Die Luftfahrtbranche richtet ihre Infrastruktur neu aus. Nach der Rückkehr der Passagierzahlen auf das Vor-Pandemie-Niveau stehen Flughafenbetreiber, besonders im Vereinigten Königreich, wieder vor einem erhöhten Bedarf an Infrastrukturprojekten. Dieser Aufschwung trifft auf einen angespannten Bausektor mit Fachkräftemangel, Lieferkettenengpässen und Kostensteigerungen.
Experten fordern strukturellen Wandel in der Umsetzung von Flughafenprojekten.
Ein Paradigmenwechsel soll Effizienz und Produktivität steigern. Der Fokus verschiebt sich von reiner Kapitalbeschaffung hin zur Entwicklung strategischer Investitionsplattformen und zur Bildung von Branchenclustern sowie Innovationsökosystemen, die administrative Grenzen überwinden.
Marktwachstum und Investitionsdruck
Der Markt für Airport Supply Chain Management wächst laut Prognosen von 25,83 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 29,12 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026. Dies entspricht einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 12,7 Prozent. Bis 2030 erreicht das Volumen voraussichtlich 46,1 Milliarden US-Dollar.
Der breitere Airport Supply Chain Market soll im Zeitraum von 2026 bis 2033 mit einer CAGR von 8,9 Prozent wachsen. Parallel dazu steigt der Markt für Airport Information Systems von rund 4,24 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf etwa 5,36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 an.
Diese Zahlen verdeutlichen Investitionsdruck und Potenzial für die Modernisierung der Flughafenlogistik. Flughäfen wie Amsterdam Schiphol untermauern dies mit konkreten Plänen: Für 2025 prognostiziert der verkehrsreichste Flughafen der EU 488.000 kommerzielle Flüge. Bis 2035 sind rund 10 Milliarden Euro für ein Modernisierungsprogramm vorgesehen.
Es umfasst den Bau eines neuen Terminals, die Erneuerung mehrerer Flugsteige, die Erweiterung der Infrastruktur für größere und leisere Flugzeuge sowie Maßnahmen zur Emissionsreduktion am Boden bis 2030.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Gestiegene Passagierzahlen und der Modernisierungsbedarf treffen auf Schwierigkeiten im Bausektor. Komponentenvorlaufzeiten können über 18 Monate betragen. Bei einem Roundtable von Mott MacDonald und NCE wurde die Notwendigkeit diskutiert, Bauprojekte zu industrialisieren und Offsite-Fertigung stärker zu nutzen. Ziel ist, Bauzeiten zu verkürzen und operative Störungen zu minimieren.
Lawrence Chapman, BIM Lead bei Sizewell C, kritisiert die inkonsistente Nutzung existierender Informationsstandards: „Wir haben als Branche eine ganze Reihe von Informationsstandards für die Klassifizierung entwickelt – wie wir Kosten, Materialien und Kohlenstoff klassifizieren können. Es ist alles vorhanden, aber Projekte nutzen sie nicht, sie erfinden das Rad jedes Mal neu. Eine der Dinge, die wir kollektiv tun könnten, ist eine konsistente Annahme dieser Standards und deren Nutzung für Benchmarking.
Dann könnten wir branchenweit die Leistung eines Kapitalprojekts mit einem anderen vergleichen. Ja, wir werden alle kleine, einzigartige Nuancen für jedes verschiedene Projekt haben, aber Standardisierung ist für die Produktivitätsbewertung wertvoll.“
Graham Bolton, Global Lead for Aviation bei Mott MacDonald, ergänzt zur Offsite-Fertigung: „Würden wir eine solche [Offsite-Fertigungs-]Anlage beispielsweise in Prestwick bauen, wäre es sinnvoll, dass sie für Flughäfen im ganzen Land gleichermaßen nützlich ist – sei es Heathrow, Gatwick, Bristol, Manchester, Glasgow oder ein anderer.“
Strategische Neuausrichtung und Risikobereitschaft
Projektverantwortliche an Flughäfen sind sich der Sensibilität des Betriebs bewusst. Alistair Awcock, Infrastructure Director bei Heathrow, erläutert: „Flughäfen gehen davon aus, dass Betriebsunterbrechungen enorme Kosten verursachen. Dies erklärt, warum es in der Luftfahrt so viele Regeln gibt, die bestimmte Dinge verbieten.
