Norwegens umstrittene Vermögensteuer treibt weiterhin einige der reichsten Bürger des Landes zur Abwanderung. Seit der Erhöhung der Steuer im Jahr 2022 haben mehrere Hochvermögende das skandinavische Land verlassen. Dies löst eine Debatte über deren fiskalische Effizienz und die Auswirkungen auf die Wirtschaft aus.

Während die Regierung auf steigende Steuereinnahmen verweist, warnen Kritiker vor einem Verlust an Innovationskraft und Kapital für Norwegen.

Steuererhöhung forciert Abwanderung

Die norwegische Regierung erhöhte 2022 die maximale Vermögensteuer auf 1,1 Prozent des Nettovermögens. Diese Steuer wird auf alle Nettovermögen über 1,7 Millionen Norwegische Kronen (etwa 162.000 Euro) erhoben. 70 Prozent der Einnahmen fließen an die Kommunen, 30 Prozent an den Staat. Die Vermögensteuer ist in Norwegen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts etabliert.

Der angehobene Steuersatz von zuvor 0,85 Prozent führte zu einer Reaktion bei einigen der reichsten Norweger. 2022 meldeten 479 Personen ihren Umzug aus Norwegen. Mindestens 30 Millionäre siedelten 2022 in die Schweiz über, darunter Kjell Inge Røkke, der einst vermögendste Mann Norwegens.

Røkke, vom Fischerei- zum Ölmagnaten aufgestiegen, verfügt über ein geschätztes Vermögen von rund 4 Milliarden Euro. Er zog nach Lugano und begründete den Schritt unter anderem mit besseren Möglichkeiten für philanthropische Aktivitäten. Die 30 in die Schweiz gezogenen Personen verfügten zusammen über ein Vermögen von 29 Milliarden NOK (etwa 2,8 Milliarden Euro).

Dies führte laut Angaben zu entgangenen Steuereinnahmen von 550 Millionen NOK (circa 52 Millionen Euro).

Die norwegische Zeitung Dagens Næringsliv stellte fest, dass die Abwanderung von Millionären 2022 größer war als in den 13 Jahren zuvor zusammen. Auch Fredrik Haga, Mitbegründer des Kryptowährungsdatenunternehmens Dune, verlagerte 2022 seinen Wohnsitz in die Schweiz. Er gab an, entweder Geld aus dem Unternehmen entnehmen oder umziehen zu müssen, und kritisierte die norwegischen Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen.

Diskrepanz bei Zahlen und fiskalische Effekte

Die Schätzungen über das tatsächlich abgewanderte Vermögen divergieren. Der emeritierte Professor Ole Gjems-Onstad nannte im Guardian Schätzungen von rund 600 Milliarden NOK (etwa 51,2 Milliarden Euro). Das norwegische Finanzministerium veröffentlichte in einer späteren Anfrage deutlich geringere Summen: 34,3 Milliarden NOK für 2022 und 10,2 Milliarden NOK für 2023.

Die letztgenannte Zahl entspricht etwa 870 Millionen Euro.

Ungeachtet der Abwanderungsbewegungen stiegen die Einnahmen aus der Vermögensteuer. 2023 beliefen sich diese Einnahmen auf 30,4 Milliarden NOK (etwa 2,6 Milliarden Euro). Verglichen mit früheren Einnahmen entspricht dies einem Anstieg von rund 55 Prozent. Die 2,6 Milliarden Euro wurden in der Berichterstattung mit etwa der Hälfte der norwegischen Hilfsleistungen für die Ukraine oder als mehr als die gesamten Kindergeldzahlungen des Staates verglichen.

Politische und wirtschaftliche Debatte

Die Mitte-Links-Regierung unter Ministerpräsident Jonas Gahr Støre verteidigt die Steuererhöhung. Erlend Trygve Grimstad, Staatssekretär im Finanzministerium, verwies auf Leistungen wie kostenlose Bildung, nationale Infrastruktur, kostenlose Gesundheitsversorgung, subventionierte Kinderbetreuung im Vorschulalter, robuste Urlaubsregelungen und eine Körperschaftssteuer, die mit der anderer Länder vergleichbar sei.

Kritiker warnen vor langfristigen Folgen. Mathilde Fasting vom Think-Tank Civita sagte, Norwegen sei früher nicht als politisch riskant wahrgenommen worden. Unternehmer sähen inzwischen ein höheres Risiko künftiger politischer Entscheidungen.

Roger Hofseth, ein Lachszucht-Unternehmer, initiierte eine „Aktion für norwegischen Besitz“, um ausgewanderte Vermögende zur Rückkehr zu bewegen. Er äußerte die Sorge, Norwegen habe bereits Schaffenskraft, Ideenreichtum und Risikobereitschaft verloren. Auch Elon Musk kritisierte die norwegische Politik und rief superreiche Norweger zur Abwanderung auf.

Der Erbe Gustav Magnar Witzøe, dessen Vermögen etwa 26,5 Milliarden NOK (circa 3,6 Milliarden Euro) beträgt, plante 2023 einen Umzug nach Lugano. Er entschied sich dann jedoch, in Norwegen zu bleiben und die „W Initiative“ zu starten. Sein Vater hatte Vermögen steuerfrei an ihn übertragen, da es in Norwegen seit 2014 keine Erbschaftsteuer gibt.

Der Vater kritisierte öffentlich das Steuersystem und drohte mit Abwanderung.

Ausblick und internationale Vergleiche

Die Debatte um die Vermögensteuer in Norwegen ist Teil einer breiteren internationalen Diskussion. Deutschland schaffte die Vermögensteuer 1996 faktisch ab. Frankreich ersetzte 2018 seine Vermögensteuer durch eine Immobiliensteuer. In Deutschland besteht die Sorge vor Kapitalflucht bei einer Wiedereinführung der Vermögensteuer.

Organisationen wie Oxfam und das Netzwerk Steuergerechtigkeit verweisen darauf, dass Instrumente wie Wegzugsbesteuerung, Entstrickungsbesteuerung und der automatische Informationsaustausch Steuerflucht erschweren können. Für Norwegen bleibt offen, wie sich die Abwanderung Hochvermögender langfristig auf Innovationskraft und Investitionsklima auswirkt. Die Entwicklung der Steuereinnahmen und künftige Migrationsbewegungen superreicher Norweger werden wichtige Indikatoren für die Bewertung der aktuellen Politik sein.