Der Schweizer Pharmakonzern Novartis übernimmt das britische Biotechnologie-Unternehmen Myricx Bio für einen Gesamtwert von bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar. Mit dem Vollzug der Transaktion sichert sich der Basler Konzern den Zugriff auf eine präklinische Plattform für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, sogenannte ADCs, mit einer neuartigen Wirkstoffklasse. Der Zukauf markiert einen weiteren Schritt in einer Phase intensiver Übernahmeaktivitäten im Onkologiesektor, in der etablierte Pharmaunternehmen gezielt nach differenzierten Mechanismen suchen, um bestehende Therapielücken zu schließen.

Novartis zahlt hohe Barprämie für präklinische Plattform

Die Vereinbarung umfasst eine feste Vorauszahlung in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar in bar. Weitere erfolgsabhängige Zahlungen von bis zu 400 Millionen US-Dollar werden fällig, sobald Myricx definierte Entwicklungsziele erreicht. Die Konzerne gaben die Übernahmevereinbarung am 6.

Juli 2026 bekannt. Mit dem formalen Abschluss am 28. August 2026 ging Myricx Bio vollständig als indirekte Tochtergesellschaft in die Novartis AG über.

Der Zukauf fügt sich nahtlos in die langfristige Portfolioausrichtung von Novartis ein. Der Konzern tätigte in den vergangenen Jahren mehrere Transaktionen im Onkologie- und Plattformbereich, darunter den Erwerb von MorphoSys im Jahr 2024 für 2,7 Milliarden Euro, die Übernahme von Mariana Oncology für bis zu 1,75 Milliarden US-Dollar sowie den Zukauf von Avidity Biosciences im Jahr 2025 für rund 12 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu verzeichnete auch der europäische Markt weitere Großtransaktionen, darunter die Übernahme von Silence Therapeutics durch die Merck KGaA.

Neuer Wirkmechanismus attackiert Resistenzmuster

Im Zentrum der Transaktion steht die von Myricx Bio entwickelte ADC-Plattform, die auf N-Myristoyltransferase-Inhibitoren, kurz NMTi, als zytotoxische Nutzlast setzt. Bisherige Antikörper-Wirkstoff-Konjugate basieren fast ausschließlich auf Standard-Wirkstoffen wie Topoisomerase-1- oder Tubulin-Inhibitoren. Diese Konzentration auf wenige biochemische Klassen erweist sich in der Onkologie zunehmend als Engpass.

Wenn Tumorzellen Resistenzen gegen eine Wirkstoffklasse entwickeln, führen Folgebehandlungen mit vergleichbaren Substanzen in der klinischen Praxis zu einem Einbruch der objektiven Ansprechrate um mehr als 50 Prozent.

Hier setzt der biologische Ansatz von Myricx an. Die N-Myristoyltransferase ist ein zelluläres Enzym, das Proteine mit Fettsäuren modifiziert, um deren Verankerung in Zellmembranen zu ermöglichen. Da Krebszellen für ihr unkontrolliertes Wachstum auf diesen Lipidierungsprozess angewiesen sind, greift die Hemmung von NMT die Tumorzelle an einer neuralgischen Stelle an.

Nach Angaben des Unternehmens blockiert die Hemmung der N-Myristoyltransferase etwa fünf Signalwege gleichzeitig. Dies löst einen mehrfachen, selbstverstärkenden Zelltod im Tumorgewebe aus, ohne die typischen Kreuzresistenzen herkömmlicher Chemotherapien hervorzurufen.

Fiona Marshall, Leiterin der biomedizinischen Forschung bei Novartis, betont die strategische Relevanz dieses biologischen Ansatzes: Antikörper-Wirkstoff-Konjugate seien zu einem unverzichtbaren Bestandteil der modernen Tumortherapie geworden, doch brauche die Onkologie dringend neuartige Payload-Mechanismen, um Resistenzen zu brechen und die Wirksamkeit für Patienten spürbar auszuweiten. Myricx konzentriert sich bei der Entwicklung auf zwei präklinische Hauptprogramme, die gezielt gegen die Tumorantigene B7-H3 und HER2 gerichtet sind.

Britisches Universitäts-Spin-off erzielt Rekord-Exit

Myricx Bio entstand im Jahr 2019 als Ausgründung aus dem Imperial College London und dem Francis Crick Institute mit maßgeblicher Anschubhilfe durch die Organisation Cancer Research UK. Zu den wissenschaftlichen Gründern zählen Ed Tate, Roberto Solari und Andrew Bell.

In der frühen Seed-Phase führten die Risikokapitalgeber Sofinnova Partners und Brandon Capital die Finanzierung an. Beteiligt war seinerzeit auch der Cancer Research Horizons Seed Fund, für den die Übernahme durch Novartis den ersten vollständigen Unternehmensverkauf in der Fondsgeschichte darstellt.

Mitte 2024 schloss Myricx eine Series-A-Finanzierungsrunde über 90 Millionen britische Pfund ab, was damals rund 114 Millionen US-Dollar entsprach. Unter der gemeinsamen Führung von Novo Holdings und Abingworth investierten namhafte Branchenakteure, darunter der US-Pharmakonzern Eli Lilly sowie die staatliche British Business Bank. Unter der operativen Führung von Geschäftsführer Mohit Rawat, der die Leitung im Jahr 2025 übernahm, bereitete das Biotechnologie-Unternehmen die Überführung der Wirkstoffkandidaten in die klinische Erprobung am Menschen vor.

Klinische Validierung entscheidet über die Milliardenwette

Die garantierte Vorauszahlung von 1,1 Milliarden US-Dollar unterstreicht die Bereitschaft von Novartis, für technologische Alleinstellungsmerkmale ein erhebliches Entwicklungsrisiko einzugehen. Sämtliche Forschungsprogramme von Myricx befanden sich zum Zeitpunkt der Akquisition noch im präklinischen Stadium, sodass belastbare Verträglichkeits- und Wirksamkeitsdaten aus Humanstudien bisher fehlen.

Erst klinische Phase-1-Studien werden zeigen, ob die NMT-Inhibitoren im menschlichen Körper das erhoffte therapeutische Fenster bieten und die gefürchtete Toxizität früherer ADC-Generationen vermeiden. Vor der Übernahme visierte das Myricx-Management die ersten Studien an Krebspatienten für das Jahr 2026 an.

Die Transaktion sichert Novartis die bisherigen Entwicklungsstandorte im London Innovation Centre in Canary Wharf sowie eine Niederlassung in Boston. Als nächste operative Schritte stehen die Anträge bei den Arzneimittelbehörden für die ersten Studienphasen der B7-H3- und HER2-Programme an. Ob sich die Bewertung von bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar für die Basler bezahlt macht, entscheidet sich daran, wie rasch Novartis den neuartigen Wirkmechanismus im klinischen Alltag validieren und in marktreife Therapien überführen kann.