Das US-amerikanische Health-Tech-Startup Haemanthus gerät zunehmend unter Druck. Das in Austin im Bundesstaat Texas ansässige Unternehmen verspricht präzise Diagnostik mittels Lasertechnologie und künstlicher Intelligenz. Bis heute verfügt die Firma jedoch über kein marktreifes Produkt und legt der Fachwelt keine unabhängig validierten Studiendaten vor.
Nach dem Ausscheiden des Chief Technology Officer Joseph LaChapelle sowie neuen Berichten über interne Abläufe wachsen in der Risikokapitalbranche gravierende Zweifel an der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells.
Besondere Brisanz erhält der Fall durch die Personalie an der Unternehmensspitze. Gründer und Chief Executive Officer William „Billy“ Evans ist der Lebenspartner der wegen Betrugs verurteilten Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes. Diese Verbindung alarmiert Investoren, da die Parallelen zur gescheiterten Blutanalyse-Firma Theranos unübersehbar wirken.
Hohe Kapitalzusagen ohne klinische Belege
Haemanthus, benannt nach dem altgriechischen Begriff für Blutblume, sammelt nach Medienberichten bislang zwischen 18 und 20 Millionen US-Dollar an Investorengeldern ein. Zu den Geldgebern gehören vermögende Privatinvestoren in Austin sowie der San Francisco Bay Area. Hinzu kommen frühe Finanzierungsrunden über Bekannte und Familienangehörige in Höhe von rund 3,15 bis 3,5 Millionen US-Dollar sowie laut Gründerangaben frühe Mitarbeiter des Datenanalyse-Konzerns Palantir.
Als namentlich bekannter institutioneller Investor tritt Street Global Venture Capital auf.
Technologisch verspricht das Unternehmen revolutionäre Fortschritte. Mittels Raman-Spektroskopie in Kombination mit KI-Algorithmen sollen geringste Mengen an Blut, Speichel oder Urin in Sekundenschnelle analysiert werden. Das System verspricht die Erkennung von Glukosewerten, Hormonspiegeln sowie molekularen Signaturen von Krebs und Infektionen, vollkommen ohne den Einsatz nasschemischer Reagenzien.
Im Januar 2025 erteilte das US-Patentamt ein Patent auf ein entsprechendes Raman-System. Belastbare, von unabhängigen Experten überprüfte klinische Daten fehlen der Fachöffentlichkeit indessen bis heute.
Etablierte Geldgeber begegnen diesen Versprechen mit spürbarer Zurückhaltung. Der prominente Wagniskapitalgeber Jim Breyer lehnte ein Investment bereits ab. Fachleute verweisen zudem auf erhebliche physikalische Barrieren.
Die optische Spektralanalyse von Vollblut gilt als hochgradig fehleranfällig, da dominante Blutbestandteile feine Spurensignale von Biomarkern im Spektrum überlagern und Messwerte verfälschen können.
Führungswechsel und interne Widersprüche
Zusätzliche Unruhe bringt ein abrupter Wechsel an der technischen Spitze des Unternehmens. Joseph LaChapelle, der gemeinsam mit Evans beim Sensorik-Spezialisten Luminar Technologies arbeitete und als Miterfinder der patentierten Technologie gilt, verließ das Unternehmen am 16. März 2026.
Gegenüber Medienvertretern erklärte LaChapelle, er sei aufgrund eines Interessenkonflikts mit einem eigenen früheren Startup zurückgetreten. Evans hingegen stellte den Abgang in Gesprächen mit potenziellen Kapitalgebern anders dar und behauptete, er habe LaChapelle entlassen.
Gleichzeitig steht die Rolle von Elizabeth Holmes im Zentrum der Debatte. Holmes verbüßt derzeit eine knapp elfjährige Haftstrafe wegen Betrugs im Bundesgefängnis Bryan in Texas. Überdies untersagt ihr ein gerichtlicher Vergleich für zehn Jahre, als Führungskraft oder Direktorin eines börsennotierten US-Unternehmens zu agieren.
