Pünktlich zur herbstlichen Wechselsaison kehrt der Preiskampf auf den deutschen Kfz-Versicherungsmarkt zurück. Nach drei Jahren starker Teuerung flacht der Beitragsanstieg im Neukundengeschäft drastisch ab. Tarife im Niedrigpreissegment sinken im Vorjahresvergleich bereits wieder.

Der Verdrängungswettbewerb spitzt sich in den Tagen vor dem Stichtag am 30. November zu, obwohl der Branche nach massiven Defiziten substanzielle Profitabilitätspuffer fehlen.

Aggressiver Tarifwettbewerb vor dem Kündigungsstichtag

Der Kfz-Versicherungsindex des Vergleichsportals Verivox, der gemeinsam mit Wolfgang Bischof von der Technischen Hochschule Augsburg entsteht, belegt die Kehrtwende im Neugeschäft. Über alle Sparten hinweg liegen die Prämien für Neuverträge im Marktdurchschnitt nur noch rund 1,3 bis 2,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Damit bleiben die aktuellen Preisanpassungen spürbar unter der allgemeinen Inflationsrate.

Im günstigen Marktsegment geben die Beiträge im Schnitt um knapp 2,0 Prozent nach. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Rückgang in der Vollkaskoversicherung mit einem Minus von rund 2,3 Prozent. In der Kfz-Haftpflicht sinken die Tarife um durchschnittlich 1,2 Prozent, während die Teilkasko um 1,0 Prozent nachgibt.

Im mittleren Preissegment verteuern sich Neuabschlüsse dagegen weiterhin moderat, in der Haftpflicht etwa um bis zu 3,1 Prozent.

Die Preisschere geht dabei weit auseinander. Günstige Tarife liegen marktweit im Mittel 32,5 Prozent unter dem mittleren Preissegment. Verivox beziffert die Differenz in Einzelfällen auf bis zu 52 Prozent.

Tobias Stuber, Geschäftsführer für den Bereich Kfz-Versicherung bei Check24, registriert diesen saisonalen Effekt regelmäßig ab Mitte Oktober. Zugleich steigen die Ausgaben für Online-Werbung drastisch, da die Gesellschaften aggressiv um wechselbereite Kunden buhlen.

Bestandskunden finanzieren Rabatte für Neugeschäft

Der Preisdruck konzentriert sich fast ausschließlich auf Neuabschlüsse. Parallel dazu verteuern die Versicherer bestehende Verträge weiter. Die Gesellschaften setzen ihren Sanierungskurs fort, um den aufgelaufenen Aufholbedarf auszugleichen. Erstwechsler profitieren folglich von Neukundenrabatten, während Bestandskunden die Zeche zahlen.

Trotz der aktuellen Nachlässe bewegen sich die Prämien weiterhin auf einem historisch hohen Niveau. Im Mittel liegen die Preise für Neukunden noch immer rund 52,8 Prozent über dem Stand des Jahres 2022. In den vorangegangenen Preisrunden hatten die Anbieter ihre Tarife sprunghaft um teils 24 bis 26 Prozent angehoben.

Fehlende Puffer nach zwei Verlustjahren

Der neu entflammte Preiskampf trifft auf eine Branche mit extrem schmalen Margen. Im Geschäftsjahr 2023 kletterte die kombinierte Schaden-Kosten-Quote auf 108 bis 110 Prozent. Für jeden eingenommenen Beitrags-Euro gaben die Gesellschaften somit bis zu 1,10 Euro für Schäden sowie Verwaltung aus.

Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) belief sich der versicherungsmathematische Branchenverlust 2023 auf über 2,5 Milliarden Euro. Bei Gesamteinnahmen von 30,2 Milliarden Euro standen Ausgaben für Schäden und Verwaltung von 32,8 Milliarden Euro gegenüber. Für das Geschäftsjahr 2024 zeichnen sich in der Kfz-Sparte weitere Verluste von rund zwei Milliarden Euro ab.

Zwar verbuchen erste Assekuranzen nach zwei defizitären Jahren wieder operative Gewinne, die Erholung bleibt jedoch fragil. Die jüngste Entlastung resultiert vorrangig aus dem temporären Ausbleiben schwerer Unwetterkatastrophen, nicht aus dauerhaft gesunkenen Basiskosten.

Ersatzteile und Werkstattlöhne treiben die Schadenkosten

Zentrale Kostentreiber setzen die Bilanzen der Kfz-Versicherer unvermindert unter Druck. Die Werkstattlöhne und Reparaturkosten steigen mit Raten von sieben bis acht Prozent pro Jahr. Dieser Anstieg liegt rund dreimal so hoch wie die allgemeine Verbraucherpreisinflation.

Entsprechend kletterte der durchschnittliche Schadenaufwand bei einem Pkw-Haftpflichtschaden von rund 2.400 Euro im Jahr 2013 auf etwa 3.700 Euro in den Jahren 2022 bis 2023.

Verantwortlich für diesen Trend sind die zunehmend komplexe Fahrzeugtechnik, teure Sensoren für Fahrassistenzsysteme und kostspielige Komponenten in Elektrofahrzeugen. Selbst bei leichten Parkschäden fallen oft aufwendige Neukalibrierungen an. Verivox-Geschäftsführer Aljoscha Ziller warnt vor verfrühtem Optimismus: Von einer dauerhaften Preiswende könne keine Rede sein, da sich Ersatzteile und Reparaturen weiter verteuern und Kostentreiber bleiben.

Zudem verweist Ziller darauf, dass die Versicherer kaum Puffer aufgebaut haben.

Marktführer und Direktversicherer spalten die Branche

Die Intensität des Wettbewerbs offenbart zwei grundverschiedene Vertriebsstrategien. Marktführer HUK-Coburg, der rund zwölf Millionen Fahrzeuge versichert, meidet traditionell Vergleichsportale wie Verivox und Check24. Der Konzern pocht auf seine eigene Kostenführerschaft und kündigt an, Bestandsbeiträge angesichts des Kostendrucks in den Werkstätten weiter anzupassen.

Vorstandschef Klaus-Jürgen Heitmann verweist dabei offen auf das verschärfte Wettbewerbsumfeld.

Ganz anders agiert die Allianz als Nummer zwei des Marktes mit rund 8,5 Millionen versicherten Fahrzeugen. Der Konzern forciert Marktanteilsgewinne gezielt über seine Tochter Allianz Direct, Partnerschaften mit dem ADAC und eine breite Präsenz auf den Vergleichsplattformen. Auch Direktversicherer wie CosmosDirekt sowie Anbieter wie die VHV oder Neodigital nutzen die Wechselsaison für expansives Neukundengeschäft.

Branchenberater sehen dieses Vorgehen kritisch. Experten wie Dirk Schmidt-Gallas von der Strategieberatung Simon-Kucher mahnen, Ertragskraft zwingend vor reines Prämienvolumen zu stellen. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die aggressiven Kampfpreise unmittelbar nach dem Ende der Wechselsaison im Dezember wieder aus den Tarifrechnern verschwinden.