Der Zugang zu medizinischen Dienstleistungen in Deutschland und anderen Ländern verändert sich. Pilotprojekte integrieren telemedizinische Angebote in Apotheken und Händlernetzen, um die Gesundheitsversorgung wohnortnaher zu gestalten. Diese Konzepte erproben aktuell neue Wege.
Das Ziel besteht darin, traditionelle Barrieren zwischen medizinischer Konsultation und dem Erwerb von Medikamenten abzubauen.
Apotheken als neue Gesundheitszentren
Apotheken spielen eine Rolle als wohnortnahe Zugangspunkte für telemedizinische Dienste. MEDIVISE Healthcare, ein Anbieter assistierter Telemedizin, identifiziert Apotheken als solche Anlaufstellen.
Pilotprojekte in Apotheken testen strukturierte Ersteinschätzungen, assistierte Videosprechstunden und KI-gestützte Analysen. So startete die Pharmacie Notre-Dame in Roquefort-les-Pins, Frankreich, Ende August 2026 ein Pilotprojekt mit der Skinive-MD-App. Diese KI-gestützte Anwendung soll Apotheker bei der Analyse von Hautveränderungen unterstützen.
Die Apotheker Sandra und Éric d’Aura nutzen die Technologie, um Auffälligkeiten zu erkennen, Patienten zu informieren und bei Bedarf eine ärztliche oder dermatologische Untersuchung zu empfehlen. Das Projekt betont, die Anwendung ersetze den Hautarzt nicht, sondern ergänze seine Arbeit. Ein Prüfpunkt der Projekte ist, ob sich KI-gestützte Hautanalysen in bestehende Apotheken-Workflows integrieren lassen, ohne zusätzliche spezialisierte Aufnahmegeräte anschaffen zu müssen.
Technologie als Wachstumstreiber
Die Ausweitung telemedizinischer Angebote im Handel ermöglichen Technologien wie KI-gestützte Analysetools, digitale Dermatoskope, spezialisierte Telemedizin-Plattformen und Cloud-basierte Verwaltungssysteme. Diese Werkzeuge unterstützen Diagnostik, Verwaltung und den Austausch medizinischer Daten.
Im Bereich der Telepharmazie prognostiziert The Business Research Company ein signifikantes Wachstum. Der Markt soll von 14,27 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 30,41 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 anwachsen, bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 16,3 Prozent. Im Januar 2024 führte Eli Lilly die Telehealth-Plattform LillyDirect ein, die den Direktverkauf bestimmter Medikamente an Verbraucher ermöglicht.
Im Februar 2023 erwarb Elevance Health das Unternehmen BioPlus, um seine Fähigkeiten in der Versorgung mit Spezialmedikamenten zu stärken, inklusive der Telepharmazie-Dienste von BioPlus.
Breite Vernetzung über verschiedene Sektoren
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Apotheken. Eine Kooperation zwischen dem Zahlungsdienstleister upay und dem Gesundheitsanbieter CliniCall zielt darauf ab, digitale Gesundheitsdienste in upays Händlernetzwerk zu integrieren. Diese Partnerschaft weist auf eine verstärkte Vernetzung digitaler Gesundheitsangebote mit Handelsstrukturen hin.
Auch in der Notfallversorgung und Perinatalmedizin finden telemedizinische Lösungen Anwendung. In Ostsachsen entstand 2019 ein Perinataler Kompetenzverbund, der neun Kliniken bei der Neugeborenenversorgung telemedizinisch betreut. Professor Doktor Mario Rüdiger, Leiter der Neonatologie am Universitätsklinikum Dresden, beschreibt die Aufgabe als konsiliarische Unterstützung der vor Ort tätigen Ärztinnen und Ärzte.
Im Rahmen der Virtuellen Kinderklinik Bayern soll bis Oktober 2026 ein Tele-Neugeborenen-Notarztdienst auf zehn spezialisierte Zentren ausgebaut werden, die 21 Geburtskliniken versorgen.
Professor Doktor Matthias Keller, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kinderklinik Passau, nennt unterschiedliche vertrags- und datenschutzrechtliche Regelungen in Häusern als Herausforderung. Er fordert eine Verschlankung solcher Prozesse, um Innovationen schneller voranzubringen.
Politische und regulatorische Rahmenbedingungen
Die Bundesregierung treibt die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit Initiativen wie dem Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) voran. Solche politischen Weichenstellungen sind relevant für die weitere Integration telemedizinischer Dienste. Sascha Raddatz, Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg), diskutiert auf Fachveranstaltungen Fragen wie: Wer steuert künftig den Zugang zur Versorgung?
Auch außerhalb Deutschlands gibt es Beispiele für Vernetzung. Die Aerztefon AG betreibt ab 2027 die kantonale Triagestelle Zürich.
Ausblick: Die Zukunft der dezentralen Gesundheitsversorgung
Die Ausweitung telemedizinischer Angebote in Apotheken und in Handelsnetzwerken deutet auf einen Wandel in der Gesundheitsversorgung hin. Diese Projekte schaffen neue Kontaktpunkte für Patienten und können bestehende medizinische Infrastrukturen entlasten. Zu den nächsten Schritten zählen die weitere Erprobung von Geschäftsmodellen, Anpassungen regulatorischer Rahmenbedingungen sowie die Skalierung erfolgreicher Pilotprojekte.
Herausfordernd bleibt die Verbindung der Dezentralisierung mit Qualitäts- und Datenschutzanforderungen. Offen ist, inwieweit Supermärkte selbst zu regulären Standorten für Arzttermine werden können. Die verfügbaren Quellen konzentrieren sich bislang vor allem auf Apotheken und Händlernetze.
Marktbeobachter achten auf die Entwicklung von Kooperationen zwischen Handels- und Gesundheitsakteuren sowie auf politische Entscheidungen, die diesen Trend beeinflussen können.







