefizit und die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im April 2027 tragen zu dieser Unsicherheit bei.
Steigender Renditeaufschlag signalisiert Misstrauen
Die Nervosität an den französischen Anleihemärkten nimmt zu. Der Renditeaufschlag zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber vergleichbaren deutschen Bundesanleihen erreichte in den vergangenen Tagen neue Höchststände. Zuletzt lag dieser Spread bei bis zu 1,52 Prozentpunkten. Dieses Niveau wurde zuletzt während der Eurokrise Anfang der 2010er Jahre beobachtet.
Modelle der Citigroup taxieren einen fairen Renditeabstand bei rund 90 Basispunkten. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen kletterte an einem Donnerstag auf bis zu 4,96 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Juli 2002. Zum Vergleich: Vor etwa drei Monaten lag die Rendite bei rund 3,7 Prozent.
„Die Risikowahrnehmung in Bezug auf französische Staatsanleihen verschlechtert sich. Der Markt beginnt, Frankreich und seine Verschuldung zu bestrafen, was er in der Vergangenheit nicht unbedingt getan hat“, konstatiert Marie Jacot, Geschäftsführerin bei Edmond de Rothschild Asset Management France.
Parallel dazu drückt die Unsicherheit den Euro. Die Gemeinschaftswährung notiert gegenüber dem US-Dollar auf einem 16-Monats-Tief. Hedgefonds verstärken ihre Wetten gegen den Euro. Auch die Kosten für die Absicherung französischer Staatsanleihen mittels fünfjähriger Kreditderivate (CDS) stiegen auf etwa 87 Basispunkte, den höchsten Stand seit 2013.
Politische Unsicherheit und Haushaltsdefizit belasten
Frankreichs Fiskallage ist angespannt. Die Schuldenquote des Landes liegt bei rund 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Das Haushaltsdefizit wird für 2026 voraussichtlich 5,4 Prozent des BIP erreichen. Für 2027 wird es auf rund 5,22 Prozent geschätzt. Der Wert für 2026 wäre demnach der höchste in der Eurozone. Damit verfehlt Frankreich offenbar frühere Ziele, die eine Reduzierung auf 5 Prozent des BIP vorsahen.
Finanzminister Roland Lescure betont die Solidität von Frankreichs Bonität. Die französische Haushaltsaufsicht bezeichnete den vorgelegten Haushaltsentwurf für 2027 als „optimistisch“. Um das Defizit auf 5 Prozent des BIP zu stabilisieren, müsste Paris den Primärsaldo um knapp zwei Prozentpunkte verbessern.
Die Zinskosten für Frankreichs Kredite haben sich seit 2020 mehr als verdoppelt. Laut Vorlagen könnten die Zinsausgaben im kommenden Jahr mehr als die Hälfte des Haushaltsdefizits ausmachen. Bis Ende des Jahrzehnts könnten sie 100 Milliarden Euro erreichen. EZB-Schätzungen gehen davon aus, dass die Zinskosten bis 2035 auf etwa 7,5 Prozent des BIP ansteigen könnten.
Gespaltenes Parlament erschwert Sparmaßnahmen
Die Umsetzung von Sparmaßnahmen erweist sich als schwierig. Die Regierung besitzt seit den Wahlen im Sommer 2024 keine eigene Mehrheit im Parlament. Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht Einsparungen von insgesamt 54 Milliarden Euro vor.
Dazu zählen das Einfrieren von Gehältern im öffentlichen Dienst, Kürzungen bei den meisten Rentenzahlungen sowie Reduzierungen von Steuervergünstigungen. Eine breit angelegte Steuererhöhung für private Haushalte und Unternehmen vermeidet der Entwurf.
Politologe Benjamin Morel weist darauf hin, dass Oppositionsparteien – auch solche in der Mitte – der Regierung kaum helfen wollen. Sie möchten nicht für die Politik von Präsident Emmanuel Macron mitverantwortlich gemacht werden. Morel sagte: „Denn wenn sie den Haushalt mitverabschieden würden, würden sie zwangsläufig zur Regierungsmehrheit gezählt und sich dem Vorwurf aussetzen, die Bilanz des Macronismus mitzutragen.“
„In Frankreich ist politisches Risiko gleichbedeutend mit finanzpolitischem Risiko. Das eigentliche Problem, das meiner Meinung nach von den Anlegern unterschätzt wird, ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zersplitterung“, erklärt Andrzej Szczepaniak, leitender Europa-Ökonom bei Nomura International Plc.
Premierminister Sébastien Lecornu warnte vor den Folgen einer Ablehnung des Haushaltsplans. Wenn jetzt keine schwierigen Maßnahmen ergriffen würden, müssten zukünftige Regierungen „brutale Einschnitte“ vornehmen.
Wahlkampf 2027 und Marktreaktionen
Die Präsidentschaftswahlen im April 2027 werfen lange Schatten voraus. Umfragen zeigen, dass die eurokritische Populistin Marine Le Pen derzeit führt. Sie überraschte unter anderem mit dem Vorschlag einer Schuldenbremse.
Anleger preisen zunehmend das Risiko ein, dass die Präsidentschaft in einer Stichwahl zwischen einer radikalen Rechten und einer radikalen Linken entschieden werden könnte. Die Unsicherheit über die künftige politische Ausrichtung belastet die Anleihemärkte zusätzlich.
Das aktuelle Marktumfeld wird zudem von einem Refinanzierungseffekt beeinflusst. Auslaufende Altanleihen, die einst zu sehr niedrigen Zinsen begeben wurden, müssen heute zu deutlich höheren Renditen ersetzt werden. Laut Oxford Economics können die meisten Staatshaushalte höhere Zinsen verkraften, weil ihre Schulden im Durchschnitt lange Laufzeiten haben.
In einem schweren Szenario müssten Frankreich und Italien aber die Haushaltspolitik um mehr als einen Prozentpunkt des BIP straffen, um dauerhaft höhere Zinskosten auszugleichen.
Das Transmission Protection Instrument (TPI) der EZB greift nicht automatisch bei selbst verschuldeten fiskalischen Verwerfungen oder Verstößen gegen EU-Haushaltsregeln.
Ausblick: Beobachter erwarten weitere Turbulenzen
Marktbeobachter rechnen mit anhaltender Volatilität. Der Renditeaufschlag zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen könnte bis Ende 2027 auf bis zu 200 Basispunkte steigen, falls die politische und fiskalische Unsicherheit in Frankreich anhält. Entscheidend wird sein, ob die Regierung den Haushaltsentwurf im gespaltenen Parlament durchsetzt.
Analysten werden die Entwicklung des Haushaltsdefizits und die Fortschritte bei Konsolidierungsmaßnahmen genau verfolgen. Die Wahlen 2027 und die damit verbundene Unsicherheit über die künftige Wirtschaftspolitik Frankreichs bleiben ein zentraler Faktor für die Stabilität der Eurozone.







