Die ING agiert als aktiver Käufer im europäischen Bankensektor und schließt eine Übernahme aus. Steven van Rijswijk, der CEO des niederländischen Finanzinstituts, betont, die Bank verfolge gezielte Zukäufe, um Angebotslücken zu schließen und ihre Marktposition zu stärken. Gleichzeitig forciert die ING die Einführung neuer gruppenweiter Abo-Modelle für Privatkunden, die in Deutschland Mitte 2027 starten sollen.

Diese strategischen Schritte sollen die ING unabhängiger von der Zinsentwicklung machen und die Provisionseinnahmen erhöhen.

Strategische Neuausrichtung und Abo-Modelle

Die Transformation hin zu einem diversifizierten Ertragsmix steht im Zentrum der ING-Strategie. Aktuell machen Provisionseinnahmen rund 20 Prozent der gesamten Erträge der Bank aus. Mittelfristig peilt die ING 30 bis 35 Prozent an; ein Niveau, das Banken mit einem ausgewogeneren Ertragsmix typischerweise erreichen.

Zur Erreichung dieses Ziels führt die ING seit Sommer neue Abo-Modelle für Privatkunden ein. Die Pakete „Go“, „More“, „Extra“ und „Max“ werden schrittweise in den europäischen Märkten ausgerollt. Für Deutschland ist die Implementierung für Mitte 2027 geplant.

Das kostenlose Girokonto bleibt dort weiterhin verfügbar, vorausgesetzt, es liegt ein monatlicher Geldeingang von mindestens 1.000 Euro vor.

Van Rijswijk hebt hervor, die ING sei bereits eine „Neobank gewesen, bevor es das Wort überhaupt gab“. Der Direktbankansatz, der bereits vor 2000 in vielen europäischen Märkten, einschließlich Deutschland, etabliert wurde, wird nun durch diese neuen Angebote ergänzt. Die Anpassung an lokale Marktgegebenheiten, etwa die Beibehaltung des kostenlosen Girokontos in Deutschland, bildet dabei einen zentralen Faktor.

„Technologie, Prozesse und Produktentwicklung sind international skalierbar. Kultur und Kundenverhalten sind es nicht“, äußert van Rijswijk zur lokalen Differenzierung.

Gezielte Akquisitionen und die europäische Bankenlandschaft

Die ING, die in Deutschland rund zehn Millionen Kunden zählt, verfolgt eine offensive Akquisitionsstrategie. Im Frühjahr 2024 kaufte die Bank einen Vermögensverwalter in Polen; im Juli 2024 beteiligte sie sich mit 40 Prozent an der spanischen Privatbank Singular. Diese Zukäufe dienen dazu, die Marktposition zu stärken und das Leistungsangebot zu erweitern.

Van Rijswijk betont, Akquisitionen tätige die ING nur, wenn sie die Relevanz am Markt erhöhen und kulturell passen. „Auf dem Papier sehen Akquisitionen oft einfach aus, aber die Integration danach ist dann oft sehr kompliziert“, sagt er.

Die europäische Bankenlandschaft steht unter Konsolidierungsdruck, unter anderem durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. „In Europa gibt es mehr als 4000 Banken – das sind zu viele“, so van Rijswijk, der Größe als vorteilhaft für Investitionen in Digitalisierung und KI erachtet. Banken wie Erste Bank (Österreich), Crédit Mutuel (Frankreich), BPCE (Frankreich) und Santander (Spanien) haben in den vergangenen zwei Jahren größere Zukäufe getätigt.

Die Vollendung einer Bankenunion würde die grenzüberschreitende Nutzung von Liquidität und Kapital erleichtern, wäre jedoch kein Allheilmittel. Sie würde nicht alle Probleme lösen, etwa bei unterschiedlichen Vorgaben zu Datenschutz oder zum Einsatz von KI.

Historische Betrachtung und Führungswechsel

Unter dem ehemaligen CEO Ralph Hamers, der die ING von 2013 bis Mitte 2020 leitete, durchlief die Bank einen Umbau zur digitalen Bank und investierte massiv in digitale Kapazitäten. Hamers wechselte im November 2020 zur UBS als Group CEO. Unter seiner Führung wuchs die Kundenbasis: Die Zahl der Gesamtkunden stieg laut Hamers um über 20 Prozent, die der Primärkunden um 70 Prozent.

Ebenfalls unter seiner Verantwortung erfolgte die vollständige Rückzahlung der niederländischen Staatshilfen aus der Finanzkrise von 2008.

Ein Rückblick zeigt, dass sich die ING 2019 mit einer möglichen Übernahme der Commerzbank beschäftigte. Hamers suchte damals Gespräche bei der Bundesregierung und dem damaligen Commerzbank-Chef Martin Zielke und bot eine Verlegung der globalen ING-Zentrale nach Frankfurt an. Formelle Gespräche kamen nicht zustande.

Laut van Rijswijk bemühte sich die ING nicht intensiver um die Commerzbank und ist mit ihrer aktuellen Position zufrieden.

Ausblick: Marktdruck und Anpassungsstrategien

Die aktuellen Marktentwicklungen und der Fokus auf Abo-Modelle zeigen die Anpassungsfähigkeit der ING an ein sich wandelndes Umfeld. Der Wettbewerb durch Neobanken wie Trade Republic oder Revolut, die schneller wachsen und Konzepte nutzen, die von der ING mitgeprägt wurden, erhöht den Innovationsdruck.

Die strategische Neuausrichtung unter Steven van Rijswijk zielt darauf ab, die ING widerstandsfähiger gegenüber Zinsänderungen zu machen und die Ertragsbasis zu verbreitern. Die Etablierung der neuen Abo-Modelle in den verschiedenen Märkten und deren Auswirkungen auf Kundenbindung und Provisionseinnahmen werden entscheidend sein. Die Integration der Zukäufe in Polen und Spanien stellt dabei eine erste Bewährungsprobe für die Strategie dar.

Die von der ING angestrebten Akquisitionen könnten weitere Bewegung in die Branche bringen, während die Diskussion um die Vollendung der Bankenunion politisch weitergeführt wird.