Freiburg festigt seinen Ruf als „Green City“ mit Berichten über ein neues Gewerbeprojekt, das als „grün“ bezeichnet wird. Die Ankündigung erschien in einem Advertorial der Immobilien Zeitung, wobei die Quelle offenlässt, ob es sich um ein neu initiiertes Einzelprojekt oder um die Fortführung bestehender Initiativen handelt. Freiburg verfolgt das Ziel, Klimaneutralität bis 2038 zu erreichen, sieben Jahre vor dem bundesweiten Ziel von 2045.
Systematischer Ausbau grüner Infrastruktur
Freiburgs Selbstverständnis als „Green City“ reicht bis 2008 zurück. Die Stadt verfolgt einen systematischen Ansatz zur Dekarbonisierung bestehender Industrie- und Gewerbegebiete. Diese Strategie wird in der Recherche als „Königsdisziplin der Transformation“ bezeichnet.
Ein Beispiel dafür ist der Green Industry Park (GIP) Freiburg. Die Initiative startete 2014 im Industriegebiet Nord. Der GIP umfasst insgesamt 420 Hektar gewerblicher Flächen und beherbergt im ältesten sowie größten Industriegebiet der Stadt rund 300 Unternehmen mit etwa 15.000 Beschäftigten.
In den ersten zehn Jahren reduzierten sich die CO2-Emissionen laut Projektangaben um 34 Prozent, während die Zahl der Arbeitsplätze um 37 Prozent stieg.
Ein konkretes Projekt im GIP Nord ist die Abwärmenutzung durch das Unternehmen Cerdia. Es liefert jährlich 5,3 Millionen Kilowattstunden Abwärme in ein Nahwärmenetz. Dies führt nach Angaben der Recherche zu einer Einsparung von über 900 Tonnen CO2 pro Jahr.
Der GIP wurde 2018 mit dem Wettbewerb „Klimaaktive Kommune 2018“ ausgezeichnet. Im Jahr 2019 wurde das GIP-Prinzip auf das Gewerbegebiet Hochdorf übertragen.
An dem GIP beteiligen sich als Partner die Stadt Freiburg, die Wirtschaftsförderung FWTM, das Fraunhofer ISE, badenova und seit 2022 die IHK Südlicher Oberrhein.
Innovative Konzepte für nachhaltige Gewerbeflächen
Das in der Immobilien Zeitung erwähnte neue „grüne“ Gewerbeprojekt wird in einen Kontext mit bereits geplanten und laufenden Bauvorhaben in Freiburg gestellt. Ein Beispiel ist der HaidPark, ein geplanter Büro- und Dienstleistungskomplex im Gewerbegebiet Haid. STRABAG Real Estate entwickelt das Projekt, das nach eigenen Angaben auf DGNB Gold Standards und ESG Kriterien ausgerichtet ist.
Vorgesehen sind eine intensiv begrünte Parkanlage von etwa 2.000 Quadratmetern, Photovoltaikanlagen sowie Maßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe. Die Bruttogeschossfläche beträgt 35.760 Quadratmeter.
Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände entsteht zudem das Projekt Nestbau³. Dieses Vorhaben umfasst rund 230 Wohnungen und Gewerbeflächen. Es strebt eine hohe Energieeffizienz nach KfW Effizienzgebäude 40 an.
Geplant sind geringe CO2-Emissionen, eine Nahwärmeversorgung und Fotovoltaik mit Speicher. Ferner sind ein Mobilitätskonzept mit reduzierter Parkplatzzahl sowie eine umfangreiche Fahrradinfrastruktur vorgesehen.
Freiburgs Ansätze zur Entwicklung „grüner“ Gewerbeflächen schließen interkommunale Initiativen ein. Das Projekt „Interkommunales Gewerbeflächenmanagement Region Freiburg“ zielt darauf ab, ungenutzte Flächen zu aktivieren und Bestandsgebiete aufzuwerten.
Beteiligte sind unter anderem die Kommunen Emmendingen, Freiburg, Heitersheim, Neuenburg und Staufen sowie der Verband Region Südlicher Oberrhein (VRSO) und die Wirtschaftsförderung Region Freiburg (WRF). Das baden-württembergische Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen fördert das Projekt. Staatssekretärin Andrea Lindlohr betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Aufwertung von Gewerbegebieten.
Herausforderungen und der Weg zur Klimaneutralität
Gleichwohl bestehen Konflikte und offene Fragen bei der Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen. Ein aktueller Fall ist das „Greenhouse“ im Stadtteil Rieselfeld mit einer begrünten Fassade. Die Eigentümergemeinschaft beschloss, die Fassadenbegrünung zu entfernen, woraufhin Mieter und der NABU Freiburg Einspruch erhoben.
Mieterin Isabell Rosenkranz kritisierte den Rückbau. Der Architekt des Gebäudes, Wolfgang Frey, wies die Begründung der Eigentümergemeinschaft, Wurzeln könnten Schäden verursachen, als unbegründet zurück. Nach der vorliegenden Recherche existiert kein unabhängiges Gutachten, das die Behauptungen der Eigentümergemeinschaft bestätigt oder widerlegt.
Freiburg plant ab 2023, jährlich 12 Millionen Euro in zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen zu investieren. Zu den in der Recherche genannten Projekten gehören das geplante klimaneutrale Fußballstadion des SC Freiburg, das Abwärme und Fotovoltaik nutzen soll. Ebenso das Neue Rathaus, das als eines der ersten Nullenergiegebäude weltweit und als größtes Plusenergiegebäude Europas beschrieben wird.
Die Entwicklung neuer Stadtteile wie Dietenbach, das als klimaneutral geplant ist und mit Wärmepumpen, Abwärmenutzung sowie Fotovoltaik versorgt werden soll, ist Teil des Gesamtansatzes. Das in der Immobilien Zeitung erwähnte „grüne“ Gewerbeprojekt wird in der lokalen Debatte in den Kontext von GIP, HaidPark, Nestbau³ und weiteren Maßnahmen gestellt.
Offen bleibt, welche konkreten Nachhaltigkeitsstandards dieses Vorhaben umsetzen wird und inwiefern es bestehende Konzepte ergänzt. Wie Freiburg den Zielkonflikt zwischen ambitionierten Klimazielen und praktischen Herausforderungen der Stadt- und Wirtschaftsentwicklung ausbalanciert, wird sich an den konkreten Umsetzungen zeigen.







