Experten warnen Anleger in Deutschland, dass eine übermäßige Fokussierung auf Kapitalschutz-Garantien langfristig Renditechancen reduziert. Diese Kritik äußert sich inmitten einer politischen Debatte um ein neues Altersvorsorgedepot, das ebenfalls stark auf Garantieprodukte setzt. Fondsmanager wie der habilitierte Ökonom Jan Viebig plädieren für eine Neubewertung des Verhältnisses von Risiko und Rendite.

Ein zentrales Problem liegt Analysten zufolge in einem mangelnden Verständnis für das Verhältnis von Rendite und Risiko bei vielen deutschen Anlegern. Dies führt dazu, dass vielfach auf Garantieprodukte gesetzt wird. Solche Produkte mindern zwar Risiken, schmälern aber gleichzeitig potenzielle langfristige Renditen deutlich.

Anleger zahlen einen hohen Preis für Garantien, da diese Produkte nur zu kleinen Teilen in Aktien investieren und somit weniger Rendite erzielen. Der geringere Aktienanteil schwächt den Zinseszinseffekt ab.

Historisch weist die Riester-Rente eine durchschnittliche Rendite von 1,7 Prozent pro Jahr auf. Aktien hingegen erzielen durchschnittlich 9 Prozent pro Jahr. Auf 30 Jahre gerechnet bedeutet dies, dass eine monatliche Sparrate von 200 Euro, bei einer Einzahlung von insgesamt 72.000 Euro, in einer Riester-Rente auf 93.800 Euro wächst.

Eine entsprechende Aktieninvestition könnte indes 366.100 Euro erreichen.

Risikobewusstsein und langfristige Perspektive

Jan Viebig, ehemaliger Chefanlagestratege bei mehreren Privatbanken und seit Mai 2026 selbstständiger Fondsmanager, konstatiert: „Die Deutschen verstehen das Verhältnis von Rendite und Risiko nicht. Sonst würden sie nicht so sehr auf Garantieprodukte setzen.“ Er ergänzt, Garantien reduzierten nicht nur Risiken, sondern langfristig auch Renditechancen.

Die historische Risikoprämie von Aktien gegenüber dem risikolosen Zins liegt bei etwa 6 Prozent. Während bei einem Anlagehorizont von einem Jahr die Verlustwahrscheinlichkeit für Aktien (MSCI World) rund 24 Prozent beträgt, gab es historisch bei einem Anlagehorizont von 15 Jahren keine Verlustperiode. Diese Zahlen stützen die Empfehlung, Kapitalmarktrisiken durch einen langen Anlagehorizont und Diversifikation zu begegnen.

Die Forderung nach einem bewussteren Umgang mit Anlagerisiken findet auch in internationalen Finanzkreisen Resonanz. Jo Townsend, CEO der Guardians of New Zealand Superannuation — laut Global SWF einer der leistungsstärksten Staatsfonds —, warnt angesichts der überdurchschnittlichen US-Aktienrenditen der letzten Jahre vor einer „Regression zum Mittelwert“. Der neuseeländische Staatsfonds meldete im Geschäftsjahr bis Juni 2026 eine Rendite von 14,2 Prozent und eine durchschnittliche Jahresrendite von 9,68 Prozent über die letzten zwei Jahrzehnte.

Gleichzeitig senkte der Fonds seine langfristig erwartete jährliche Rendite von 7,8 auf 7,2 Prozent. Townsend betont, dass ein langfristig diversifiziertes Portfolio dem Mandat des Fonds besser entspricht als kurzfristig konzentrierte Ansätze.

Überdies dämpfte Nicolai Tangen, CEO von Norges Bank Investment Management, die Erwartungen an zukünftige Renditen. Der norwegische Staatsfonds, dessen Wert etwa 2,3 Billionen US-Dollar beträgt, meldete im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn von fast 185 Milliarden US-Dollar.

Globale Trends und alternative Anlagen

Parallel zu den Debatten um Aktien und Garantieprodukte verschiebt sich die Landschaft alternativer Anlagen. Hedgefonds verzeichneten bis Juli 2026 eine Performance von plus 5,5 Prozent und konnten im ersten Halbjahr 2026 mehr Kapital als geplant einsammeln. Ein interner Bericht der Bank of America prognostiziert Hedgefonds als beliebteste Anlageklasse.

Vanessa Bogaardt, Global Head of Capital Strategy Group and Consulting Services bei der Bank of America, beobachtet ein starkes Interesse von Investoren an Managern, die global investieren. Viele Allokatoren bevorzugen zudem neue Fondsmanager gegenüber erfahrenen Akteuren.

Im Private-Debt-Segment konzentrieren sich Investitionen zunehmend auf weniger, aber größere Fonds: Megafonds machten in der ersten Jahreshälfte 2026 den Großteil des aufgebrachten Kapitals aus. Private-Equity-Investitionen im Bereich der reproduktiven Gesundheit überstiegen in den Jahren 2020 bis 2025 die Marke von 14 Milliarden US-Dollar. Die Zahl der Venture-Capital-Finanzierungsrunden lag im selben Zeitraum bei fast 400.

Der globale Markt für reproduktive Gesundheit wird laut Analyse bis 2030 voraussichtlich von aktuell 25 bis 35 Milliarden US-Dollar auf 35 bis 45 Milliarden US-Dollar wachsen.

Ausblick: Wirtschaftliche Unsicherheiten und Stiftungen

Die globalen Wirtschaftsaussichten bleiben mit Unsicherheiten verbunden. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für 2026 ein weltweites Wachstum von 3 Prozent. Die BMO warnt vor dem Ende des „Goldilocks“-Szenarios.

Mark McCormick, Chief FX Strategist bei BMO, sagt, die Märkte hätten bereits eine politikbedingte Verlangsamung eingepreist, und Aktien könnten wackeln, da die realen Zinssätze in den USA zyklische Höchststände erreichen.

Im September 2026 fielen der S&P 500 und der Dow Jones um jeweils 2 Prozent, der Nasdaq 100 um 3 Prozent. Parallel dazu überschritten die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen die 5-Prozent-Marke.

Ein weiterer Punkt in der Debatte ist die Ausschüttungspraxis großer Stiftungen. Ein Bericht der Charity Reform Initiative kritisiert, dass viele Stiftungen trotz hoher Renditen nur knapp über der gesetzlich vorgeschriebenen 5-Prozent-Ausschüttungsgrenze liegen. Bella DeVaan, Co-Autorin des Berichts, meint, selbst eine moderate Anpassung, die höhere Ausschüttungen vom philanthropischen System fordere, könnte Hunderte Milliarden US-Dollar für das Gemeinwohl freisetzen.

Die Lilly Endowment, die größte private Stiftung, erreichte 2025 erstmals eine 5-Prozent-Ausschüttung. Eine Erhöhung der Ausschüttungen auf 10 Prozent könnte nach Schätzungen bis 2029 zusätzliche 351 Milliarden US-Dollar an gemeinnützige Organisationen freisetzen. Dies wirft die Frage nach der Balance zwischen Kapitalschutz, Renditepotenzial und gesellschaftlicher Verantwortung im Finanzsektor auf.