Die zunehmende Integration künstlicher Intelligenz in Bildung und Arbeitswelt verändert die Bewertung von Bildungsleistungen. Gleichzeitig bestehen bei Studierenden Bedenken hinsichtlich ihrer Karrierechancen und der Wertigkeit ihrer Fähigkeiten. Eine aktuelle Studie analysiert, wie das psychologische Konzept des Growth Mindset die wahrgenommene Bedrohung durch KI beeinflusst.
Die Wirkung ist nicht direkt, sondern vermittelt über die wahrgenommene Kontrollierbarkeit und ein Aufwand-Ertrags-Ungleichgewicht.
Forschende der University of Toronto, namentlich Yue Tong Liang, und der Monash University, Juan Du, zeigen in ihrer Untersuchung, dass ein Growth Mindset die wahrgenommene Bedrohung durch KI nicht unmittelbar mindert. Es wirkt jedoch indirekt über die genannten Mediatoren.
Psychologie der KI-Angst
Die Integration von KI in die Bildungsbewertung und Beschäftigungspraktiken löst bei Studierenden Bedenken aus. Diese Beobachtung motivierte die Studie. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass die Literatur zur Technologieakzeptanz häufig den Fokus auf die Nutzung legt. Psychologische Bedrohungswahrnehmungen bleiben dabei weniger beachtet.
Die Querschnittsstudie basiert auf 548 gültigen Fragebögen von Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften in China. Diese umfassen sowohl Bachelor- als auch Master-Ebene. Analysiert wurden Zusammenhänge zwischen Growth Mindset, wahrgenommener Kontrollierbarkeit, wahrgenommenem Aufwand-Ertrags-Ungleichgewicht und der wahrgenommenen KI-Bedrohung.
Das Aufwand-Ertrags-Ungleichgewicht beschreibt in der Studie die Einschätzung, ob sich Investitionen in die Anpassung an KI lohnen.
Growth Mindset als indirekter Puffer
Das Growth Mindset, die Überzeugung, dass Intelligenz und Fähigkeiten durch Anstrengung und Lernen entwickelbar sind, spielt eine Rolle bei der Anpassung an technologische Herausforderungen. Es fungiert jedoch nicht als direkter Schutzfaktor gegen die wahrgenommene KI-Bedrohung. Liang und Du berichten, dass das Growth Mindset keinen signifikanten direkten Effekt auf die wahrgenommene KI-Bedrohung hatte.
Es zeigte jedoch signifikante indirekte Effekte über die Mediatoren.
Konkret sagte die wahrgenommene Kontrollierbarkeit die wahrgenommene KI-Bedrohung signifikant und negativ voraus. Ein hohes Aufwand-Ertrags-Ungleichgewicht sagte diese signifikant und positiv voraus. Wahrgenommene Kontrollierbarkeit vermittelte die Beziehungen zwischen mehreren Vorläufervariablen wie Human-KI-Beziehungserfahrung, KI-Angst, KI-Selbstwirksamkeit, Growth Mindset und Rollenüberlastung sowie der wahrgenommenen KI-Bedrohung.
Das Aufwand-Ertrags-Ungleichgewicht vermittelte die Effekte von KI-Selbstwirksamkeit, Growth Mindset und Rollenüberlastung. Die entsprechenden Effekte für KI-Angst und Human-KI-Beziehungserfahrung waren nicht signifikant. Rollenüberlastung hatte den größten Gesamteffekt auf die wahrgenommene KI-Bedrohung.
Die Befunde deuten darauf hin, dass die Überzeugung, lernen zu können, allein nicht ausreicht. Sie wirkt über die Wahrnehmung der Kontrollierbarkeit und der erwarteten Rendite von Weiterbildungsaufwand.
Widersprüchliches Bild der KI-Angst
Umfragen zur Angst vor Jobverlust durch KI liefern unterschiedliche Ergebnisse:
- 89 Prozent der Befragten in einer Zety-Umfrage mit 1.150 Personen äußerten Angst vor Jobverlust durch KI. 25 Prozent hätten solche Verluste bereits erlebt.
- Fast 50 Prozent aller Angestellten mit Computerarbeitsplatz gaben in einer IBM-Studie an, von der Angst vor Jobverlust durch KI betroffen zu sein.
- 43 Prozent der Büroangestellten in einer Deloitte-Erhebung aus der Schweiz nannten Besorgnis, ihren Job wegen KI in den kommenden fünf Jahren zu verlieren.
- Die Adecco-Umfrage 2025 registrierte zwölf Prozent Besorgte in der Schweiz und knapp ein Viertel weltweit.
- In Deutschland gaben im Herbst 2024 laut einer Bidt-Studie nur noch vier Prozent der Erwerbstätigen an, dass KI ihre Tätigkeiten in den nächsten zehn Jahren vollständig ersetzen werde. 2023 hatte der Wert dort elf Prozent betragen.
Solche Diskrepanzen erklären sich laut den Quellen mit unterschiedlichen Methoden, Stichproben und regionalen Schwerpunkten. In einigen Befunden zeigt sich zudem: Wer KI bereits nutzt, rechnet eher mit dem Wegfall von Aufgaben. Dies betrifft 58 Prozent der Nutzer gegenüber 39 Prozent der Nicht-Nutzer.
Gleichzeitig berichten Nutzer häufiger von Effizienzgewinnen mit 63 Prozent und Kreativitätsgewinnen mit 54 Prozent. Dies deutet laut den Recherchen auf einen Lernprozess hin, in dem anfängliche Befürchtungen durch eine realistischere Einschätzung von Chancen und Risiken ergänzt werden.
Implikationen für Wirtschaft und Politik
Die Ergebnisse der Studie von Liang und Du, veröffentlicht in Frontiers in Psychology, legen nahe, dass Programme zur Anpassung an KI nicht nur technische Fertigkeiten vermitteln sollten. Sie sollten auch psychologische Faktoren wie die wahrgenommene Kontrollierbarkeit und die Einschätzung des Aufwand-Ertrags-Verhältnisses adressieren.
Experten wie Roland Stürz, Abteilungsleiter Think Tank des Bidt, fordern Informations- und Kompetenzangebote sowie klare Regeln und Strategien im Umgang mit generativer KI. Die EU-KI-Verordnung trat im August 2024 in Kraft. Sie bildet laut den Quellen einen ersten regulatorischen Rahmen.
In Expertendiskussionen wird ein menschenzentrierter Ansatz betont. Ohne einen solchen Ansatz könne die Belegschaft verunsichert werden, bevor sie von den Vorteilen der KI profitiert, so Denis Machuel, Adecco-Group-Chef. Eine Formulierung von IBM bringt die Dringlichkeit auf den Punkt: „KI wird die Menschen nicht ersetzen – aber Menschen, die KI nutzen, werden Menschen ersetzen, die das nicht tun.“
Die Studie von Liang und Du liefert Ansatzpunkte, wie Weiterbildungs- und Transformationsstrategien gestaltet werden könnten. Dazu gehören Maßnahmen, die die wahrgenommene Kontrollierbarkeit erhöhen und die erwarteten Erträge von Weiterbildungsinvestitionen klarer machen. Künftige Forschung sollte prüfen, inwieweit diese Mechanismen in anderen Kulturkreisen oder Fachbereichen variieren und welche Interventionen die Mediatoren am effektivsten beeinflussen.
Die Marktreaktion auf solche strategischen Anpassungen, insbesondere in Bezug auf die Mitarbeiterbindung und Produktivität, wird voraussichtlich eng beobachtet.







