Die Rechtsbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz (KI) übernimmt zunehmend Aufgaben, für die Kanzleien und Rechtsabteilungen bisher Mitarbeiter einsetzten. Diese Entwicklung verschiebt den Fokus von traditionellen, stundenbasierten Abrechnungsmodellen hin zu alternativen Gebührenmodellen.

Damit verändert sich das Geschäftsmodell von Anwaltskanzleien grundlegend. Investitionen in Legal-AI-Firmen erreichen Milliardenhöhen, während etablierte Großkanzleien und neue technologiegetriebene Player ihre Strategien anpassen.

Der Wandel manifestiert sich in der Automatisierung routinemäßiger Aufgaben wie Recherche, Vertragsprüfung und der Bearbeitung ganzer Dokumente. Dadurch verlagert sich der Wert rechtlicher Expertise auf Urteilsvermögen, strategische Geschäftsberatung und die Entwicklung von Einblicken. Diese Transformation erfordert von Rechtsabteilungen und Kanzleien strategische Klarheit, Abstimmung und Anpassungsfähigkeit, um die Potenziale der KI zu nutzen.

Organisationen sollten Prozesse neu denken, statt lediglich bestehende Arbeitsabläufe zu beschleunigen.

Milliardeninvestitionen formen den Legal-Tech-Markt neu

Der Markt für Legal-AI-Technologien zieht hohe Investitionen an. Das Berliner Legal-AI-Unternehmen Noxtua erhielt 100 Millionen Euro in einer Series-C-Runde. Der juristische Verlag C.H.

Beck führte die Runde an und baute seine Minderheitsbeteiligung zu einer Mehrheit aus. Auch der österreichische Manz-Verlag beteiligte sich. Dies ist die größte Finanzierung, die eine Legal-AI-Firma in Deutschland erhalten hat.

Global finden sich noch höhere Bewertungen. Harvey wird mit 15 Milliarden US-Dollar bewertet, Legora mit 5,6 Milliarden US-Dollar. Beide gelten in Analysen der BigLaw-AI-Szene als dominante Akteure, obwohl sie vor weniger als fünf Jahren auf den Markt traten.

OpenAI führte mit GPT-6 Astra eine auf juristische Anwendungen fokussierte Variante, „Astra for Law“, ein. Hierfür arbeitet das Unternehmen mit Kanzleien wie Sullivan & Cromwell, Ropes & Gray, Cooley, Latham & Watkins und Wachtell Lipton zusammen. Parallel dazu erweiterte Google seine Gemini Enterprise-Angebote für Rechtsexperten.

Anthropic veröffentlichte zudem Tools für Anwälte unter Verwendung des Claude AI-Assistenten. Thomson Reuters stellte das Modell Thomson 1.0 vor, das auf eigenen juristischen Inhalten trainiert wurde und in internen Evaluierungen eine höhere Faktizität erreichte als einige führende Frontier-Modelle mit offenem Webzugang.

Abschied vom Stundenhonorar und neue Geschäftsmodelle

Das traditionelle Stundenhonorar wird zunehmend als überholt angesehen, da es Effizienzgewinne durch KI-Einsatz konterkariert. Experten erwarten, dass KI die Preisgestaltung von Anwaltskanzleien verändern wird. Eine Deloitte-Legal-Umfrage unter 121 Senior Legal Leaders ergab, dass 85 Prozent eine Veränderung der Preisgestaltung durch KI erwarten.

Beispiele aus der Praxis unterstreichen die Diskrepanz zwischen Zeitaufwand und Wert. Eine Anwaltskanzlei berechnete für manuelle Dateneingabe durch einen Harvard-Absolventen über 600 US-Dollar pro Stunde. Eine Aufgabe, die durch KI automatisiert werden könnte.

Als Reaktion auf diese Entwicklung entstehen technologiegestützte Kanzleimodelle. Soxton wurde von Logan Brown gegründet. In London rief Nic Vetta die Kanzlei VETTA ins Leben, welche Anwälte und Ingenieure kombiniert und feste monatliche Gebühren für Private-Equity-Kunden anbietet.

FairPlay Law, gegründet von David Perla und Sanjay Kamlani, konzentriert sich auf Arbeitsrecht und bietet Pauschalgebühren an. Merrill, von Rick Merrill, James Lee und Thomas Suh (Gründer von LegalMation) ins Leben gerufen, fokussiert sich auf massenhafte Prozessverteidigung mithilfe von KI.

Morgan & Morgan, die größte US-Verletzungsrechtskanzlei, plant über die nächste Dekade eine Milliarde US-Dollar in KI und andere Rechtstechnologien zu investieren. Bereits wurden 300 Millionen US-Dollar in das eigene KI-System MX2 gesteckt, das fast 5.000 regelmäßige Nutzer hat. Kirkland & Ellis kündigte an, 500 Millionen US-Dollar über drei Jahre in die Entwicklung einer eigenen KI-Plattform zu investieren.

Barbara Koenen-Geerdink, Autorin von „Beyond Billable Hours“, erklärt, das Stundenhonorar erfülle seinen Zweck nicht mehr, weil es eine Diskrepanz zwischen Zeit und Wert schaffe. Die Einschätzung, dass der Zugang zu qualitativ hochwertigen Rechtsdienstleistungen sich durch KI voraussichtlich erweitern und die Dominanz großer Anwaltskanzleien abschwächen könnte, wird ebenfalls geteilt.

Herausforderungen und die Rolle des menschlichen Urteilsvermögens

KI bringt Risiken und Herausforderungen mit sich. Ein dokumentierter Fall betrifft Morgan & Morgan. In einem Verfahren lieferte ein KI-System nicht existierende Fallzitate, was zu Sanktionen führte.

Der Florida Supreme Court reagierte mit neuen Regeln, die Anwälte verpflichten, Zitate in Klageschriften zu bestätigen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit menschlicher Kontrolle und Verifikation trotz technologischer Fortschritte.

Barbara Koenen-Geerdink hält fest, dass KI Informationen verarbeiten, aber keinen Raum lesen, Zögern spüren, unausgesprochene Bedenken aufgreifen oder Vertrauen über die Zeit aufbauen kann. Der menschliche Faktor bleibt demnach für Empathie, strategische Beratung und den Umgang mit komplexen emotionalen Nuancen relevant. Paul Lopez, COO und Versicherungsanwalt bei Tripp Scott, beschreibt den KI-Einsatz als ein zweischneidiges Schwert.

Klägerkanzleien nutzten KI, Verteidigerkanzleien setzten sie ein, um Klagen zu kontern.

Ausblick: Der Rechtsmarkt im Wandel

Die Transformation des Rechtsmarktes durch KI ist im Gange. Die Implementierung von KI in Rechtsabteilungen erfordert strategische Neuausrichtung und die Bereitschaft, etablierte Prozesse zu hinterfragen. Experten prognostizieren, dass die stundenbasierte Abrechnung in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich an Bedeutung verlieren könnte.

Die zunehmende Konkurrenz durch technologiegetriebene „NewMod“-Kanzleien und die hohen Investitionen in Legal-AI-Firmen erhöhen den Druck auf traditionelle Kanzleien, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken. Manche Beobachter sagen voraus, dass viele BigLaw-Kanzleien in einem Jahrzehnt nur noch „Skelette ihrer selbst“ sein könnten, sollten sie sich nicht anpassen. Diese Einschätzung steht im Kontrast zu derzeit noch berichteten rekordhohen Einnahmen einiger Großkanzleien.

Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Kanzleien die neuen Technologien erfolgreich integrieren können und welche nicht.