In der dynamischen Welt der Venture-Capital-Investitionen zeichnet sich ein Wandel ab: Spitzenkräfte aus etablierten Tech-Konzernen verlassen ihre Arbeitgeber vermehrt, um eigene KI-Startups zu gründen. Parallel dazu diskutieren einige VCs zunehmend, selbst zu gründen oder operativ in Startups tätig zu werden. Dieser Trend wird durch die hohe Investitionsbereitschaft im KI-Sektor und den Wunsch nach operativer Gestaltungsfreiheit mitgeprägt.
Besonders junge KI-Unternehmen sichern sich kurz nach ihrer Gründung hohe Finanzierungen im dreistelligen Millionen- bis Milliardenbereich.
Vom Investor zum Gründer: Der Reiz der operativen Rolle
Der Schritt vom Geldgeber zum operativ tätigen Gründer oder Mitgestalter gewinnt an Fahrt. Ein wesentlicher Anreiz für diesen Seitenwechsel ist die Möglichkeit, strategische Ausrichtung und Forschung eigenständig festzulegen. Dies ist in großen Konzernen oder als reiner Investor oft eingeschränkt.
Jan Miczaika von HV Capital, Co-Moderator des Podcasts „Fund, Build, Operate“, sagt: „Als VC bist Du immer auf der Suche nach Unternehmen, die in 10, 15 Jahren richtig, richtig groß sein können.“
Eine unbenannte Person in einem Sifted-Artikel fasst einen weiteren Beweggrund so zusammen: „Wenn Du ein großes Unternehmen gründest, das wirklich ein großes Problem löst, ist es einfach ein viel größerer Hebel, als wenn Du Dein ganzes Leben lang ein VC bist.“ Parallel dazu agieren europäische VC-Geber zunehmend operativer in ihren Portfolio-Startups. Dies geschieht unter anderem als Reaktion auf knappe Ressourcen und hohe Marktgeschwindigkeit.
Der Wunsch, Wissen nicht nur durch Analyse, sondern auch durch direktes Handeln einzubringen, treibt dieses Verhalten an.
KI als Katalysator für Megarunden
Im Bereich Künstliche Intelligenz zeigt sich der Trend durch große Finanzierungsrunden. Ehemalige Top-Forscher von Google, Meta oder OpenAI verlassen ihre Arbeitgeber, um eigene KI-Startups zu gründen. Sie nennen als Motivation unter anderem die Möglichkeit, explorativere Forschung zu betreiben.
Alexander Joël-Carbonell von HV Capital weist darauf hin, dass in großen Grundlagenforschungslabors der Druck, Benchmarks zu liefern und schnelle Release-Zyklen einzuhalten, wenig Raum für wirklich explorative Forschung lässt.
Beispiele für Neugründungen mit hohen Startfinanzierungen sind:
- Ineffable Intelligence – Gründer David Silver (ehemals Google/DeepMind): 1,1 Milliarden US-Dollar.
- Recursive Superintelligence – Gründer Tim Rocktäschel (zuvor DeepMind): bis zu 1 Milliarde US-Dollar.
- Advanced Machine Intelligence (AMI) – Gründer Yann LeCun (ehemals Chef-KI-Entwickler bei Meta): 1 Milliarde US-Dollar.
Global flossen in den letzten zwölf Monaten 18,8 Milliarden US-Dollar in KI-Startups, die seit Anfang 2025 gegründet wurden. Betrachtet man Startups, die seit Anfang 2024 entstanden sind, liegt die Summe bei 27,9 Milliarden US-Dollar. Elise Stern von Eurazeo sagt dazu: „Der Wettlauf um die Vorherrschaft im KI-Bereich unter den größten KI-Laboren hat eine Lücke für kleinere, agilere Unternehmen geschaffen.“
Deutsche Gründungsdynamik und die Rolle des Kapitals
In Deutschland steigt die Zahl der Neugründungen: Im Jahr 2025 waren es 3.622, eine Steigerung von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Quartal 2026 erreichte die Zahl mit 1.358 Gründungen ein Rekordhoch. Im Mai 2026 lag das Münchner Ökosystem bei Gründungen pro Kopf vor Berlin.
Im ersten Quartal 2026 nutzten bereits 33 Prozent der Startups KI, eine Verdreifachung seit 2022. Der Software-Sektor macht 22 Prozent aller Neugründungen aus. Anfang 2026 entfielen 64 Prozent der Neugründungen auf SaaS-Modelle.
Gleichzeitig gibt es Herausforderungen: Die Zahl der Finanzierungsrunden in Deutschland sank 2025 um zwölf Prozent auf 1.547. Das Gesamtinvestitionsvolumen belief sich 2024 auf über sieben Milliarden Euro, wobei sich der Fokus auf größere Deals verschiebt. Im zweiten Quartal 2025 stammte etwa ein Drittel der Mittel für großvolumige Finanzierungsrunden von US-Investoren.
Die VC-Investitionsquote in Deutschland lag zwischen 2018 und 2022 bei rund 0,25 Prozent des BIP. Im Vergleich dazu lag sie in den USA im selben Zeitraum bei etwa 0,85 Prozent.
Das Vorurteil, VCs würden keine Hardware oder forschungsintensive Deep Tech finanzieren, wird als überholt dargestellt. Jan Miczaika beobachtet „erstaunlich viel Interesse an Deep Tech Startups“. Das Beispiel Kipu Quantum unterstreicht dies. Das Unternehmen startete 2022 mit zehn Millionen Euro von VCs.
Ausblick auf ein Ökosystem im Wandel
Anzeichen deuten darauf hin, dass die Bewegung von Tech-Spitzenkräften in die Gründerszene anhalten könnte. Sie spiegelt den Wunsch nach direkter Einflussnahme und Gestaltungsfreiheit wider, insbesondere im KI-Feld. Die hohen Finanzierungsvolumina für neue KI-Startups zeigen, dass Investoren bereit sind, beträchtliche Summen in junge Unternehmen zu investieren.
Für den deutschen Markt bleibt die Frage, wie die wachsende Gründungsdynamik durch eine stärkere inländische Kapitalbasis in späteren Finanzierungsphasen unterstützt werden kann. Die Zahl der Startup-Insolvenzen stieg im ersten Quartal 2026 auf 105, ein Plus von 54 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Dies unterstreicht die Notwendigkeit robuster Finanzierungsstrukturen über die Frühphase hinaus.
Wie Lukas Zörner (Integral) betont, sind Kultur, Risikobereitschaft und Kapitalbasis entscheidend, um den Standort Deutschland für Startups attraktiv zu halten.
Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob der Seitenwechsel ein dauerhafter Trend wird und welche Folgen er für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Ökosystems hat. Marktbeobachter werden verfolgen, wie sich die Kapitalströme verteilen und welche Auswirkungen dies auf die globale Technologielandschaft hat.