Wir müssen jedoch unsere Risikotoleranz überprüfen und uns fragen, wie weit wir Störungen zulassen, bevor sie potenziell zu einem Betriebsrisiko werden. Dabei haben wir [Heathrow] erkannt, dass es Spielraum im System gibt.“ Awcock ergänzt: „Möchtest Du ein Projekt, das zwei Jahre lang im und um den Betrieb läuft, oder möchtest Du es in einem Jahr erledigt haben?
Wenn wir diese Frage an unser operatives Team stellen, sagen sie, dass sie eher eine Störung für ein Jahr in Kauf nehmen können, als vielleicht weniger Störungen, aber über einen längeren Zeitraum.“
Andrew Goodenough, Infrastructure Director bei Bristol Airport, warnt davor, alle Risiken auf die Lieferkette abzuwälzen: „Es entsteht ein Problem, wenn die Verantwortlichen im Betrieb sagen, sie könnten keine Störungen akzeptieren. Denn dann wird das gesamte Risiko auf die Lieferkette übertragen, und die Lieferkette bepreist dieses Risiko natürlich ein. Und komischerweise mögen Flughäfen dann den Preis nicht.“
Matt Randall, Aviation Director bei Mace, hebt die Bedeutung früher Entscheidungen für produktivitätsoptimiertes Design hervor: „Wir haben inzwischen ausreichend Daten, um zu wissen, wie wir produktivitätsorientiert gestalten. Es ist jedoch interessant, dass normalerweise alle Schlüsselentscheidungen bereits getroffen sind, wenn der Auftragnehmer beauftragt wird. Wir stellen dann fest, dass niemand über Design für Produktivität nachgedacht hat.
Eine Nachrüstung einer Lösung in das Schema ist nicht der beste Weg. Wir haben hier Expertise. Daher ist es absolut entscheidend, dass diese Entscheidungen bezüglich Design für Produktivität und Designbeschränkungen frühzeitig getroffen werden.“
Parallel zu diesen Entwicklungen in Europa fordert die Resolution 10-NQ/TW des Politbüros Vietnams vom 8. Juni 2026 einen Paradigmenwechsel bei den ausländischen Direktinvestitionen (FDI): weg von reiner Kapitalbeschaffung hin zur Entwicklung strategischer Investitionsplattformen und Branchenclustern. Bis 2030 sollen 75 Prozent der FDI aus entwickelten Volkswirtschaften stammen und rund 10.000 inländische Unternehmen in die Wertschöpfungs- und Lieferketten von FDI-Unternehmen eingebunden werden.
Ausblick: Automatisierung und Konnektivität als Treiber
Technologische Fortschritte spielen eine zentrale Rolle bei der Modernisierung von Logistik und Infrastruktur. TGW Logistics treibt die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Intralogistik voran und realisiert Automatisierungsprojekte. Terra-Robotics bietet Roboterlösungen für Flughäfen und Terminals an, darunter für Reinigungs-, Service- und Transportaufgaben.
Die Konsolidierung im Markt zeigt sich unter anderem in der Übernahme von Worldwide Flight Services durch SATS Ltd. im April 2023 für 1,5 Milliarden US-Dollar. Adani Airport Holdings Ltd. führte im September 2024 die Plattform „aviio“ ein, um Flughafenabläufe durch Echtzeitdaten zu Passagier- und Gepäckbewegungen zu verbessern.
Die unterschiedlichen Wachstumsprognosen für den „Airport Supply Chain Market“ (CAGR 8,9 Prozent für 2026 bis 2033) und den „Airport Supply Chain Management Market“ (CAGR 12,7 Prozent für 2025 bis 2026 und 12,2 Prozent für 2026 bis 2030) verdeutlichen, dass Marktdefinitionen und Quellen die Einschätzungen beeinflussen. Investoren und Betreiber stehen vor der Aufgabe, diese divergenten Signale zu bewerten. Die Anpassung an neue Technologien und die Frage, wie sich Produktivität durch Standardisierung und industrialisierte Bauweisen verbessern lässt, bleiben relevante Themen für die Branche.







