Nicolas Berggruen zieht einen Schlussstrich unter sein profiliertestes deutsches Engagement. Der deutsch-amerikanische Investor bezeichnet den Einstieg beim Warenhauskonzern Karstadt rückblickend als fundamentalen Fehler und nennt die damalige Rettungsfantasie eine Wahnvorstellung. Der Fall verdeutlicht exemplarisch die strukturellen Grenzen finanzgetriebener Sanierungen im traditionellen stationären Einzelhandel.

Der Mythos vom unkonventionellen Retter

Der Einstieg im September 2010 folgt unmittelbar auf das Scheitern des Arcandor-Konzerns im Jahr 2009. Die Berggruen Holdings übernimmt die traditionsreiche Warenhauskette damals für einen symbolischen Kaufpreis von einem Euro. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und der Gläubigerausschuss geben dem Angebot des Investors den Vorzug vor konkurrierenden Offerten privater Beteiligungsgesellschaften wie dem Finanzinvestor Triton.

Zu diesem Zeitpunkt stehen rund 25.000 Arbeitsplätze im deutschen Einzelhandel auf dem Spiel. Die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen begleitet die Übernahme öffentlichkeitswirksam und verleiht dem Deal politisches Gewicht. Berggruen, dessen Privatvermögen damals auf 1,8 bis 2,2 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, präsentiert sich als langfristiger Eigentümer ohne kurzfristige Renditeziele.

Die Ausgangslage ist jedoch von Beginn an durch strukturelle Altlasten geprägt. Karstadt hält zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige eigene Immobilien im Portfolio. Rund zwei Drittel der Verkaufsflächen wurden bereits Jahre zuvor an das Konsortium Highstreet veräußert, an dem unter anderem Goldman Sachs, die Deutsche Bank und Pirelli Real Estate beteiligt sind.

Die daraus resultierenden, teils marktfernen Mietverpflichtungen belasten das operative Ergebnis chronisch und engen den finanziellen Spielraum für Sortimentsinvestitionen von Anfang an drastisch ein.

Operatives Scheitern und personelle Fluktuation

In den Folgejahren bleiben die operativen Sanierungsbemühungen ohne den erhofften nachhaltigen Erfolg. Unter Führung des damaligen Vorstandschefs Andrew Jennings versucht das Unternehmen, das Sortiment moderner auszurichten und verstärkt jüngere Zielgruppen mit neuen Modemarken anzusprechen. Berggruen räumt später ein, die Komplexität des deutschen Warenhausgeschäfts und die Dringlichkeit tiefer gehender Einschnitte unterschätzt zu haben.

Im Sommer 2012 kündigt das Management den Abbau von rund 2.000 Arbeitsplätzen an, um die Kostenbasis der schrumpfenden Umsatzentwicklung anzupassen. Im Frühjahr 2013 verlässt Karstadt schließlich mit etwa 20.000 Beschäftigten den Flächentarifvertrag des Einzelhandels. Dieser Schritt löst massive Proteste der Gewerkschaft Verdi aus, deren Verhandlungsführerin Stefanie Nutzenberger dem Investor Wortbruch vorwirft.

Die personelle Kontinuität an der Spitze des Konzerns bleibt über Jahre hinweg fragil. Die im Juli 2014 nach weniger als fünf Monaten Amtszeit zurückgetretene Geschäftsführerin Eva-Lotta Sjöstedt begründet ihren Abgang explizit mit fehlender Unterstützung und mangelnder Investitionsbereitschaft des Eigentümers. Interimistisch übernimmt der damalige Personalchef Kai-Uwe Weitz die Leitung des angeschlagenen Unternehmens, während die Kundenfrequenz in den Warenhäusern weiter zurückgeht.

