Die US-Börsenaufsicht SEC warnt Wall-Street-Akteure vor koordinierten Aktionen im Klimaschutz, die ihren Status als passive Anleger gefährden könnten. Solche Bestrebungen, besonders im Kontext von Hauptversammlungen, würden deutlich strengere und kostenintensivere Berichtspflichten nach sich ziehen. Die Mahnung fällt in eine Phase, in der mehrere große US-Banken ihre Beteiligung an Initiativen wie der Net-Zero Banking Alliance (NZBA) reduziert haben.
Dies geschieht teils unter dem politischen Druck von Republikanern.
Regulatorische Grenzen für ESG-Engagement
Die SEC richtet ihre Warnung an die Finanzbranche. Die Behörde bezieht sich auf koordinierte Anstrengungen von Investoren im Namen des Klimaschutzes. Sie weist darauf hin, dass derartige Abstimmungen den Status großer Vermögensverwalter als „passive Anleger“ beeinträchtigen könnten. Eine solche Einstufung als „aktiver“ Investor würde aufwändigere Berichtspflichten nach sich ziehen.
Als Hintergrund für die Untersuchung nennt die SEC das Vorgehen großer Vermögensverwalter im Vorfeld der Hauptversammlung von ExxonMobil im Jahr 2021. BlackRock, Vanguard und State Street unterstützten damals oppositionelle Direktoren, die der aktivistische Hedgefonds Engine No. 1 vorgeschlagen hatte. Die Initiative zielte auf eine stärkere Ausrichtung des Konzerns auf die Energiewende.
Parallel dazu stand Climate Action 100+ (CA100+) in Kontakt mit Vermögensverwaltern.
Am 7. Oktober 2026 kündigte die SEC an, keine Anklagen gegen die Top-Fondsmanager wegen ihres Austauschs mit einer Klimagruppe im Vorfeld der ExxonMobil-Hauptversammlung zu erheben. Zugleich äußerte sie Bedenken hinsichtlich der Zusammenarbeit von Investoren mit Klimaschutzgruppen.
Jim Moloney, Direktor der Division of Corporation Finance der SEC, erinnerte Asset-Manager und Investoren an ihre Pflichten im Rahmen des Aktionärsengagements, insbesondere bei organisierten Bemühungen, die einem ähnlichen Muster wie CA100+ folgen.
Rückzug aus Klimaallianzen
Parallel zur erhöhten regulatorischen Aufmerksamkeit haben sich mehrere große US-Banken aus der Net-Zero Banking Alliance zurückgezogen. Fünf der sechs größten US-Banken – Goldman Sachs, Wells Fargo, Citi, Bank of America und Morgan Stanley – traten seit dem 6. Dezember 2024 aus der NZBA aus.
Unter den „Big Six“ verblieb lediglich JPMorgan Chase. Der „Banking on Climate Chaos“-Report für den Zeitraum 2016 bis 2023 listet JPMorgan Chase als größten Finanzierer fossiler Brennstoffe.
Die NZBA setzte ihre Aktivitäten im August 2025 aus. Über den Fortbestand der Allianz sollte abgestimmt werden. Lucie Pinson von Reclaim Finance kommentierte, die NZBA habe die Geschäftsmodelle großer Banken nie wirklich herausgefordert. Cary Krosinsky von der Yale University ergänzte, die NZBA habe sich zu sehr auf vage Netto-Null-Versprechen fokussiert.
Auch bei Vermögensverwaltern gab es Bewegungen. BlackRock und State Street traten Anfang 2024 aus CA100+ aus, unter anderem mit Verweis auf rechtliche Erwägungen. Vanguard war CA100+ nie beigetreten. Das Unternehmen hatte im Jahr 2022 eine andere Klimagruppe verlassen, um seine Unabhängigkeit zu wahren.
Politischer Kontext und Aktivistendruck
Die Skepsis gegenüber ESG-Zielen und die Rückzüge aus Klimaallianzen stehen auch im Kontext verstärkter politischer Gegenreaktionen von Republikanern nach dem Aktionserfolg bei Exxon im Jahr 2021. Nach seiner Wiederwahl im Jahr 2025 erließ Präsident Donald Trump Verordnungen, die Unternehmen von der Berücksichtigung von ESG-Kriterien abbringen sollten.
Auf der anderen Seite bleibt die Klimabewegung aktiv. Gruppen wie Climate Families NYC und New York Communities for Change organisierten die Kampagne „Summer of Heat on Wall Street“. Diese Kampagne richtete sich direkt an Finanzinstitute wie Citigroup. Citigroup war laut dem „Banking on Climate Chaos“-Report von 2016 bis 2023 der weltweit zweitgrößte Finanzierer fossiler Brennstoffe.
Aktivisten wie Marlena Fontes betonen, Finanzierer der fossilen Industrie seien „genauso schlimm“ wie die Unternehmen selbst. Alice Hu von New York Communities for Change erklärte, die Proteste sollen die Unternehmensführung beunruhigen und den Druck aufrechterhalten. Im April 2024 führten Proteste vor dem Citi-Hauptsitz in New York City zu 52 Festnahmen.
Citigroup erklärte dazu, man pflege einen offenen Dialog und unterstütze den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft durch Netto-Null-Verpflichtungen und ein Ein-Billion-US-Dollar-Ziel für nachhaltige Finanzierungen. Zugleich müssten globale Energiebedürfnisse gedeckt werden.
SEC in der Kritik wegen Klimarisiko-Offenlegung
Die Position der SEC wirkt widersprüchlich. Während sie vor koordiniertem Klimaaktivismus warnt und vor einer Reklassifizierung als aktive Anleger schützt, schlug die Behörde im Mai 2026 vor, ihre im Jahr 2024 finalisierte Regel zur Offenlegung von Klimarisiken für börsennotierte Unternehmen aufzuheben. Eine Koalition von Umweltorganisationen – darunter Earthjustice, NRDC, Environmental Defense Fund, Sierra Club und Clean Air Task Force – forderte die SEC am 3.
August 2026 auf, den Vorschlag zurückzuziehen.
Hana Vizcarra von Earthjustice kritisierte, die Rücknahme der Regel würde Investoren schlechter schützen und die Transparenz bei Klimarisiken reduzieren. Jessye Waxman vom Sierra Club bezeichnete das Vorhaben als politisches Manöver, das die Verantwortung gegenüber Investoren vernachlässige. Weitere Vertreter von Umweltorganisationen warnen, dass Klimarisiken finanziell relevant und offenlegungswürdig seien.
Ausblick: Zwischen Regulatorik und Marktdruck
Die Finanzmärkte stehen damit vor einer komplexen Gemengelage aus regulatorischer Unsicherheit und anhaltendem Druck durch Klima-Aktivisten. Die SEC versucht, zwischen dem Schutz der Aktionärsinteressen und der Vermeidung koordinierter Absprachen zu unterscheiden. Die vorgeschlagene Aufhebung der Klimarisiko-Offenlegungsregel signalisiert gleichzeitig eine mögliche Abkehr von bestimmten Transparenzstandards.
Die Distanzierung großer Banken und Vermögensverwalter von Klima-Allianzen lässt sich als Reaktion auf politischen Druck und regulatorische Bedenken lesen.
Wie sich die Neudefinition von „passivem“ versus „aktivem“ Anlegerverhalten auf Engagement-Strategien auswirkt, bleibt offen. Die Klimabewegung kündigt eine Fortsetzung ihrer Proteste an. Es bleibt zu beobachten, ob und wie diese Spannungen Investitionsflüsse und ESG-Strategien großer Akteure an der Wall Street in den kommenden Monaten prägen.







