Die Kosten für studentisches Wohnen in Deutschland steigen weiterhin. Eine aktuelle Analyse des Finanzdienstleisters MLP und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt für das erste Halbjahr 2023 einen Anstieg der Studierendenmieten um durchschnittlich 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Über einen Zeitraum von drei Jahren erhöhten sich die Mieten jährlich um durchschnittlich 4,0 Prozent.
Diese Entwicklung verstärkt die finanzielle Belastung für Studierende in zahlreichen Hochschulstädten.
In 37 der 38 untersuchten Hochschulstädte reicht die staatliche BAföG-Wohnkostenpauschale von 380 Euro nicht aus, um die Warmmiete einer typischen 30 Quadratmeter großen Wohnung zu decken. Lediglich in Chemnitz kann die Pauschale noch als ausreichend gelten. Dies verdeutlicht eine wachsende Diskrepanz zwischen den finanziellen Möglichkeiten vieler Studierender und den Preisen auf dem Wohnungsmarkt.
Steigende Belastung und soziale Auslese
Die Studie von MLP und IW stellt fest, dass die Mietpreisentwicklung in vielen Fällen nicht mit dem Einkommen der Studierenden Schritt hält. Bundesweit geben Studierende laut Analyse mehr als die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aus. Zwei Drittel der Studierenden mit eigenem Haushalt gelten als wohnkostenüberlastet.
Michael Voigtländer, Immobilienexperte des IW Köln, fasst die Lage zusammen: „Leider halten die Einkommen mit dieser Entwicklung vielfach nicht Schritt.“ Die Studie nennt zudem Folgen wie verstärkte Erwerbstätigkeit neben dem Studium und Kompromisse bei Größe, Lage sowie Wohnform. Matthias Anbuhl, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Studierendenwerks, warnt: „Uns droht eine neue Form der sozialen Auslese.
Nicht Talent und Interesse entscheiden, an welcher Hochschule man studiert, sondern die Frage, ob die Miete in der Stadt überhaupt erschwinglich ist. So wird Bildungsgerechtigkeit de facto ausgehebelt.“
Besonders betroffen sind Großstädte und beliebte Hochschulstandorte. München führt das Ranking mit durchschnittlich 880 Euro Warmmiete für eine 30 Quadratmeter große Wohnung an. Berlin, Frankfurt am Main, Köln und Hamburg liegen laut der Untersuchung ebenfalls in einer Spanne von rund 700 bis 720 Euro.
Für Wohngemeinschafts-Zimmer (WG-Zimmer) werden in München laut Erhebungen bis zu 850 Euro Warmmiete veranschlagt. In Berlin und Hamburg belaufen sich die Kosten grob auf etwa 650 Euro.
Regionale Preisdynamiken am Wohnungsmarkt
Die Mietpreise entwickeln sich regional unterschiedlich. Kleine Wohnungen unter 40 Quadratmetern verteuerten sich binnen eines Jahres um 3,5 Prozent; WG-Mieten stiegen im selben Zeitraum um 2,3 Prozent. Auf Dreijahressicht erhöhten sich die Mieten für kleine Wohnungen um durchschnittlich 4,5 Prozent pro Jahr und für WG-Zimmer um 3,6 Prozent pro Jahr.
Die höchsten Zuwächse in den vergangenen drei Jahren verzeichneten Hamburg und Saarbrücken mit jeweils 5,8 Prozent jährlich; Bochum folgt mit 5,5 Prozent. In Nordrhein-Westfalen stiegen die qualitätsbereinigten Mieten im ersten Halbjahr 2023 gegenüber dem Vorjahr in sechs von sieben untersuchten Städten. Lediglich in Köln sanken die Mieten im Vorjahresvergleich leicht um 0,8 Prozent.
Ostdeutsche Hochschulstandorte bleiben im Durchschnitt deutlich günstiger als westdeutsche. In Chemnitz kostet ein WG-Zimmer laut Erhebungen etwa 288 Euro, in Halle 345 Euro und in Leipzig 400 Euro. Magdeburg verzeichnete demnach einen Anstieg von 350 auf 370 Euro für WG-Zimmer im letzten Jahr.
Das Moses Mendelssohn Institut warnt, dass kleine Hochschulstandorte im Osten, die stark auf internationale Studierende angewiesen sind, Probleme bekommen könnten, wenn das Wohnungsangebot nicht mit der Nachfrage Schritt halten kann.
Ursachen der angespannten Lage
Die Analyse nennt steigende Nachfrage bei begrenztem Angebot als Hauptursachen. Reiner Braun, Vorstand der Empirica AG, kommentiert: „Immer mehr Studenten wollen in Städten leben, am liebsten in den beliebten Schwarm- und Unistädten. Das Wohnungsangebot ist jedoch nicht gleichermaßen gestiegen.“
Hinzu kommt laut Bericht seit 2022 eine sinkende Bautätigkeit, deren Folgen zunehmend sichtbar werden. Gesellschaftlich und politisch erwünschte Ziele im Bauwesen erschweren nach Einschätzung der Studie zudem kostengünstiges Bauen und die Ausweisung neuer Baulandflächen.
Kurzfristig wirken sich ein Rückgang der Studienanfängerzahlen durch die Rückkehr zum G9-Modell in mehreren Bundesländern sowie eine derzeit geringere Zuwanderung dämpfend auf die Nachfrage aus. Mittelfristig, ab Mitte der 2030er Jahre, rechnet die Studie jedoch mit einem erneuten Anstieg der Studierendenzahlen. Dies resultiert aus starker Zuwanderung seit 2010 und demografischen Entwicklungen.
Prognosen gehen davon aus, dass die Studierendenzahlen in Städten wie Münster, Hamburg und Berlin bis 2040 um mehr als 8 Prozent steigen.
Ausblick auf den Wohnungsmarkt
Die BAföG-Wohnkostenpauschale beträgt derzeit 380 Euro; eine Erhöhung auf 440 Euro ist zum Sommersemester 2027 geplant. Nach dieser Anpassung wird die Pauschale laut Auswertung voraussichtlich nur in wenigen Hochschulstädten ausreichen, um die Warmmiete der berechneten Musterwohnung zu decken. Der Wohnungsmangel in Deutschland beziffert die Studie mit rund 600.000 Einheiten.
Die Wettbewerbssituation für bezahlbaren Wohnraum bleibt angespannt. Dies wirkt sich auf die Wohnortswahl von Studierenden aus und unterstreicht die Notwendigkeit passgenauer Lösungen. Laut Recherche sind an einzelnen Standorten Bauvorhaben geplant: In Tübingen sollen ab 2028 zunächst 150 Wohneinheiten entstehen; perspektivisch ist ein weiteres Wohnheim mit 350 Plätzen vorgesehen.
Solche Projekte stellen Schritte dar, die jedoch die bundesweite Knappheit nicht in der nötigen Größenordnung auflösen. Die weitere Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, ob und in welchem Umfang politische Maßnahmen und private Investitionen das Wohnraumangebot für Studierende substanziell erweitern können.







