Ein Sicherheitsforscher überwindet zentrale Schutzmechanismen der Nintendo Switch 2 und setzt dafür auf künstliche Intelligenz. Der Entwickler Sammy Hajhamid veröffentlicht unter der Bezeichnung „ns2jb“ den ersten funktionierenden, softwarebasierten Jailbreak für die Firmware-Version 23.0.1 der Konsole. Für das Projekt nutzt er OpenAI Codex.
Die Entwicklungszeit beträgt rund zwei Wochen, während vergleichbare Sicherheitsanalysen früher Monate bis Jahre erforderten.
Autonome Fehlersuche im Konsolen-Code
Die Entwicklung des Exploits basiert maßgeblich auf einem automatisierten Testaufbau. Hajhamid verbindet die Konsole über JetKVM-Module mit einer Testumgebung. Darin sendet Codex Controller-Eingaben via USB und empfängt das HDMI-Videosignal.
Um bei Systemabstürzen einen Kaltstart durchzuführen, steuert die Versuchsumgebung zudem einen motorisierten Schalter an, der den Power-Button der Switch 2 physisch betätigt.
In diesem Versuchsaufbau testet der KI-Agent Anwendungen fortlaufend, reagiert eigenständig auf Abstürze, startet die Hardware neu und verfeinert seine Testparameter autonom, bis er eine verwertbare Schwachstelle lokalisiert.
Als Machbarkeitsnachweis integriert Hajhamid innerhalb eines Tages per KI-gestützter Anpassung externe Spielfiguren wie Peter Griffin, Hatsune Miku und Cinnamoroll in den Titel Mario Kart World.
Das Einfallstor: Eine 25-Dollar-Software statt WebKit
Erste Analysen der Community zielten auf den versteckten WebKit-Browser der Konsole ab. Wegen hardwarenaher Sicherheitsmechanismen der ARM-Architektur, darunter der Pointer Authentication Code (PAC), verwarfen Entwickler diesen Angriffsvektor jedoch. Bereits frühere Analysen von Forschern wie Gezine vermieden WebKit-Ansätze aus denselben Gründen.
Stattdessen nutzt Hajhamid eine Schwachstelle in der abwärtskompatiblen Software SmileBASIC 4, die Nintendo im hauseigenen eShop für 25 US-Dollar vertreibt. Codex identifiziert einen Integer-Overflow im BASIC-Interpreter der Anwendung. Dieser Fehler erlaubt ein Arbitrary Read/Write im Userspace.
Durch die gezielte Manipulation interner IPC-Handles (Inter-Process Communication) gelingt schließlich eine Rechteeskalation auf die Ebene der Dateisystem-Sysmodules.
Technisch handelt es sich bei ns2jb um einen sogenannten Tethered Jailbreak. Die Modifikation bleibt nicht dauerhaft im System verankert und erfordert nach jedem Neustart eine erneute Ausführung über einen externen Computer. Ein vollständiger Kernel-Exploit liegt damit nicht vor.
Gleichwohl ermöglichen die erlangten Zugriffsrechte das Auslesen verschlüsselter Spielstände, tiefgreifendes Reverse Engineering und das Ausführen von nativem Code mit Systemrechten.
Gefahr für Nintendos Walled-Garden-Ökonomie
Der Exploit trifft das Fundament eines geschlossenen Plattformmodells. Konsolenhersteller kalkulieren ihre Hardware traditionell mit geringen Margen oder nahe den Produktionskosten und erzielen Erträge primär über Softwareverkäufe und Lizenzgebühren. Zwar ermöglicht ns2jb bislang keine automatisierte Softwarepiraterie, doch der Hack öffnet die Tür für das Extrahieren geschützter Spieldaten, die Manipulation von Speicherständen sowie die Entwicklung externer Emulatoren.
Bereits kurz nach dem Verkaufsstart der Switch 2 im Juni 2025 präsentierten Entwickler wie David Buchanan erste Nachweise für native Codeausführungen. Die Veröffentlichung von ns2jb senkt die Barriere für nachfolgende Angriffe auf Userland-Ebene nun spürbar. Der Fall verdeutlicht zudem das strukturelle Risiko von Abwärtskompatibilität, wenn ältere Softwarearchitekturen auf modernen Hardware-Plattformen weiterlaufen.
Juristische Grenzen und Reaktionen des Konzerns
Nintendo reagiert prompt auf den Vorfall, entfernt SmileBASIC 4 aus dem eShop und verteilt Firmware-Updates, um die Schwachstelle auf Systemebene zu schließen. Zugleich offenbart der Fall die unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen auf den internationalen Märkten.
In den USA sichern Endnutzer-Lizenzverträge dem Konzern weitreichende Befugnisse zu. Dazu gehört auch das Recht, kompromittierte Geräte aus der Ferne dauerhaft funktionsunfähig zu machen. Im Markt der Europäischen Union schützt das Verbraucherrecht Eigentümer hingegen vor der gezielten Zerstörung gekaufter Hardware.
Europäische Maßnahmen beschränken sich daher im Wesentlichen darauf, betroffene Geräte von den Nintendo-Netzwerkdiensten auszuschließen und den eShop-Zugang zu sperren.
Der erfolgreiche Einsatz von Codex markiert eine Zäsur in der IT-Sicherheit geschlossener Plattformen. Durch den Einsatz spezialisierter Sprachmodelle verkürzen sich die Zyklen von der ersten Code-Analyse bis zum funktionierenden Exploit drastisch. Für Plattformbetreiber wie Nintendo erhöht dies den Druck erheblich, ihre Patch-Prozesse und Sicherheitsaudits grundlegend an die Geschwindigkeit automatisierter KI-Angriffe anzupassen.







