Luxus auf Firmenkosten in Krisenzeiten: Der Münchner Herrenausstatter Hirmer, ein Familienunternehmen mit Stammhaus in München und 14 Filialen im deutschsprachigen Raum, sieht sich mit Vorwürfen gegen seinen Betriebsrat konfrontiert. Interne Dokumente legen nahe, dass Betriebsrat Simon Fischer während einer Unternehmenskrise wiederholt teure Restaurantbesuche über die Firma abgerechnet und sich Vorteile durch Kleiderentnahmen verschafft haben soll. Diese Enthüllungen erfolgen vor dem Hintergrund einer schwierigen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens, das von Familienstreitigkeiten und Misswirtschaft betroffen ist und 2023 ein Defizit im niedrigen zweistelligen Millionenbereich auswies.

Exklusive Bewirtungen in Krisenzeiten

Die Vorwürfe gegen Betriebsrat Simon Fischer sind dokumentiert. Interne Unterlagen belegen kostspielige Abendessen in Münchner Restaurants, die auf Firmenkosten abgerechnet wurden. So beliefen sich die Ausgaben für einen Abend im Brenner Operngrill am 2.

Mai 2024 auf 548,20 Euro zuzüglich 100 Euro Trinkgeld. Auf der Rechnung standen unter anderem Loup De Mer für 41,90 Euro, Surf und Turf für 43 Euro und ein Pommersches Dry Aged Tomahawk-Steak für knapp 50 Euro. Dazu kamen 16 Augustiner Helle sowie zwei Flaschen Colle Massari Montecucco Rosso Riserva für 118 Euro, ergänzt durch Panna Cotta und Tiramisu.

Im Juni 2024 schlug eine anwaltliche Beratung im Buffet Kull mit mindestens 570 Euro zu Buche. Darin enthalten waren Maispoulardenbrust, New York Filetsteak, Heilbutt, Wein und Haselnuss-Schnaps. Bereits im Februar 2024 war eine als rechtliche Besprechung deklarierte Zusammenkunft im Andechser am Dom mit rund 300 Euro veranschlagt worden.

Diese Ausgaben erfolgten in einer Phase, in der Hirmer wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte: Der Umsatz sank von rund 200 Millionen Euro im Jahr 2019 auf knapp 160 Millionen Euro im Jahr 2023. Auf den Bewirtungsbelegen wurden als Anlässe regelmäßig anwaltliche Beratung mit einer externen Anwältin oder Besprechungen der Arbeitnehmervertreter angegeben.

Juristische Bewertung und rechtliche Konsequenzen

Eine juristische Prüfung im Auftrag der damaligen Hirmer-Geschäftsführung bewertete das Vorgehen als sehr negativ. Die externe Anwältin stellte fest, dass vertrauliche Besprechungen grundsätzlich nicht in Restaurants stattfinden sollten. Zudem seien Essenskosten der privaten Lebensführung zuzuordnen.

Die Erstattung solcher Aufwendungen wurde in der Prüfung als gesetzlich verbotene Begünstigung nach Paragraf 78 Satz 2 Betriebsverfassungsgesetz bezeichnet und als Verstoß gegen betriebsverfassungsrechtliche Pflichten bewertet.

Der ehemalige Geschäftsführer Clemens Ode sprach bereits 2022 in einer E-Mail an Eigentümerin Annette-Louise Hirmer von einem Selbstbereicherungssystem und bezeichnete Fischer als Täter. Interne Dokumente weisen zudem auf mutmaßliche Entnahmen von Kleidung aus Hirmer-Beständen durch Fischer zwischen 2019 und 2021 im Wert von knapp 17.000 Euro hin. Diese Entnahmen wurden in der Buchhaltung wie gestohlene oder verlorene Artikel erfasst und mit einem Verkaufspreis von 0 Euro ausgebucht.

Die Vorteile sollen schwarz auf die Hand erfolgt sein; im September 2022 bereitete die Kanzlei AllenOvery eine Selbstanzeige beim Finanzamt vor.

Krise auf mehreren Ebenen

Die Spesenvorwürfe gegen den Betriebsrat fallen in eine Phase, in der Hirmer mit internen Familienstreitigkeiten und finanziellen Problemen kämpft. Die Landesbank Baden-Württemberg, ein wichtiger Kreditgeber, drängte 2024 auf ein Sanierungsgutachten. Das Unternehmen prognostizierte Verluste aus Immobilienprojekten von rund drei Millionen Euro bis 2025.

Das Hotel Bachmair am See verursacht laut Basisangaben Erbpachtkosten von über einer Million Euro jährlich und steht seit Jahren geschlossen. Als Teil der Sanierung sind Einnahmen aus Immobilienverkäufen im mittleren zweistelligen Millionenbereich angestrebt.

Auch personelle und familiäre Konflikte sind dokumentiert. Ulrich Hirmer wird als Verantwortlicher für die Rettung des Kerngeschäfts genannt, Christian Hirmer ist zuständig für die Immobiliensparte. Interne Auseinandersetzungen mit Familienpatriarch Max-Peter Hirmer und Ferdinand Hirmer haben demnach den Ausstieg von Christian Hirmer erschwert. Er soll die Gruppe bis Mitte 2026 verlassen.

Ausblick auf die weitere Entwicklung

Eine juristische Prüfung der Bewirtungsfälle liegt vor. Zudem wurde 2022 eine Selbstanzeige vorbereitet. Auf Anfragen gab es nach Angaben der Recherchen keine Antworten von Betriebsrat Simon Fischer oder der Arbeitnehmervertretung.

Parallel bleiben die internen Familienkonflikte ein Faktor für die Sanierung des Unternehmens. Der im Mai 2024 verfasste Brandbrief des Betriebsrats richtete einen Appell an die Gesellschafter, zusammenzuhalten. Analysten beobachten nun, wie sich die rechtlichen Bewertungen und internen Dynamiken auf die laufenden Sanierungsbemühungen und die Unternehmensführung von Hirmer auswirken werden.