Das Berliner Start-up Missoir setzt auf einen grundlegenden Wandel im Sanitärbereich: Das Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt wasserlose Hockurinale aus Edelstahl für Frauen im B2B-Segment. Nach ersten Testläufen auf Musikfestivals und in Berliner Kulturstätten stellt Gründerin Lena Olvedi den Betrieb im Frühjahr 2024 auf eine industrielle Serienfertigung sowie den Direktvertrieb an Betreiber öffentlicher und gewerblicher Anlagen um. Ein Auftritt in der VOX-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ bringt zwar mediale Aufmerksamkeit, endet jedoch ohne Beteiligung der Investoren.
Pivot zur industriellen Serienproduktion
Das Produkt basiert auf einer bodengleich eingelassenen Edelstahlwanne mit Spritzschutz, engmaschigem Gitter, mechanischem Geruchsverschluss und seitlichen Haltestangen. Die Konstruktion ermöglicht die Nutzung in der anatomischen Vollhocke und arbeitet vollständig ohne Wasser- oder Chemikalienspülung. Olvedi, eine frühere Fernsehrequisiteurin, entwirft die ersten Skizzen im Jahr 2017.
Marke und Konzept genießen seit 2018 Schutz, 2019 folgen die ersten Prototypen.
Den Markteintritt vollzieht das Unternehmen zunächst über mobile Toilettenwagen auf Großveranstaltungen wie Rock am Ring und dem Fusion Festival. Um Skaleneffekte zu erzielen, beendet Missoir das personalintensive Vermietgeschäft im Frühjahr 2024. Seither konzentriert sich das Start-up auf den Direktverkauf an B2B-Kunden und lässt die Urinale bei einem deutschen Auftragsfertiger in Serie produzieren.
Die ersten Kennzahlen nach dem Strategiewechsel belegen eine bestehende Nachfrage. Seit dem Start der Serienfertigung verkauft Missoir rund 100 Einheiten und erzielt einen Umsatz von 120.000 Euro, nach Unternehmensangaben vollständig ohne Ausgaben für bezahlte Werbung. Bei einem Listenpreis von 996 Euro pro Einheit und Herstellkosten von 250 Euro erwirtschaftet das Unternehmen eine Rohmarge von rund 75 Prozent.
Der Deckungsbeitrag liegt damit bei etwa 746 Euro pro Stück. Zusätzliche Erlöse generiert das Start-up über Lizenzverträge: Den patentierten Spritzschutz lizenziert Missoir unter anderem an einen Sanitärhersteller in Österreich.
Flächeneffizienz und betriebswirtschaftlicher Hebel
Für Betreiber hochfrequentierter Versammlungsstätten besitzt das Konzept betriebswirtschaftliche Relevanz. Nach Unternehmensangaben entfallen rund 85 Prozent aller Toilettengänge im öffentlichen Raum auf das Urinieren, während Frauen bislang bis zu 34-mal länger warten als Männer. Pilotdaten und Erhebungen verdeutlichen, dass verkürzte Warteschlangen den Gastronomieumsatz messbar stützen.
Lange Wartezeiten führen häufig dazu, dass Besucherinnen ihren Konsum vor Ort einschränken.
Gleichzeitig adressiert das System steigende Betriebskosten für Wasser und Abwasser. Konventionelle Toilettenspülungen verbrauchen je nach Bauart drei bis 14 Liter Trinkwasser pro Nutzung, während die Edelstahlbecken von Missoir ohne Zuleitung auskommen. In einem breit angelegten Testbetrieb der Berliner Senatsverwaltung verzeichnen die installierten Hockurinale über 400.000 Nutzungen.
Rund 2.000 Nutzerbewertungen fallen dabei überwiegend positiv aus.
Das Referenznetzwerk reicht inzwischen über den Festivalbereich hinaus. Zu den Partnern zählt die EcoToiletten GmbH, die nach eigenen Angaben zwölf Installationen im Berliner Stadtraum betreibt. Feste Installationen finden sich zudem in Berliner Kulturinstitutionen wie dem Berghain und der Alten Münze.
Auch historische Liegenschaften wie das Potsdamer Schloss Sanssouci der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sowie Schutzhütten des Deutschen Alpenvereins nutzen die Technik, um den Trinkwasserbedarf in sensiblen Lagen zu senken.
Geplatzte TV-Finanzierung und Bewertungsfragen
In der Sendung „Die Höhle der Löwen“ wirbt Olvedi um ein Wachstumskapital von 180.000 Euro für 20 Prozent der Unternehmensanteile. Dies entspricht einer Pre-Money-Bewertung von 900.000 Euro. Als Marktpotenzial beziffert die Gründerin rund 500.000 Sanitärstandorte im Bundesgebiet.
Bei einem Stückpreis von knapp 1.000 Euro ergibt sich daraus ein rechnerisches Marktvolumen von rund 500 Millionen Euro.
Trotz des Interesses kommt kein Beteiligungsvertrag zustande. Investor Johannes Kliesch hebt zwar die Kapitaleffizienz hervor, da das Start-up den sechsstelligen Umsatz ohne Werbebudget erreicht, verzichtet jedoch auf ein Angebot. Die Runde scheitert vorrangig an Zweifeln hinsichtlich der Vertriebsgeschwindigkeit sowie an Vorbehalten bezüglich Schamgrenzen und der Akzeptanz bei den Endnutzerinnen.
Zudem gilt der institutionelle Sanitärsektor als regulierter Markt mit langwierigen Planungs- und Vergabeverfahren.
Hohe Hürden in einer konservativen Branche
Branchenbeobachter sehen klare Vorteile in höheren Durchlaufquoten, kurzen Taktzeiten und reduziertem Reinigungsaufwand. Dennoch verlaufen Modernisierungen im Bestand oft schleppend, da Sanierungszyklen im öffentlichen Raum viele Jahre beanspruchen. Sanitärforscher betonen zudem, dass jedes Hockurinal den Einbau eines traditionellen Sitz-WCs verdrängt, was im etablierten SHK-Handwerk und bei großen Herstellern auf Skepsis stößt.
Auch marktbeherrschende Betreiber wie die Autobahn Tank und Rast Gruppe zeigen sich bei flächendeckenden Umrüstungen auf wasserlose Frauenurinale bisher zurückhaltend.
Für Missoir entscheidet sich die weitere Skalierung daher an der Vertriebskraft im B2B-Direktgeschäft. Um über Nischensegmente wie Kulturstätten und alpine Berghütten hinauszuwachsen, muss das Start-up den Zugang zu kommunalen Ausschreibungen und Großprojekten finden. Ob Betreiber von Stadien, Messegesellschaften und Verkehrsbetrieben ihre Standards nachhaltig anpassen, hängt von den kommenden Vergaberunden und Sanierungsbudgets ab.







