Kanada strebt eine tiefere Wirtschaftsallianz mit der Europäischen Union an, die über das bestehende CETA-Handelsabkommen hinausgeht. Angesichts eines eskalierenden Handelsstreits mit den USA wirbt Ottawas Premierminister Mark Carney für eine „einzigartige Allianz“. Er lotet den Status eines „assoziierten Mitglieds“ der EU aus, um verlässlichere wirtschaftliche Verbindungen zu etablieren.

Dies eröffnet Unternehmen in Bereichen wie Rohstoffen, Verteidigung und digitalem Handel Kooperationsmöglichkeiten.

Die Annäherung zwischen Kanada und der EU erfolgt in einer Zeit, in der sich die transatlantischen Handelsbeziehungen zwischen Ottawa und Washington verschlechtern. Während des Parlamentswahlkampfs in Kanada im April 2025 setzte Mark Carney auf eine Anti-Trump-Rhetorik. Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 gilt als Wendepunkt, der den bereits schwelenden Handelsstreit neu entfachte.

Im Mai 2025, bei einem Treffen im Weißen Haus, wies Carney Trumps Vorschlag zurück, Kanada solle der 51. US-Bundesstaat werden. Der Konflikt gipfelte seit Sommer 2025 in einer Welle wechselseitiger Zölle.

Die USA verhängten im August Zölle von bis zu 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von 20 Milliarden US-Dollar. Kanada reagierte mit Vergeltungszöllen von ebenfalls bis zu 50 Prozent auf US-Importe im Wert von 27,6 Milliarden Kanadischen Dollar.

Für den 1. Januar 2027 droht Washington mit Zöllen von 50 Prozent auf Autos, Lastwagen und Autoteile aus Kanada. Dies betrifft kanadische Exporte erheblich. 2025 gingen 72 Prozent der kanadischen Exporte in die USA, und 85 Prozent der kanadischen Autoexporte im Jahr 2024.

Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, konstatiert: „Jeder neue Zoll, den die USA gegen ihre Handelspartner verhängen, hat einen kleinen positiven Nebeneffekt: Solche Zolleskapaden machen Europa als verlässlichen Handelspartner attraktiver.“ Dirk Jandura, Präsident des Exportverbands BGA, ergänzt: „Wenn sich bei den Nachbarn eine Tür schließt, schaut Kanada zwangsläufig stärker über den Atlantik. Europa sollte diese Tür weit aufmachen.“

Diese Haltung spiegelt sich in den Handelszahlen wider: Im Jahr 2025 stiegen die deutschen Warenimporte aus Kanada um knapp 28 Prozent auf rund 9,1 Milliarden Euro. Der Waren- und Dienstleistungshandel zwischen der EU und Kanada erreichte 2025 ein Volumen von 130 Milliarden Euro, ein Anstieg von rund 80 Prozent gegenüber 2016. Im Juli dieses Jahres exportierte Kanada Waren im Wert von 25,6 Milliarden Kanadischen Dollar in Länder außerhalb der USA.

Dies ist ein Rekordwert, der den Anteil solcher Exporte auf 33,7 Prozent erhöhte.

Strategische Partnerschaft über CETA hinaus

Die Bemühungen Kanadas gehen über eine bloße Intensivierung des Handels hinaus. Premierminister Carney, der zuvor als Gouverneur der Bank of England tätig war, wirbt für eine vertiefte strategische Partnerschaft. Am 14.

September dieses Jahres betonte er, Kanada suche keine EU-Mitgliedschaft, sondern eine „einzigartige Allianz“. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und kanadische Offizielle zeigen sich offen für die Schaffung eines noch zu definierenden Status einer assoziierten Mitgliedschaft.

Mehrere strategische Bereiche stehen dabei im Fokus. Ein zentraler Punkt ist der Rohstoffsektor. Kanada verfügt über Vorkommen und Förderkapazitäten für kritische Rohstoffe wie Kupfer, Molybdän, Aluminium, Nickel, Lithium, Kobalt und Seltene Erden.

EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič betonte die Bedeutung Kanadas als Quelle kritischer Mineralien und die Notwendigkeit gemeinsamer Projekte und Investitionen.

Parallel dazu rückt die Energieversorgung in den Fokus. Die EU sucht nach sicheren Lieferketten, und Kanada kann Exportwege für Energie, einschließlich Erdgas, nach Europa anbieten. Im Bereich Verteidigung kann Kanada sich über das EU-Instrument SAFE an Beschaffungen beteiligen.

Das Instrument hat ein Volumen von rund 150 Milliarden Euro. Dies würde kanadischen Rüstungsfirmen Zugang zu EU-Beschaffungen ermöglichen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist digitaler Handel und Technologieaustausch. Im März 2026 wurden Verhandlungen über ein EU-Kanada-Abkommen zum digitalen Handel offiziell eröffnet. Themen wie Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur, Satellitennetze und Unterseekabel werden genannt.

Auch der Austausch von Fachkräften sowie die Anerkennung von Qualifikationen in Bildung und Kultur stehen auf der Agenda.

Offene Fragen und nächste Schritte

Trotz politischer Absichtserklärungen ist die konkrete Ausgestaltung dieser „einzigartigen Allianz“ noch offen. Der vorgeschlagene Status eines „assoziierten Mitglieds“ ist nicht definiert. Es bleibt unklar, welche Rechte und Pflichten damit verbunden wären und wie weit die EU von ihren bisherigen Regeln abweichen würde.

Medienberichte widersprechen sich über den Ursprung der Idee: Das Wall Street Journal verortet die Initiative bei Carney, The Globe and Mail berichtet, die EU habe den Titel ins Spiel gebracht. Ein Prüfstein für die Ernsthaftigkeit vertiefter Zusammenarbeit bleibt die vollständige Ratifizierung von CETA. Mehrere EU-Länder haben das Abkommen bislang noch nicht ratifiziert.

Politische Termine stehen an: Carney soll am 17. September 2026 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg sprechen. Für den 20.

September 2026 ist ein Treffen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron auf Saint-Pierre und Miquelon geplant. Ein EU-Kanada-Gipfel in Montreal im Oktober 2026 bietet die nächste Gelegenheit, konkrete Schritte in Bereichen wie Rohstoffe, Energie und Digitalisierung zu besprechen. Wirtschaftsführer in Europa und Kanada verfolgen die Entwicklungen, um die Folgen für ihre Sektoren und Investitionen abzuschätzen.