Das Braunschweiger Mobilitäts-Startup Novus startet die Auslieferung seines ersten Serienfahrzeugs und greift damit den Markt für urbane Pendler an. Mit einem vollcarbonbasierten Leichtkraftrad zielt das von ehemaligen Volkswagen-Designern gegründete Unternehmen nicht auf traditionelle Motorradfahrer, sondern positioniert die Neuentwicklung als Pkw-Alternative für Großstädte. Gestützt auf Wagniskapitalgeber und Industrie-Investoren soll die hochpreisige Kleinserie den Weg für ein Volumenmodell ab Ende 2027 ebnen.

Angriff auf den Pkw-Pendlerverkehr

Novus bricht mit den Konventionen der klassischen Zweiradbranche. Statt etablierte Motorradenthusiasten anzusprechen, fokussiert sich Gründer und Chief Executive Officer René Renger auf mehr als 400 Millionen Inhaber von Pkw-Führerscheinen in Europa und Nordamerika. Nach Unternehmensangaben besitzen über 45 Prozent der bisherigen Vorbesteller keinen reinen Motorradführerschein.

Technologische Grundlage dieses Vertriebsansatzes bildet eine softwarebasierte Einstufung des Fahrzeugs. Das Zweirad lässt sich elektronisch in zwei regulatorischen Kategorien betreiben. In der gedrosselten Klasse L1e fährt das Modell maximal 45 Kilometer pro Stunde und lässt sich in Deutschland mit einem regulären Pkw-Führerschein der Klasse B bewegen.

Per Software freigeschaltet agiert die Maschine als Leichtkraftrad der Klasse L3e mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 130 Kilometern pro Stunde.

Für den L3e-Modus genügt auf dem deutschen Markt die Führerscheinerweiterung B196 oder die Fahrerlaubnisklasse A1. In europäischen Märkten wie Italien, Spanien und Portugal reicht dafür nach geltendem Recht bereits der reguläre Pkw-Führerschein aus.

Radnabenantrieb und Monocoque aus Kohlefaser

Konstruktiv setzt das Braunschweiger Unternehmen konsequent auf Leichtbau. Das Monocoque-Chassis besteht vollständig aus Carbon und wiegt ohne Hilfsrahmen 6,9 Kilogramm. In der Serienversion erreicht das Gesamtfahrzeug ein Gewicht von 121 Kilogramm.

Damit liegt das Leergewicht zwar über den Werten früherer Konzeptstudien, bleibt jedoch im Segment batterieelektrischer Zweiräder vergleichsweise niedrig.

Als Antrieb fungiert ein gemeinsam mit dem Automobilzulieferer GKN Powder Metallurgy entwickelter Transversalfluss-Radnabenmotor, der auf Soft-Magnetic-Composite-Materialien zurückgreift. In der Spitzenkonfiguration liefert das Aggregat eine Leistung von bis zu 25 Kilowatt (34 PS) und erzeugt ein Drehmoment von bis zu 430 Newtonmetern direkt am Hinterrad. Den Sprint von null auf 50 Kilometer pro Stunde beziffert das Unternehmen auf 1,9 Sekunden.

Der fest im Rahmen integrierte Akkupack verfügt über eine Kapazität von 6,2 Kilowattstunden und setzt sich aus 380 zylindrischen 21700-Zellen zusammen. Die innerstädtische Reichweite beläuft sich auf rund 135 bis 150 Kilometer. Für den Ladevorgang von zehn bis 80 Prozent nennt Novus eine Dauer von rund 90 Minuten. Die maximale Zuladung liegt bei 125 Kilogramm.

Prominente Geldgeber stützen die Industrialisierung

Finanziell stützt sich Novus auf einen Gesellschafterkreis mit ausgewiesener Branchenexpertise. Als Lead-Investor agiert die Wagniskapitalgesellschaft 468 Capital um die Partner Alexander Kudlich, Ludwig Ensthaler und Florian Leibert. Branchenkreise schätzen das bisher eingeworbene Gesamtkapital nach einem im März 2024 abgeschlossenen Wandeldarlehen auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.

Zudem engagieren sich profilierte Angel-Investoren aus der Industrie bei dem Startup. Zu den Anteilseignern zählen unter anderem Eric Bach, ehemaliger Chefingenieur bei Lucid Motors, Martin Hoffmann, Co-Chief Executive Officer von On Running, sowie Philipp Schiemer, früherer Chef von Mercedes-AMG. Weitere Anteile halten Dirk Abendroth, Chief Executive Officer von CustomCells, und die Rennfahrerin Sophia Flörsch.

Die beiden Gründer René Renger und Marcus Weidig, die zuvor als Interieur-Designer für den Volkswagen-Konzern tätig waren, steuern die Serienfertigung direkt am Standort Braunschweig. Die Lieferkette konzentriert sich dabei auf den europäischen Raum: Carbonbauteile stammen aus Österreich, Komponenten des Elektromotors liefert die Schweiz, und die Batteriezellen bezieht Novus aus Tschechien.

Hohe Hürden im Nischenmarkt

Trotz der prominenten Unterstützung operiert Novus in einem anspruchsvollen Marktumfeld. Der Markt für elektrische Zweiräder in Deutschland verharrt auf niedrigem Niveau. Für das Jahr 2025 meldet der Industrieverband Motorrad rund 2.400 Neuzulassungen bei E-Motorrädern, was einem Marktanteil von etwa zwei Prozent entspricht.

Das Segment der Elektroroller kommt auf rund 3.900 Einheiten und erreicht damit einen Anteil von rund zehn Prozent am Gesamtmarkt.

Entsprechend exklusiv fällt das aktuelle Preisschild aus. Die auf 100 Exemplare limitierte Kleinserie unter dem Namen „Founders Edition“ kostet 21.300 Euro netto. Auf Reseller-Plattformen bewegen sich die Bruttopreise zwischen 25.239 Euro für die Basisvariante und 29.500 Euro für die Spitzenkonfiguration.

Um den Absatz der Erstauflage zu beschleunigen, gewähren die Gründer den ersten 100 Käufern zusammen einen Anteil von einem Prozent am Unternehmen.

Der langfristige wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens entscheidet sich an der Skalierbarkeit der Fertigung. Für Ende 2027 plant das Management die Markteinführung des Volumenmodells „Novus Two“. Dessen Verkaufspreis soll bei rund 50 Prozent des Niveaus der Erstserie liegen und damit breitere Käuferschichten ansprechen.

Parallel dazu bereitet Novus die Expansion in die Vereinigten Staaten sowie in die Vereinigten Arabischen Emirate vor. Ob das Hochpreismodell den Sprung in ein tragfähiges Großseriengeschäft schafft, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell die Braunschweiger ihre Stückkosten senken und funktionierende internationale Vertriebsstrukturen aufbauen können.