Umstrittene Mittelströme und die Signa-Transaktionen

Ein zentraler Konfliktpunkt des Engagements betrifft die konkrete Finanzierungsarchitektur. Berggruen beziffert die zwischen 2010 und 2014 bereitgestellten Mittel auf rund 400 Millionen Euro und beharrt darauf, dass ausreichend frisches Kapital in das Unternehmen geflossen sei. Eine anfängliche Kreditlinie über 65 Millionen Euro, deren Gewährung eine Bedingung für die Übernahme bildete, zahlt Karstadt allerdings wegen hoher Zinskonditionen vergleichsweise früh an Berggruen zurück.

Wirtschaftsbeobachter und Arbeitnehmervertreter weisen darauf hin, dass Sanierungsinvestitionen kaum aus frischem Eigenkapital des Investors bestritten wurden. Stattdessen speist sich die Liquidität primär aus der schrittweisen Veräußerung der profitabelsten Vermögenswerte. Im Dezember 2012 verkauft Berggruen das Berliner KaDeWe zusammen mit 16 weiteren Premium-Immobilien für mehr als 1,1 Milliarden Euro an die Signa Holding des österreichischen Immobilienunternehmers René Benko.

Im Herbst 2013 folgt der nächste strategische Rückzug. Berggruen veräußert eine Mehrheit von 75,1 Prozent an der Karstadt Sports GmbH mit ihren 28 Filialen sowie an den drei Premium-Warenhäusern KaDeWe in Berlin, Oberpollinger in München und Alsterhaus in Hamburg für 300 Millionen Euro an Signa. Verdi-Aufsichtsratsmitglied Arno Peukes bezeichnet die Abspaltung der profitablen Sparten als faktische Zerschlagung des Gesamtunternehmens.

Parallel dazu fließen nach Recherchen über Lizenz- und Markenrechte jährlich Millionenbeträge aus der operativen Gesellschaft an den Investor.

Zäsur im August 2014

Im August 2014 zieht sich Berggruen endgültig aus dem operativen Warenhausgeschäft zurück. Er veräußert die verbliebenen 83 Filialen der Karstadt Warenhaus GmbH sowie die verbliebenen Minderheitsbeteiligungen vollständig an die Signa Holding. In der Rückschau erklärt Berggruen, Karstadt habe sich bereits 2010 in einem weitaus schlechteren Zustand befunden als öffentlich dargestellt.

Zugleich übt er Selbstkritik: Er habe im Sanierungsprozess zu zurückhaltend agiert, sei phasenweise zu weich gewesen und habe unpopuläre operative Weichenstellungen nicht konsequent genug durchgesetzt.

Handelsexperten kritisieren hingegen, das Engagement habe vor allem werthaltige Unternehmensteile abgetrennt und den klassischen Warenhauskern substanziell geschwächt zurückgelassen. Nach dem Ausstieg bei Karstadt zieht sich Berggruen weitgehend aus dem europäischen Einzelhandel zurück. Der Milliardär konzentriert seine Aktivitäten seither über das Berggruen Institute auf Denkfabrik-Aktivitäten zu globaler Governance, politischer Philosophie sowie internationale Kunstprojekte.

Strukturelle Folgen für die deutschen Innenstädte

Die Ära Berggruen markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Einzelhandels. Sie offenbart, dass reine Finanzakrobatik und Immobilienverkäufe den strukturellen Wandel durch den expandierenden E-Commerce nicht aufhalten können. Nach Berggruens Ausstieg setzen sich die Restrukturierungswellen und Filialschließungen unter neuer Eigentümerschaft unvermindert fort.

Die Debatte über die Nachnutzung großflächiger Warenhausimmobilien bleibt für die Stadtentwicklung in deutschen Großstädten ein Dauerthema. Marktbeobachter werten das Kapitel Karstadt unter Berggruen heute als Beleg dafür, dass Sanierungskonzepte ohne klare handelsstrategische Vision und ohne massive Investitionen in das eigentliche Kundenerlebnis im Verdrängungswettbewerb zwangsläufig scheitern.