Die Niederlande leiten einen Richtungswechsel in ihrer Digitalstrategie ein. Die Regierung entwickelt mit DAWO (Digitaal Autonome Werkomgeving Overheid) einen eigenen, auf Linux basierenden Arbeitsplatz für Behörden. Diese Initiative zielt darauf ab, die digitale Souveränität zu stärken und Abhängigkeiten von externen Anbietern, insbesondere aus den USA, zu reduzieren.
Als Basis des Systems dient die Linux-Distribution NixOS.
Die Interdepartementale Kommission für den Regierungsbetrieb (ICBR) erteilte dem Projekt im Juli 2026 den offiziellen Regierungsauftrag.
Auslöser für diese strategische Neuausrichtung waren die Ereignisse im Februar 2025. Damals erfuhr der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) in Den Haag, Karim Khan, Einschränkungen beim Zugriff auf bestimmte Microsoft-Dienste. Microsoft bestreitet, dem ICC die Dienste vollständig entzogen zu haben, und erklärte, dass die Einschränkungen den Chefankläger persönlich betrafen.
Vor diesem Hintergrund rücken Risiken ausländischer Kontrolle über kritische IT-Infrastrukturen in den Fokus. DAWO wird in der Projektbeschreibung als „digitaler Notfallkoffer“ bezeichnet, um Kontinuität und Kontrolle über essenzielle Dienste zu gewährleisten und Abhängigkeiten zu reduzieren.
Autonomie durch Open Source
Das DAWO-Projekt ist mehr als ein Wechsel des Betriebssystems. Es ist als vollständiger Technologie-Stack angelegt. Dieser umfasst neben dem Betriebssystem auch eine Office-Suite, Kollaborations-Anwendungen, Cloud-Dienste, IT-Management-Tools und KI-Funktionen. Für das Kernbetriebssystem fiel die Wahl auf NixOS, dessen Nix-Toolkette niederländische Wurzeln hat.
Der Nix-Paketmanager wurde Anfang der 2000er Jahre von Eelco Dolstra an der Universität Utrecht entwickelt. Ein häufig genanntes Auswahlkriterium für NixOS ist seine Unabhängigkeit: NixOS gehört keinem einzelnen Unternehmen. Laut Projektangaben pflegt es eine niederländische Non-Profit-Organisation.
Das Projekt hebt zudem die Reproduzierbarkeit von Nix-Konfigurationen hervor: Arbeitsumgebungen lassen sich exakt nachbilden und über viele Maschinen ausrollen. Die Entwickler beziffern die Wiederverwendbarkeit von Nix-Konfigurationen auf 80 bis 90 Prozent. Dies soll den Konfigurationsaufwand reduzieren.
Als Sicherheitsmerkmal nennt das Projekt die Installation von Paketen in isolierten Verzeichnissen. Deren Inhalte sind unveränderlich und können signiert werden. Alternative Distributionen wie openSUSE und Fedora wurden geprüft und aus Gründen der digitalen Souveränität verworfen. Genannt werden kommerzielle Bindungen von openSUSE zu SUSE und von Fedora über Red Hat zu IBM.
Finanzierung und Pilotprojekte
Die DAWO-Entwickler betonen, dass eine Open-Source-Basis nicht automatisch zu geringeren Gesamtkosten führt. Lizenzkosten entfallen zwar, doch Personal- und Betriebskosten bleiben bestehen. Ein Einsparpotenzial wird primär bei der Hardware gesehen, da DAWO auf älteren Laptops läuft, die Windows 11 nicht mehr unterstützen.
In Pilotprojekten bei Gemeinden wie Amsterdam, Ede, Zaanstad und Den Bosch kommen laut Projektangaben bereits ausgemusterte Geräte zum Einsatz.
Die Umsetzung erfolgt durch staatliche IT-Dienstleister wie SSC-ICT, DICTU und DUO-ICT. Sie arbeiten mit der Vereinigung niederländischer Kommunen (VNG) zusammen. Zum Kernteam zählen Victor Gevers, Innovationsmanager im Innenministerium (BZK), Rutger Putter und Bram Buijs. Buijs begleitet die Piloten bei den Gemeinden und hat eine grafische Oberfläche für NixOS-Administratoren entwickelt.
Der Code für DAWO wird öffentlich auf Codeberg und auf einer eigenen Forgejo-Instanz der Regierung (code.overheid.nl) gehostet. GitHub dient als Spiegelserver.
Internationaler Kontext und Ausblick
Die Niederlande stehen mit DAWO nicht allein. Im internationalen Umfeld wächst das Augenmerk auf digitale Souveränität. Schleswig-Holstein meldete am 19.
September 2026, dass über 200 Beschäftigte der Kieler Staatskanzlei auf Linux umgestiegen sind. Rund 20 Arbeitsplätze blieben wegen Fachverfahren vorerst bei Windows. In Deutschland existieren Initiativen wie das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) und die Förderung von Projekten wie openDesk.
Frankreich plant laut verfügbaren Angaben, bis Ende 2026 rund 250 Mitarbeitende der DINUM auf NixOS-basierte Linux-Workstations zu migrieren. Das Land strebt einen breiteren Übergang von Windows zu Linux in staatlichen Stellen an. Dänemark ersetzt nach verfügbaren Berichten in Teilen Microsoft-Dienste durch LibreOffice und Linux im Digitalministerium.
Parallel dazu laufen Bestrebungen für eine souveräne europäische Office-Suite.
Das DAWO-Team peilt Version 1.0 für 2027 an. Ziel des Projekts ist die Stärkung von Kontinuität und Kontrolle über essenzielle Dienste sowie die Reduzierung von Abhängigkeiten. Ob und in welchem Umfang DAWO über die laufenden Pilotprojekte hinaus ausgerollt wird und von anderen Ländern übernommen werden kann, werden die weiteren Tests und die technische Entwicklung zeigen.
Die wirtschaftlichen Implikationen betreffen vor allem die Reduktion von Anbieterabhängigkeiten und mögliche Effekte auf europäische Open-Source-Ökosysteme.







