Co-Pierre Georg, Leiter des Centre for Digital Economics der Frankfurt School of Finance, warnt eindringlich vor Systemrisiken durch Bitcoin und andere Kryptowährungen. „Wer Bitcoin kauft, stellt Liquidität für illegale Zahlungen zur Verfügung“, erklärt er. Georg identifiziert drei Hauptgefahren für den Kryptomarkt: die Kapitalquote des Stablecoins Tether, den potenziellen Verkaufsdruck durch MicroStrategy sowie die kriminelle Nutzung von Kryptowährungen.

Dabei widerspricht Georg gängigen Statistiken über den Anteil illegaler Transaktionen im Kryptosektor.

Illegale Geldflüsse: Eine kritische Einordnung

Die verbreitete Annahme, dass nur ein geringer Prozentsatz des Krypto-Transaktionsvolumens illegal sei, bezeichnet Georg als „eine der größten Selbstlügen der Kryptoindustrie“. Er kritisiert die Chainalysis-Zahl für 2023, wonach 0,34 Prozent des Gesamtvolumens – rund 24 Milliarden US-Dollar – illegal waren. Chainalysis selbst weist darauf hin, dass diese absolute Summe erheblich ist und Kriminellen zur Tarnung dienen kann.

Georg fordert eine präzisere Analyse, die „Äpfel mit Äpfeln“ vergleicht und nur Zahlungen mit Zahlungen abgleicht. Nach seiner Darstellung fließen in die üblichen Berechnungen technische Transaktionen und Market Making ein, was den Anteil krimineller Aktivitäten verwässert. Er betont, dass Anlegerbetrug und Kinderpornografie reale Opfer fordern und nicht über Bargeld abgewickelt werden.

Als Beispiel für die kriminelle Nutzung nennt Georg Krypto-Mixer. Chainalysis zufolge erhielten Mixer zu Spitzenzeiten über 30 Prozent ihrer Zuflüsse von illegalen Adressen. Kriminelle können sich in einem großen, legitimen Markt „verstecken“, so die Formulierung von Chainalysis.

MicroStrategy und Tether: Systemische Risikofaktoren

Neben der kriminellen Nutzung identifiziert Georg weitere systemische Risiken. Das US-Softwareunternehmen MicroStrategy, das massiv in Bitcoin investiert und rund 840.000 Bitcoin hält, bewertet er als potenziellen Risikofaktor. „Ich glaube nicht, dass MicroStrategy schnell pleitegeht.

Aber wenn die Kurse sich nicht stabilisieren, werden die rund 840.000 Bitcoin allmählich auf den Markt kommen“, prognostiziert Georg. Die hohen Zinsen bei MicroStrategy-Vorzugsaktien interpretiert er als Zeichen eines erhöhten Risikos.

Ein weiteres zentrales Risiko stellt für Georg der Stablecoin Tether dar. Er warnt: „Eine wirkliche Krise würde ausbrechen, wenn bei Tether etwas schiefgeht.“ Tether gibt an, drei Viertel seiner Einlagen in US-Staatsanleihen und Cash zu halten; Bitcoin mache lediglich rund drei Prozent der Einlagen aus. Tether ist der größte Emittent von Stablecoins weltweit.

Sicherheit der Selbstverwahrung im Fokus

Jüngste Ereignisse beleben die Debatte um Self-Custody neu. Ein Hack von Coldcard-Hardware-Wallets führte zu Diebstählen in Höhe von über 140 Millionen US-Dollar in Bitcoin. Galaxy Research schätzt das Volumen auf 1.596 Bitcoin.

Am 29. Juli 2026 verlor der kanadische Nutzer Jonathan Goodman laut Bericht mehr als 18 Bitcoin im Wert von über 1,6 Millionen US-Dollar innerhalb von sieben Minuten. Coinkite bestätigte eine Sicherheitslücke, die auf einen Coding-Fehler aus dem Jahr 2021 zurückgeht, und veröffentlichte einen Blogeintrag sowie Aussagen zur Schwachstelle.

Die Vorfälle werfen Fragen zur Sicherheit der Selbstverwahrung auf. Changpeng Zhao (Binance) argumentiert, dass Börsen statistisch sicherer seien als Self-Custody, basierend auf Daten zu Verlusten durch Self-Custody und Exchanges. Die Coldcard-Vorfälle zeigen, dass auch Hardware-Wallets Schwachstellen aufweisen können.

Zugleich stiegen physische Diebstähle von Kryptowährungen („wrench attacks“). Im ersten Halbjahr 2026 summierten sich Verluste durch Heimüberfälle, Entführungen und Geiselnahmen auf 30 Millionen US-Dollar; einschließlich versuchter Entziehungen lag der Wert bei 107 Millionen US-Dollar.

Regulierung und Marktentwicklungen

Die MiCA-Verordnung gilt ab dem 1. Juli 2026 vollständig in der EU. Trotz strenger BaFin-Regulierung liegt Deutschland 2026 bei den MiCA-Lizenzen vorn, mit rund 70 heimischen Crypto Asset Service Providern (CASPs). Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass klare Rahmenbedingungen die Nachfrage nach Lizenzen fördern können.

Die Einschätzungen zur regulatorischen Entwicklung variieren. Robbie Mitchnick, Head of Digital Assets bei BlackRock, erklärt: „Bitcoin already has much of the regulatory acceptance it needs while other pockets of crypto, like decentralized finance, stand to gain more from the legislation.“

Die Marktentwicklungen zeigen gemischte Signale. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in einer Woche Zuflüsse von 853 Millionen US-Dollar, ein Wochenrekord seit April. Jiang Zhuoer vom B.TOP Mining Pool warnt hingegen vor einem „Scheineinstieg“ in einen Bullenmarkt und sieht im Abfluss von Stablecoins ein Zeichen schwacher Neukapitalzuflüsse.

Die Stablecoin-Marktkapitalisierung sank im August 2026 um rund 2,23 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu verpfändete das Bitcoin-Mining-Unternehmen MARA 18.750 Bitcoin als Sicherheiten, um 600 Millionen US-Dollar an Krediten aufzunehmen. Die Darlehen dienen unter anderem der Finanzierung von Akquisitionen.

Ausblick: Zwischen Skepsis und Etablierung

Die Warnungen von Kritikern wie Co-Pierre Georg, die Debatte über die Methodik der Kriminalitätsanalyse und die Herausforderungen bei der Verwahrung prägen den Diskurs. Zugleich schreitet die Integration von Krypto-Assets ins Finanzsystem voran, erkennbar an der Einführung von ETFs und der neuen Regulierung.

Analysten wie Ray Dalio empfehlen Diversifikation und erwarten, dass sich Anlagen wie Gold und Bitcoin relativ gut entwickeln könnten. Robbie Mitchnick sieht Bitcoin als profithabendes Asset bei wiederkehrenden Diskussionen über Staatsschulden. Ob sich Bitcoin langfristig als stabiler Wertspeicher etabliert oder die von Georg identifizierten Risiken zu einer größeren Krise führen, bleibt abzuwarten.

Die nächsten Monate und die vollständige Umsetzung der MiCA-Vorgaben dürften zusätzlichen Aufschluss über die weitere Entwicklung des Marktes geben.