Haemanthus betont offiziell, Holmes habe keinerlei Verbindung zum Unternehmen und tauche in keinen Gründungsdokumenten auf. Berichte und Filmaufnahmen legen jedoch nahe, dass Holmes ihren Partner Evans aus der Haft heraus bei Verhandlungen mit Investoren strategisch berät.
Öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt ferner der Dokumentarfilm „You Can See Everything“ der Produktionsgesellschaft A24 unter der Regie von Nathan Fielder und Lance Oppenheim. Der am 16. Oktober 2026 veröffentlichte Film porträtiert Evans und beleuchtet die Hintergründe seiner geschäftlichen Aktivitäten kritisch.
Evans und Haemanthus bemühen sich fortwährend um eine klare Abgrenzung von Theranos. Das Management betont, dass optische Messmethoden zum Einsatz kommen, während Theranos auf die Miniaturisierung nasschemischer Tests auf mikrofluidischen Chips setzte. Beobachter warnen ungeachtet dessen vor strukturellen Ähnlichkeiten bezüglich überzogener Heilsversprechen und mangelnder Transparenz.
Hoher Kapitalbedarf und regulatorische Ausweichmanöver
Die Ambitionen des Unternehmens erfordern gewaltige finanzielle Mittel. Für die Fertigstellung eines tragbaren Analysegeräts für den Menschen veranschlagt das derzeit rund ein Dutzend Mitarbeiter zählende Team ein Budget von 70 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von drei Jahren. Frühe Pitch-Unterlagen wiesen zudem weiteren Forschungs- und Entwicklungsbedarf von mehr als 50 Millionen US-Dollar aus.
Um regulatorischen Hürden der US-Gesundheitsbehörde FDA zu entgehen, wählt Haemanthus einen Umweg. Das Startup plant, das Diagnosesystem zunächst auf dem Markt für Tiermedizin einzuführen. Für Tierdiagnostika gelten in den USA weniger strenge Zulassungsregeln als für humanmedizinische Produkte, bei denen die FDA strikte Vorab-Zulassungen verlangt.
In Unterlagen für Investoren behauptete das Startup zeitweise, das US-Landwirtschaftsministerium USDA habe schriftlich bestätigt, dass keine regulatorische Aufsicht bestehe. Dieser Darstellung widersprach USDA-Sprecher Seth W. Christensen deutlich.
Das Ministerium reguliert Tierdiagnostika sehr wohl. Das von Evans vorgelegte Schreiben bezog sich lediglich auf die formale Nichtzuständigkeit einer einzelnen Unterabteilung, dem Center for Veterinary Biologics.
Rückendeckung verliert der Gründer zudem im privaten Umfeld. Die Betreibergesellschaft der familieneigenen Hotelkette Evans Hotels distanzierte sich öffentlich von dem Projekt und stellte klar, dass Billy Evans weder Mitarbeiter noch Anteilseigner des Familienunternehmens ist.
Zuspitzung vor der nächsten Finanzierungsrunde
Für Haemanthus spitzt sich die operative Lage zu. Die Weiterentwicklung der Roadmap erfordert frisches Risikokapital in zweistelliger Millionenhöhe. Wagniskapitalgeber knüpfen ihre Zusagen im gegenwärtigen Marktumfeld jedoch zunehmend an überprüfbare Laborergebnisse und funktionstüchtige Prototypen.
Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Haemanthus ohne eine zeitnahe Veröffentlichung methodisch sauberer Validierungsdaten kaum institutionelle Investoren überzeugen kann. Hinzu kommt der Druck, die vakante Position der technischen Leitung rasch adäquat nachzubesetzen. Das Startup steht vor der Bewährungsprobe, im realen Laboralltag zu beweisen, dass die Raman-Technologie die versprochenen Diagnosen zuverlässig liefern kann.







