Die deutsche Pharmaindustrie steuert im laufenden Jahr auf einen Abschwung zu. Nach einem durch Vorziehexporte getriebenen Ausnahmejahr prognostiziert der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) für 2026 ein reales Umsatzminus von 1,8 Prozent sowie einen Produktionsrückgang von 2,2 Prozent. Als Ursache nennt die Branche den handelspolitischen Konflikt mit den USA, der zwischen Zolldrohungen und dem Druck zur Produktionsverlagerung eskaliert.
Das Katerjahr nach der Exportwelle
Der erwartete Branchenabschwung folgt auf massive Vorzieheffekte im Jahr 2025. Als Donald Trump im Frühjahr 2025 mit Zöllen von bis zu 100 Prozent auf patentgeschützte Arzneimittel und Wirkstoffe drohte, verlegten europäische Hersteller umfangreiche Exporte in die USA vor. Logistikkonzerne wie Lufthansa Cargo und DHL registrierten in der Folge Rekordfrachtmengen auf den Nordatlantikrouten.
Die Zahlen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) verdeutlichen diesen Sondereffekt. Während die deutsche Industrieproduktion 2025 insgesamt um 1,7 Prozent schrumpfte, erzielte die Pharmasparte ein Produktionsplus von 4,5 Prozent und ein Umsatzwachstum von 5,5 Prozent. Für 2026 folgt nun die Gegenbewegung, da die US-Lager gefüllt sind und die Nachfrage vorerst nachlässt.
Parallel dazu stagniert die Beschäftigung in der deutschen Industrie. Nach Angaben des VFA verharrt die Mitarbeiterzahl 2026 bei knapp 130.000 Beschäftigten.
Die Verwundbarkeit einer Exportnation
Die deutsche Pharmabranche hängt stark vom Außenhandel ab: Die Exportquote liegt bei über 60 Prozent. Rund 23 bis 25 Prozent aller deutschen Pharmaausfuhren gehen direkt in die Vereinigten Staaten. Für das Jahr 2024 summiert sich das Ausfuhrvolumen in die USA auf rund 27 Milliarden Euro. Im Gegenzug importiert Deutschland Vorprodukte und Fertigarzneimittel im Wert von gut zwölf Milliarden Euro.
Der transatlantische Markt ist eng verflochten. Von den gesamten US-Pharmaimporten in Höhe von 233 Milliarden US-Dollar stammen rund zwei Drittel aus der Europäischen Union. Gleichzeitig deckt die US-Industrie fast 90 Prozent ihres Bedarfs an Wirk- und Hilfsstoffen über Einfuhren, wobei Europa den Hauptteil liefert.
Deutschland stellt 35 Prozent der europäischen Kapazitäten für FDA-zugelassene Innovator- und Biosimilar-Präparate sowie 40 Prozent der Biologika-Kapazitäten. Diese Konzentration unterstreicht die Verwundbarkeit deutscher Standorte bei handelspolitischen Verwerfungen.
Juristisches Vakuum und regulatorischer Druck
Die regulatorische Lage bleibt unübersichtlich. Im Sommer 2025 verständigten sich Brüssel und Washington vorläufig auf eine Zollobergrenze von 15 Prozent für EU-Arzneimittel. Nachdem der US Supreme Court der Regierung in Washington jedoch den Rückgriff auf ein Notstandsgesetz aus den 1970er-Jahren untersagte, fror das EU-Parlament die Ratifizierung ein.
Die 15-Prozent-Deckelung befindet sich seitdem im juristischen Schwebezustand.
Zugleich erhöht die US-Regierung den Druck über administrative Wege. Das Office of the US Trade Representative (USTR) leitete am 18. Juni 2026 formelle Untersuchungen gegen deutsche Arzneimittelpreise ein.
US-Gesundheitspolitiker wie Robert F. Kennedy jr. kritisieren offen, Europa beteilige sich nicht ausreichend an den globalen Forschungs- und Entwicklungskosten. Überdies greifen Sondermaßnahmen unter Section 232 des Trade Expansion Act: Geplante Staffelzölle auf Generika sehen Abgaben von 100 Prozent ab August 2028 und 200 Prozent ab 2029 vor, sofern die Wirkstoffe nicht auf US-Boden gefertigt werden.
„Arzneimittel dürfen nicht zum Spielball von Handelskonflikten werden“, warnt Oliver Kirst, Vorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), vor den Folgen dieser protektionistischen Spirale.
Kapital folgt Marktzugang: Der Trend zum Onshoring
US-Programme wie das „Project Secure Pharma Supply“ zwingen europäische Konzerne zum Handeln. Um Zöllen zu entgehen und den Zugang zum weltweit lukrativsten Gesundheitsmarkt zu sichern, verlagern immer mehr Hersteller Investitionen direkt in die USA. Merck KGaA traf bilaterale Absprachen und sagte milliardenschwere Investitionen in dortige Produktionsstätten zu.
Auch Novartis und Roche, die rund die Hälfte ihrer Erlöse in den USA erwirtschaften, bauen lokale Kapazitäten aus. Pfizer und AstraZeneca vereinbarten ebenfalls bilaterale Preis- und Investitionsdeals mit Washington, während Sanofi neue Standortprojekte in Übersee vorantreibt.
Damit fließt ein wachsender Teil der europäischen Investitionsbudgets in den US-Markt, primär getrieben vom Wunsch nach Rechts- und Planungssicherheit. Zwar betont der VFA, dass die heimischen Sachinvestitionen mittelfristig steigen dürften, doch der internationale Wettbewerb um pharmazeutische Spitzenforschung und Großanlagen verschärft sich drastisch.
Offene Fronten im transatlantischen Handel
Das Marktumfeld für europäische Pharmahersteller bleibt volatil. Zwar können Lieferungen in Drittmärkte Teile der US-Rückgänge abfedern, die strukturellen Risiken bleiben jedoch bestehen. Entscheidend für die Ertragsentwicklung der Branche wird der Ausgang der anstehenden Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und Washington über ein finales Handelsabkommen sein.
Setzen die USA ihre angekündigten Zollsätze auf Generika und Biologika vollständig durch, dürfte sich die Abwanderung von Kapital und Produktionslinien über den Atlantik weiter beschleunigen. Bis zu einer vertraglichen Einigung prägen defensive Standortentscheidungen und bilaterale Sonderverträge die Strategie der Konzerne.







