Beim Nachhaltigkeits-Startup Greenzero belasten Berichte über interne Spannungen das Betriebsklima. Im Mittelpunkt der Kritik steht Thomas Schmidt, der frühere Vorstandschef des traditionsreichen Duisburger Familienkonzerns Franz Haniel und Cie. GmbH.

Schmidt fungiert seit Oktober 2024 als CEO und Investor des Jungunternehmens greenzero.me GmbH und sorgt mit seinen Managementmethoden für Unruhe in der Belegschaft.

Branchenbeobachter erkennen darin ein bekanntes Muster. Die aktuellen Reibungen weisen deutliche Parallelen zu den Konflikten auf, die im Herbst 2023 zum vorzeitigen Ausscheiden Schmidts an der Haniel-Spitze führten. Im Kern prallen dabei zwei Welten aufeinander: die hierarchische Ergebnisorientierung US-amerikanischer Großkonzerne und die agile Kultur eines jungen Technologieunternehmens.

US-Managementprinzipien treffen auf Startup-Kultur

Greenzero konzentriert sich auf ökologische Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft sowie das Tracking von CO₂- und Umweltfußabdrücken. Die Wurzeln des Projekts reichen in die Amtszeit Schmidts bei Haniel zurück. Erste Pilotinitiativen entstanden bereits zwischen 2021 und 2022 unter Beteiligung von Haniel-Mitarbeitern.

Mit Schmidts offiziellem Einstieg als Investor und operativer Chef im Herbst 2024 sollte die Skalierung der Plattform beschleunigt werden.

Im operativen Alltag kollidiert Schmidts Führungsstil jedoch mit Teilen des Teams. Der Manager verbrachte knapp zwei Jahrzehnte in US-Industriekonzernen wie General Electric und TE Connectivity. Diese Stationen prägten eine strikt zahlengetriebene Maxime, die intern durch den ihm zugeschriebenen Leitsatz illustriert wird, wonach Diamanten nur unter Druck entstehen.

In der Praxis äußert sich dieser Führungsansatz durch harte Zielvorgaben und ein engmaschiges Controlling. Für ein Software- und Nachhaltigkeits-Startup birgt dieser Stil erhebliche Risiken. In technologieorientierten Wachstumsfeldern hängt die Wertschöpfung primär an spezialisierten Fachkräften, die am Arbeitsmarkt mobil sind und hohe Ansprüche an die Unternehmenskultur stellen.

Das Haniel-Muster wiederholt sich

Schmidts beruflicher Werdegang veranschaulicht diesen methodischen Ansatz. Nach einer Ausbildung bei Playmobil und einem Ingenieurstudium trat er 2017 in den Vorstand von Franz Haniel und Cie. ein und übernahm die Führung der Tochtergesellschaft CWS-Boco. Dort trieb er einen tiefgreifenden Umbau voran.

Zu seinen Maßnahmen zählten die Abschaffung formaler Kleiderordnungen, die Einführung einer Duz-Kultur sowie Townhall-Meetings, in denen Schwachstellen offen vor der versammelten Mannschaft analysiert wurden.

Strategisch steckte Schmidt ehrgeizige Ziele. CWS sollte jährlich um sechs bis sieben Prozent wachsen, davon fünf Prozent organisch ergänzt durch gezielte Akquisitionen, bei einer angestrebten Profitabilität von 15 Prozent. Die Bilanz dieser Phase fiel gemischt aus.

Im Zuge eines Joint Ventures mit Rentokil Initial, an dem Haniel anfänglich 82 Prozent hielt, stieg der CWS-Umsatz zwar von rund 800 Millionen auf 970 Millionen Euro. Der operative Gewinn sank im selben Zeitraum jedoch von 77 Millionen auf 51 Millionen Euro ab. Wiederholte Umstrukturierungen und Personalwechsel sorgten parallel für Unruhe im Unternehmen.

Im Juli 2019 stieg Schmidt zum Vorstandsvorsitzenden der Franz Haniel und Cie. GmbH auf. Unter dem Leitbegriff der „Enkelfähigkeit“ verordnete er dem Portfolio eine radikale Neuausrichtung an Nachhaltigkeitskriterien. Er definierte eine mittelfristige Portfoliorendite von neun Prozent und formulierte das Ziel einer 50-prozentigen Frauenquote über alle Unternehmensebenen hinweg.

Reibungen im Gesellschafterkreis führten zum Bruch

Der straffe Transformationskurs stieß im verzweigten Gesellschafterkreis der Duisburger Dynastie mit rund 690 Familienmitgliedern zunehmend auf Vorbehalte. Am 15. September 2023 zogen Aufsichtsrat und Vorstandschef die Konsequenzen und einigten sich auf eine vorzeitige Beendigung des eigentlich bis Juni 2024 datierten Vertrages.

Offiziell begründeten beide Seiten den Schritt mit unterschiedlichen Auffassungen über die konkrete Umsetzung der Strategie.

Maximilian Schwaiger, Aufsichtsratsvorsitzender von Haniel, würdigte zwar Schmidts Impulse für den Wandel, betonte jedoch zugleich, dass die Holding nun vorrangig Struktur und operative Stabilität benötige. Henk Derksen übernahm zum 1. Oktober 2023 interimistisch die Führung.

Der langjährige Haniel-Finanzchef Florian Funck begleitete den Übergang, ehe er im April 2024 als Finanzvorstand zum DAX-Konzern Sartorius wechselte. Schmidt engagierte sich nach seinem Ausscheiden zunächst im Think-Tank „Enkelfähig“ und förderte das Startup GreenKitchen, bevor er bei Greenzero das Ruder übernahm.

Strukturelle Risiken für die Skalierung

Die aktuellen Verwerfungen verdeutlichen ein klassisches Managementdilemma: Sanierungsmethoden aus dem industriellen US-Konzernumfeld lassen sich selten bruchlos auf junge Organisationen übertragen. Während in etablierten Konzernen klar definierte Prozesse und Kostendisziplin dominieren, erfordert der Aufbau eines Softwareunternehmens Freiräume für Experimente und eine Kultur, die Fehlertoleranz zulässt.

Zudem wirft die Situation Fragen nach der langfristigen Finanzierung von Greenzero auf. Bislang bleibt unklar, wie solide die Kapitalbasis des Unternehmens aufgestellt ist und in welchem Umfang externe Wagniskapitalgeber oder Vehikel aus dem Haniel-Umfeld investiert sind. Für institutionelle Investoren stellen interne Führungsquerelen ein relevantes Risiko dar, da sie Produktentwicklung und Kundenakquise empfindlich verzögern können.

Entscheidend für die Zukunft von Greenzero wird sein, ob das Management die Fluktuation in Schlüsselfunktionen stoppen und den Fokus wieder auf die Marktreife der Tracking-Lösung lenken kann. Gelingt der Ausgleich zwischen straffer Führung und einer innovationsfördernden Arbeitsumgebung nicht, droht der Konflikt, den geplanten Skalierungsprozess empfindlich zu bremsen.