Lateinamerikas größte Krypto-Handelsplattform gerät unter massiven Druck: Die brasilianische Börse Mercado Bitcoin stoppt Ein- und Auszahlungen, nachdem unautorisierte Mittelabflüsse auf mindestens zehn verschiedenen Blockchains registriert werden. Sicherheitsfirmen beziffern das Volumen der abgezogenen Vermögenswerte auf 38 Millionen bis über 46 Millionen US-Dollar. Der Vorfall trifft das führende Krypto-Unternehmen der Region und wirft grundlegende Fragen zum Risikomanagement institutioneller Investoren auf.
Unautorisierte Transfers leeren Wallets über zehn Blockchains
Die verdächtigen Transaktionen beginnen in den frühen Morgenstunden. Um 02:15 UTC registrieren Monitoring-Systeme erste Übertragungen von Bitcoin-Einzahlungsadressen an externe Wallets. In einer einzelnen Transaktion fließen wenig später 104,43 Bitcoin ab. Insgesamt beläuft sich der Abzug nach aktuellen On-Chain-Analysen auf etwa 106 Bitcoin.
Zwischen 06:19 UTC und 06:53 UTC folgt das entscheidende Abflussfenster. Binnen 34 Minuten räumen die unbekannten Angreifer Hot-Wallets auf mehreren großen Netzwerken leer, darunter Ethereum, Solana, Tron, Polygon, Arbitrum, Avalanche, BNB Chain und Stellar. Sicherheitsfirmen wie Hypernative und Opsek stufen die Vorgänge als reguläre On-Chain-Überweisungen ein und schließen einen klassischen Smart-Contract-Exploit aus.
Das Muster deutet darauf hin, dass private Schlüssel kompromittiert wurden oder ein unberechtigter Zugriff auf interne Auszahlungsschnittstellen vorliegt.
Neben den rund 106 Bitcoin entwenden die Angreifer unter anderem etwa 2.852 Ether, rund 10.700 Solana, circa 6,7 Millionen Stellar Lumens sowie mehr als 200 weitere Token-Typen. Dickson Wu, Senior Security Engineer beim Analysehaus CertiK, betont die Tragweite des Angriffs: Der Verursacher sei in der Lage gewesen, Mittel direkt aus den Kundeneinzahlungsadressen von Mercado Bitcoin abzuziehen.
Betreiber schließt Kundenschäden aus, Stablecoin-Emittenten sperren Konten
Das Management von Mercado Bitcoin reagiert am Mittag mit einer offiziellen Stellungnahme. Demnach hat das Unternehmen in den frühen Morgenstunden einen Sicherheitsvorfall in den eigenen Systemen identifiziert und rasch eingedämmt. Die Plattform betont, dass kein Schaden für Kunden entstanden sei und kein Datenleck vorliege.
Als reine Vorsichtsmaßnahme habe die Börse sämtliche Ein- und Auszahlungen vorübergehend ausgesetzt. Eine unabhängige Bestätigung durch eine Wirtschaftsprüfung steht bisher allerdings aus.
Parallel dazu greifen externe Akteure ein, um den Abfluss einzudämmen. Der Emittent Tether friert mehr als 4,5 Millionen Tether-Dollar auf Zieladressen ein. Nach Angaben von CertiK summiert sich der von Tether und Circle blockierte Stablecoin-Betrag auf rund 6,2 Millionen US-Dollar.
Dennoch gelingt es den Angreifern, etwa 20 Millionen US-Dollar auf neue Wallets weiterzuleiten. Weitere rund 20 Millionen US-Dollar, inklusive der Bitcoin-Bestände, verbleiben zunächst auf den bekannten Zieladressen.
Trotz der offiziellen Beruhigungsversuche der Unternehmensführung beobachten Sicherheitsforscher bis in den Nachmittag fortlaufende Transaktionen. Die Angreifer konsolidieren tausende Kleinstbeträge, darunter Zusammenziehungen aus mehr als 27.000 einzelnen Ethereum-Adressen.
Institutionelle Verflechtungen erhöhen das Gegenparteirisiko
Mit rund 4,5 Millionen registrierten Nutzern im Juli 2026 gilt Mercado Bitcoin als das infrastrukturelle Aushängeschild des brasilianischen Krypto-Sektors. Erst im Juli 2026 investierte der Stablecoin-Emittent Tether 20 Millionen US-Dollar in die Handelsplattform, um deren Expansion in die Tokenisierung von Realwerten, Zahlungsabwicklungen und Kreditvergaben zu beschleunigen.
Der Sicherheitsvorfall rückt nun die Governance und die technischen Sicherheitsstandards des Unternehmens in den Mittelpunkt. Zudem bleibt vorerst unklar, aus welchen Beständen die abgeflossenen Gelder stammen, ob aus operativen Unternehmensreserven oder aus gepoolten Kundengeldern. Da die Schätzungen der Verluste bis über 46 Millionen US-Dollar reichen, müsste Mercado Bitcoin erhebliche Eigenmittel aufbringen, um Kundengelder vollständig abzusichern.
Der Fall weckt Erinnerungen an die Schließung der chilenischen Börse Orionx im September 2026, die nach einem Verlust von sieben Millionen US-Dollar den Geschäftsbetrieb komplett einstellen musste.
Aufsichtsbehörden leiten Untersuchungen ein
Unter dem regulatorischen Rahmenwerk des brasilianischen Krypto-Gesetzes unterliegen Plattformbetreiber einer dualen Aufsicht durch die brasilianische Zentralbank und die Wertpapieraufsicht Comissão de Valores Mobiliários. Beide Institutionen prüfen gegenwärtig, ob Mercado Bitcoin die gesetzlichen Transparenzpflichten bei IT-Vorfällen eingehalten hat und ob die Mindestkapitalausstattung der Börse den Belastungen standhält. Zugleich schaltet sich die nationale Datenschutzbehörde ANPD ein, um festzustellen, ob entgegen den Beteuerungen der Plattformbetreiber sensible Nutzerdaten kompromittiert wurden.
In den kommenden Tagen steht die lückenlose Aufklärung des Angriffsvektors im Fokus. Marktbeobachter und institutionelle Partner erwarten einen detaillierten Audit-Bericht zur Solvenz der Plattform. Die Wiederaufnahme des regulären Handels hängt davon ab, ob Mercado Bitcoin gegenüber den Aufsichtsbehörden nachweisen kann, dass sämtliche Signaturprozesse und Auszahlungskontrollen wieder vollständig gesichert sind.







