Vietnam im Aufwind: FTSE-Hochstufung lockt Milliarden in den Finanzsektor
Vietnamesische Aktien wurden am 21. September offiziell in die Emerging-Market-Indizes von FTSE Russell aufgenommen. Dieser Schritt markiert einen bedeutenden Meilenstein für das Land und ist das Ergebnis mehrjähriger Anstrengungen, die Kriterien des Indexanbieters zu erfüllen.
FTSE Russell schätzt, dass die Hochstufung bis zu sechs Milliarden US-Dollar an Kapital von ausländischen Investoren in vietnamesische Unternehmen umleiten könnte. Vietnam strebt an, bis 2030 jährlich 76 Milliarden US-Dollar über seine Kapitalmärkte zu beschaffen, um die Abhängigkeit von Bankkrediten zu verringern.
Finanzsektor als Hauptprofiteur der Indexaufnahme
Die erwarteten Kapitalflüsse dürften primär den Banken- und Wertpapiersektor stärken, weniger die exportorientierten Fertigungsunternehmen. Von den 27 Unternehmen, die FTSE in seinen Korb aufgenommen hat, sind 15 Banken oder Wertpapierfirmen. Sechs Titel – Vietcombank, Vingroup, Vinhomes, BIDV, VP Bank und Hoa Phat – wurden in den FTSE All-World Index integriert.
Selbst bei diesen Werten begrenzen jedoch Eigentumsobergrenzen und ein geringer Streubesitz die Kaufmöglichkeiten für ausländische Investoren.
Nur Banken, die zuvor schwächere Kreditinstitute übernommen haben, dürfen nun bis zu 49 Prozent ausländisches Eigentum zulassen; die staatlich kontrollierte Vietcombank ist hiervon ausgenommen. Anh Tran, Professor für Finanzwesen an der Bayes Business School, City St George’s, University of London, ordnet die Bedeutung der Einstufung ein: „Vietnams Upgrade zum Schwellenlandstatus ist ein wichtiger Meilenstein. Es dient als externe Validierung der wirtschaftlichen Entwicklung und der Finanzmarktreformen des Landes und platziert Vietnam im Universum institutioneller Investoren, die sich an FTSE Emerging-Market-Indizes orientieren oder diese verfolgen.“
Das Wirtschaftswachstum Vietnams erreichte im ersten Halbjahr 2026 mit 8,2 Prozent den höchsten Wert seit 15 Jahren. Dieses Wachstum wurde vor allem von exportorientierten Sektoren wie Elektronik und Metallen getragen. Die Exporte stiegen in den ersten sieben Monaten des Jahres um über 20 Prozent, trotz eines US-Zolls von 20 Prozent auf vietnamesische Waren.
Ein Großteil der wachstumsstarken Export- und Fertigungsunternehmen ist jedoch nicht börsennotiert. Hanh Le, Dozentin für Finanzwesen an der RMIT University Vietnam, fasst die Situation prägnant zusammen: „Indexgelder folgen den Regeln des Index, nicht der Struktur der Wirtschaft.“
Reformen ebnen den Weg zum Aufstieg
Die Aufnahme in die FTSE-Schwellenländer-Indizes ist das Ergebnis umfassender Marktregulierungsreformen. Vietnam stand seit 2018 auf der Beobachtungsliste für eine Hochstufung. Die Ho Chi Minh Stock Exchange führte in Zusammenarbeit mit der südkoreanischen Börse ein neues Handelssystem ein.
Parallel dazu wurden Beschränkungen für ausländisches Eigentum gelockert und Unternehmen wurden dazu angehalten, mehr Informationen in englischer Sprache zu veröffentlichen.
Nguyen Luong Hai Khoi, Forscher an der University of Oregon, betont die Notwendigkeit eines modernisierten Kapitalmarkts als Grundlage für ein globales Finanzzentrum. Generalsekretär To Lam hatte laut Einschätzung ebenfalls darauf verwiesen, dass ein solches Zentrum nicht allein von inländischer Liquidität oder traditionellen administrativen Rahmenbedingungen abhängen könne. Trotz der Reformen waren ausländische Investoren seit 2022 Nettoverkäufer vietnamesischer Aktien.
In der Woche vor dem 21. September kauften ausländische Anleger netto Aktien im Wert von 2,7 Billionen Dong, etwa 104 Millionen US-Dollar, an der Ho Chi Minh Stock Exchange. Insgesamt bleiben sie jedoch Nettoverkäufer von rund 91 Billionen Dong.
Die Vermögensverwaltungsfirma Vanguard plant, ihre Investitionen in Vietnam in den kommenden Jahren auf etwa 2,5 Milliarden US-Dollar zu erhöhen.
Ausblick: Volle Inklusion und die Herausforderung MSCI
Die vollständige Aufnahme Vietnams in die FTSE Emerging-Market-Indizes erfolgt schrittweise bis 2027. Der Übergang ist in vier Phasen geplant: Eine erste Aufnahme von zehn Prozent erfolgte im September; im kommenden März sollen weitere 20 Prozent folgen, im Juni 35 Prozent und im September des folgenden Jahres die restlichen 35 Prozent. Thomas Nguyen, Chief Global Markets Officer bei SSI Securities Corporation, dem zweitgrößten Broker Vietnams nach Marktanteil, erwartet, „dass der Markt bis 2027 relativ gedämpft bleiben könnte“, sieht aber eine wieder aufflammende Aufmerksamkeit mit jeder weiteren Inklusionstranche.
Die FTSE-Hochstufung ist ein wichtiger Schritt, jedoch nicht der Endpunkt der Kapitalmarktentwicklung Vietnams. Beobachter weisen auf anhaltenden Verbesserungsbedarf bei Marktinfrastruktur, Transparenz und Qualität hin. Nennenswerte Themen sind die Unternehmensberichterstattung in Englisch, die Anpassung von Clearing-Frameworks an internationale Standards sowie Maßnahmen zur Lenkung von Kapital in die Hightech-Fertigung.
Ein zentrales Thema bleibt das Fehlen eines zentralen Gegenparteien-Clearing-Mechanismus; dessen Einführung wird für 2027 erwartet und gilt als wichtig für eine mögliche Hochstufung durch den Indexanbieter MSCI.
MSCI klassifiziert Vietnam weiterhin als Frontier-Markt und verweist dabei auf anhaltende Beschränkungen für ausländisches Eigentum. Eine MSCI-Hochstufung würde umfassendere institutionelle Reformen erfordern. Für den Moment ist die FTSE-Aufnahme eine psychologische und operative Etappe.
Deren langfristiger Nutzen hängt von der weiteren Entwicklung der Marktinfrastruktur ab, wie Thu Phuong Pham, Associate Professor für Finanzwesen an der Curtin University, Australien, betont. Vietnam reiht sich damit neben Thailand, Malaysia, Indonesien und den Philippinen in die FTSE-Kategorie der „Emerging Markets“ ein.







