Das schleswig-holsteinische Deep-Tech-Startup HEIONTEC (Marke der HEIONIT GmbH) gewinnt Strom aus Umgebungswärme für elektronische Geräte. Nach einem Auftritt in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) steht das Unternehmen wegen seiner Bewertung im Fokus kritischer Reaktionen. HEIONTEC verteidigt die im Pitch genannte Bewertung und verweist auf eine anschließende Kapitalrunde auf Basis von 7,5 Millionen Euro sowie auf laufende Bankgespräche über eine Finanzierung, die einer Bewertung von über acht Millionen Euro zugrunde liegen soll.

HEIONTEC identifiziert die Versorgung wartungsfreier IoT-Sensorik und die Nutzung von Abwärme in Rechenzentren als Kernanwendungsfelder.

Technologie für batteriefreie Energieversorgung

HEIONTEC (firmierend als HEIONIT GmbH) unterhält seinen Sitz in Siblin, Schleswig-Holstein, und ein Labor in Lohmar, Nordrhein-Westfalen. Das Startup entwickelt eine thermo-elektrochemische Technologie (TEC-G), die Umgebungswärme direkt in elektrische Energie umwandeln soll. Die firmeneigene Technologie basiert nach Angaben des Unternehmens auf einem reversiblen elektrochemischen Prozess.

Die Zellen lassen sich zudem als flexible Pouch-Zellen fertigen.

Anders als herkömmliche Thermoelemente, die ein Temperaturgefälle benötigen, sollen die HEIONTEC-Zellen bereits ab rund zehn Grad Celsius arbeiten und ohne äußeres Temperaturgefälle auskommen. Die Zelle regeneriert sich dabei durch die Aufnahme von Umgebungswärme. Das Elektrolyt besteht laut Firmenangaben aus ranzigem Rapsöl, Schwefelsäure und Eisensulfat.

Die Technologie verzichtet demnach auf Seltene Erden, Lithium und Kobalt.

Die gemeldeten elektrischen Kenndaten umfassen eine Spannung zwischen 0,5 und 1 Volt (bei Raumtemperatur, zwischen Graphitfolie und Stahlelektrode), eine Leerlaufspannung von 0,8 Volt pro Gramm Elektrolyt sowie Spitzenströme von rund 1 Milliampere und Dauerströme von rund 1 Mikroampere. Dies ermöglicht Dauerleistungen von etwa 1 Mikrowatt. Bezüglich der Temperaturspanne finden sich in Quellen unterschiedliche Angaben: zehn bis 60 Grad Celsius oder 20 bis 60 Grad Celsius.

Als primäres Ziel nennt HEIONTEC die Versorgung drahtloser Sensoren und IoT-Systeme ohne Batteriewechsel. Dies soll den Wartungsaufwand, Batteriemüll und die Kosten senken. Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Nutzung von Abwärme in Rechenzentren zur Stromerzeugung.

Bewertung in der Diskussion: 10 Millionen Euro als Aufhänger

In „Die Höhle der Löwen“ forderte HEIONTEC 250.000 Euro für 2,5 Prozent der Unternehmensanteile. Dies implizierte eine Bewertung von zehn Millionen Euro. Einige Berichte nannten 9.750.000 Euro.

Die angebotenen Anteile stießen bei den Investoren auf Skepsis. Carsten Maschmeyer kritisierte das sehr niedrige Prozentangebot. Frank Thelen bezeichnete den Pitch laut Quellen als „richtig schwach“ und äußerte weitere Kritik.

Janna Ensthaler sah in dem Projekt eine mögliche „Kiste Gold“, lehnte ein Investment aber ab.

Gründer und CEO Andreas Heine verteidigt die Bewertung gegenüber der öffentlichen Debatte. Er erklärt, dass die zum Zeitpunkt der Aufzeichnung bereits laufende Kapitalrunde anschließend auf Basis einer Bewertung von 7,5 Millionen Euro abgeschlossen wurde. Aktuell befinde sich das Unternehmen in finalen Gesprächen mit einer Bank über eine weitere Finanzierung, der eine Bewertung von über acht Millionen Euro zugrunde liege.

Dies zeige, dass die zehn Millionen Euro aus der Sendung nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Heine verweist zudem auf Marktprognosen: Der jährliche Umsatz allein mit internetfähigen Sensoren wachse weltweit von 20 auf 40 Milliarden Euro. Ein großer Teil dieser Sensoren liege im Leistungsspektrum von HEIONTEC.

Finanzielle Entwicklung und strategische Partnerschaften

Vor dem DHDL-Auftritt investierten die Gründer nach Unternehmensangaben rund 1,4 Millionen Euro Eigenkapital. Eine Crowdinvesting-Kampagne über Fundernation weist Zusagen von rund 1,26 Millionen Euro von 292 Investoren auf. Diese Kampagne basierte auf einer Unternehmensbewertung von 7,5 Millionen Euro und strebt ein Funding-Maximum von 1,5 Millionen Euro an.

HEIONTEC nennt ein Family Office, zwei größere Investoren sowie rund zwei Dutzend Business Angels als Geldgeber. Zudem berichtet das Startup von Fördermitteln aus Bundesprogrammen sowie weiteren Fördervorhaben auf Landes- und EU-Ebene. Strategisch strebt das Unternehmen nach eigenen Angaben ein Partner- und Lizenzmodell an und spricht von einer geplanten „fabriklosen Unternehmung“.

Das Elektrolyt soll extern hergestellt werden. Fertigungsunternehmen sollen die flexiblen Pouch-Zellen produzieren. Als potenzielle Integrationspartner nennt das Team etwa Türschloss- und Sensorikhersteller.

Wissenschaftliche Kooperationen bestehen laut Quellen mit der Hochschule Düsseldorf und der University of South Carolina. An der Hochschule Düsseldorf arbeitet man seit Juni 2025 an einem Demonstrator zur Energiegewinnung aus Umgebungswärme. Als Fertigungspartner ist Celtrix aus Itzehoe vorgesehen.

Die Technologiepartnerschaft mit Celtrix wurde im Juli vereinbart und durch das Startup-Programm Gateway49 vermittelt.

Aktuelle Erfolge und Ausblick

HEIONTEC gehört zu den Gewinnern des landesweiten Überflieger-Wettbewerbs 2026. Als Folge ist laut Angaben eine Präsentation der Technologie im Silicon Valley im Frühjahr 2027 geplant. Kurz vor Ausstrahlung der DHDL-Folge gewann das Unternehmen den Innovationspreis der Lübecker Wirtschaft 2026, den ersten Platz in der Kategorie Innovation.

Zu den offenen Punkten gehört die unterschiedliche Angabe zur minimalen Einsatztemperatur der Zellen (zehn bis 60 Grad Celsius versus 20 bis 60 Grad Celsius). Frank Schneider hofft, dass die Stromquellen im ersten Quartal 2027 die ersten Geräte in Lagern und Büros betreiben. Er betont, dass das Unternehmen an der Schwelle vom Laborbetrieb in die praktische Anwendung stehe.

Dieser Übergang werde oft als ein „Death Valley“ bezeichnet, das man durchschreiten muss, bis die ersten relevanten Umsätze entstehen. Ob und wie sich Entwicklungserfolge, Partnerschaften und die weitere Finanzierung in belastbare Umsätze übersetzen lassen, wird maßgeblich dafür sein, wie Markt- und Unternehmensbewertungen künftig zu beurteilen sind. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob HEIONTEC die Brücke vom Labor in den Massenmarkt erfolgreich schlagen kann.