Ein Konzept namens „Mindset Maturity“ erweitert die Debatte um Afrikas Entwicklung. Es wurde im Rahmen des „Ubuntu–Maat Mindset Model (UMMM)“ entwickelt und hinterfragt, ob eine Steigerung menschlicher Fähigkeiten mit einer größeren Verantwortung in deren Ausübung einhergeht. Die Forderung nach einem bloßen Mentalitätswandel in Afrika gilt den Entwicklern des Modells als unvollständig, da sie die konkreten Mechanismen und Ziele eines solchen Wandels nicht ausreichend adressiert.
Das Defizit des reinen Mentalitätswandels
Die Forderung nach einem Mentalitätswandel in Afrika wird oft laut, wenn etablierte Probleme wie Korruption trotz institutioneller Reformen bestehen bleiben. Öffentliche Infrastruktur verfällt rasch, politische Führung erfüllt Erwartungen nicht, Bildungsqualifikationen werden nicht in produktive Problemlösungen umgesetzt oder Gemeinschaften haben Schwierigkeiten, gemeinsame Ressourcen zu schützen. Ein reiner Appell zum Mentalitätswandel bleibt jedoch unzureichend.
Er erklärt nicht präzise, welche spezifischen Änderungen bei wem zu welchem Zweck erfolgen und wie diese zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen sollen. Das Konzept der „Mindset Maturity“ zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen. Es hinterfragt, ob die zunehmenden menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch mit einer entsprechend gesteigerten Verantwortung in deren Anwendung verbunden sind.
Entwickelt wurde es von Isaac Yaw Asiedu, Ph.D., der sein Modell in dem Buch „Shifting Mindsets for Sustainable Development in Africa: A Political Economy Perspective“ vorstellt. Dieses Buch wird vom LIT Verlag herausgegeben, der sich unter anderem mit afrikanischen Studien und Entwicklungsperspektiven befasst.
Vier Dimensionen der Reife
Das UMMM-Modell konzeptualisiert „Mindset Maturity“ durch vier eng miteinander verbundene Dimensionen: Relational Identity, Moral Anchoring, Temporal Consciousness und Self-Agency. Diese Dimensionen bieten einen Rahmen, um die Wechselwirkungen zwischen individueller Haltung und kollektiver Entwicklung zu analysieren.
Relationale Identität und gemeinschaftliche Verantwortung
Die „Relational Identity“ basiert auf dem Ubuntu-Verständnis, welches den Menschen als Teil eines Beziehungsgeflechts und innerhalb von Gemeinschaften sieht. Hier stellt sich die Frage, ob der Einzelne seinen Erfolg und seine Verantwortung ausschließlich individuell betrachtet oder anerkennt, wie seine Entscheidungen andere und die Gesellschaft beeinflussen. Ein Beispiel ist der schnelle Verfall öffentlicher Infrastruktur wie Straßen, Schulen oder Krankenhäuser, der oft auf mangelnde Wartung, fehlende Verantwortung der Institutionen, Kompromisse bei der Bauqualität oder Missbrauch durch Bürger zurückzuführen ist.
Relationale Reife fordert nicht die Aufgabe individuellen Ehrgeizes. Sie fragt vielmehr, ob individueller Fortschritt erreicht werden kann, ohne unnötige Kosten für die Gesellschaft zu verursachen. Die Kernfrage lautet: „Wer ist noch von meinem Handeln betroffen?“ Dies bedeutet, die Auswirkungen der eigenen Handlungen auf das größere Ganze zu antizipieren und zu berücksichtigen.
Moralische Verankerung jenseits der Fähigkeit
Die Dimension der „Moral Anchoring“ stellt die Annahme infrage, dass steigende Fähigkeiten automatisch zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Sie betont, dass die Fähigkeit an sich nicht den Zweck ihrer Nutzung bestimmt. Dieses Konzept bezieht sich auf Maat, ein altägyptisches Prinzip, das Wahrheit, Gerechtigkeit, Gleichgewicht, Ordnung und Verantwortung betont.
Damit integriert es ethische Verantwortung in den Entwicklungsprozess.
Korruption lässt sich in diesem Kontext nicht nur als persönliches moralisches Versagen erklären. Sie wird oft durch schwache Rechenschaftssysteme, politischen Schutz, undurchsichtige Beschaffungsprozesse und ineffektive Sanktionen begünstigt. Nachhaltige öffentliche Integrität erfordert daher sowohl Institutionen, die Fehlverhalten erschweren, als auch Individuen, deren Entscheidungen von ethischen Prinzipien geleitet sind.
Die zentrale Frage hierbei ist: „Was soll unser Handeln leiten, besonders wenn niemand zuschaut?“
Zeitliches Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung
Das „Temporal Consciousness“ befasst sich mit der Beziehung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für nachhaltige Entwicklung ist mehr nötig als die Fähigkeit, neue Projekte zu starten. Es erfordert auch die Kapazität, Bestehendes zu erhalten, aus Erfahrungen zu lernen, Geduld aufzubringen und generationsübergreifend zu denken.
Ein Beispiel ist, dass eine Regierung oft mehr politische Sichtbarkeit durch die Inbetriebnahme eines neuen Projekts erhält als durch die Wartung eines bestehenden. Letzteres kann jedoch langfristig wertvoller sein. Ebenfalls genannt werden die unmittelbare Einnahmengenerierung aus der Rohstoffgewinnung, die Umweltkosten für zukünftige Generationen verursachen kann, sowie die Neigung von Regierungen, Schulden aufzunehmen, um aktuelle Forderungen zu befriedigen, ohne die langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten zu berücksichtigen.
Ein reifes zeitliches Bewusstsein erfordert, die Konsequenzen gegenwärtiger Entscheidungen für die Zukunft umfassend abzuwägen.
Ausblick: Ein Weg zu gereifter Governance
Das Konzept der „Mindset Maturity“ bietet einen detaillierteren Ansatz für Afrikas Entwicklung als die pauschale Forderung nach einem Mentalitätswandel. Es legt den Fokus auf die Verknüpfung von Fähigkeiten mit ethischer Verantwortung, gemeinschaftlichem Denken und einem weitsichtigen Zeitverständnis. Offen bleibt, wie das UMMM-Modell in der Praxis angewendet wird und ob Regierungen, Organisationen und Individuen in Afrika diese Dimensionen der Reife in ihren Entscheidungen und Handlungen verankern.
Das Modell thematisiert damit Aspekte von Governance, die über reine Kapazitätsbildung hinausgehen und legt einen Grundstein für Diskussionen über eine tiefgreifendere Entwicklung Afrikas.







