Die ökologische Landwirtschaft in Deutschland verliert an Dynamik. Obwohl die Konsumausgaben für Bioprodukte steigen, stagniert der Ausbau der heimischen Anbauflächen weitgehend. Zugleich sinkt die Zahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe.

Diese Entwicklung markiert eine wachsende Kluft zwischen den politischen Ausbauzielen der Bundesregierung und den betriebswirtschaftlichen Realitäten der Agrarbranche.

Statistische Zäsur und schwindende Höfe

Aktuelle Daten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sowie des Statistischen Bundesamtes weisen die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland mit rund 1,9 Millionen Hektar aus. Das entspricht einem Anteil von 11,4 Prozent an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Der Branchenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) beziffert die Fläche für das Erhebungsjahr 2025 auf 1,93 Millionen Hektar, was einem Zuwachs von lediglich 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Das Flächenwachstum bewegt sich damit auf einem historischen Tiefstand. Die Dynamik reicht bei Weitem nicht aus, um die strategischen Ziele der Bundespolitik zu erreichen.

Parallel dazu verzeichnet die Branche einen Rückgang bei den Betrieben. Nach der bisherigen Erfassungsmethode sank die Zahl der Öko-Höfe im Jahr 2024 um 2,2 Prozent oder 799 Betriebe auf rund 35.900 Erzeuger. Gleichzeitig stellt das Ministerium die statistische Methodik um.

Künftig gelten die Erfassungsgrenzen des Statistischen Bundesamtes, wodurch Kleinstbetriebe unter fünf Hektar sowie reine Imkereien aus der Statistik fallen.

Das Ministerium begründet den Schritt mit einer Vereinheitlichung der Datengrundlage zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft. Rechnerisch reduziert sich die offizielle Zahl der erfassten Öko-Betriebe dadurch auf 28.150 Höfe, was 11,2 Prozent aller Agrarbetriebe entspricht. Neben diesem statistischen Sondereffekt treibt ein realer Strukturwandel die Entwicklung: Die durchschnittliche Betriebsgröße wächst, während viele Höfe aufgrund fehlender Nachfolgelösungen und mangelnder Rentabilität aufgeben oder zur konventionellen Produktion zurückkehren.

Markt wächst am heimischen Acker vorbei

Während die heimische Primärproduktion stagniert, zieht die Nachfrage im Handel spürbar an. In den ersten drei Quartalen 2026 erzielte der Markt für Öko-Lebensmittel in Deutschland einen Umsatz von 14,08 Milliarden Euro, ein Plus von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Gesamtjahr 2024 lag das Marktvolumen bei 17,0 Milliarden Euro.

Der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln am gesamten Lebensmittelhandel erreichte im dritten Quartal 2026 8,1 Prozent.

Die steigende Inlandsnachfrage trifft auf ein unzureichendes heimisches Angebot. Die entstehende Versorgungslücke schließt zunehmend Importware. BÖLW-Vorstandsvorsitzende Tina Andres bezeichnet den wachsenden Markt als Weckruf und fordert verlässliche Rahmenbedingungen für heimische Erzeuger.

Weltweit umfasst der Markt für Bioprodukte nach Angaben der Branchenstatistik rund 136 Milliarden Euro. Die USA führen das Ranking mit 59,0 Milliarden Euro an, Deutschland folgt mit 16,1 Milliarden Euro auf Rang zwei.

Betriebswirtschaftliche Hürden bremsen Betriebe aus

Hinter der Zurückhaltung der Landwirte stehen handfeste ökonomische Barrieren. Der Preisabstand zwischen konventionell und biologisch erzeugten Rohstoffen auf der Erzeugerstufe schrumpfte in den Jahren 2024 bis 2025 deutlich. Dadurch sinkt der finanzielle Anreiz für eine Umstellung.

Zwar stiegen die Verkaufserlöse der Öko-Landwirte im Jahr 2024 um 6,3 Prozent, doch hoher Kostendruck schmälert die Margen. Die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels sowie der Wettbewerb mit günstigeren Importen begrenzen die Auszahlungspreise zusätzlich.

Erschwerend kommt die mehrjährige Umstellungsphase hinzu, die die betriebliche Liquidität stark belastet. In dieser Periode fallen bereits die höheren Betriebskosten des Ökolandbaus an, während Erzeuger die Produkte bisher nicht mit dem vollen Bio-Preisaufschlag vermarkten dürfen. Zwar verschafft der Verzicht auf synthetische Mineraldünger und chemische Pflanzenschutzmittel eine gewisse Resilienz gegenüber Preisschwankungen bei fossilen Betriebsmitteln.

Doch die mechanische Beikrautregulierung erfordert wesentlich mehr Arbeitsstunden und erhöht den Dieselverbrauch, was Betriebe bei steigenden Kraftstoffpreisen und akutem Arbeitskräftemangel empfindlich trifft.

Zusätzlichen Druck erzeugt die Flächenkonkurrenz durch Freiflächen-Fotovoltaik, Siedlungsbau und Infrastrukturprojekte, die die Pachtpreise treibt. Da der ökologische Anbau für vergleichbare Erntemengen größere Flächen benötigt, trifft dieser Pachtanstieg Bio-Betriebe überproportional. Spezifische Vorgaben der EU-Öko-Verordnung verschärfen die Lage weiter.

Insbesondere die Pflicht zur hundertprozentigen Bio-Fütterung bei Geflügel und Schweinen erschwert die Versorgung mit Proteinkomponenten. Folglich verharrt der Anteil von Bioware in der deutschen Schweinehaltung bei lediglich rund einem Prozent.

Ungleiche Verteilung und verfehlte Zielmarken

Strukturell offenbart der deutsche Markt ein extremes regionales Gefälle. Vier Bundesländer vereinen 57 Prozent der gesamten deutschen Ökofläche auf sich. Bayern führt mit rund 429.662 Hektar vor Brandenburg mit 228.852 Hektar, Baden-Württemberg mit 212.745 Hektar und Mecklenburg-Vorpommern mit 207.795 Hektar.

Beim relativen Flächenanteil liegt das Saarland mit rund 21,7 bis 22 Prozent an der Spitze, gefolgt von Brandenburg mit knapp 18 Prozent und Hessen mit etwa 17 Prozent. Niedersachsen bildet mit rund 6,0 Prozent das Schlusslicht, während in Nordrhein-Westfalen nur etwa jeder fünfzehnte Betrieb ökologisch wirtschaftet. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit lediglich einen Mittelfeldplatz, weit hinter Spitzenreiter Österreich mit über 25 Prozent Ökofläche.

Diese Daten verdeutlichen die Distanz zu den politischen Zielen. Der Koalitionsvertrag sieht einen Anteil von 30 Prozent Ökolandbau bis 2030 vor. Bei den aktuellen Zuwachsraten von knapp über einem Prozent pro Jahr ist dieser Zielwert rechnerisch nicht erreichbar. Um die Marke bis 2030 zu realisieren, müsste das jährliche Flächenwachstum auf 12 bis 17 Prozent steigen.

Die Agrarpolitik setzt derzeit jedoch andere Prioritäten. Kritik aus der Branche richtet sich gegen Bundeslandwirtschaftsminister Rainer, da der Bund den separaten Haushaltstitel für das Bundesprogramm Ökologischer Landbau gestrichen und die Gleichwertigkeit beider Bewirtschaftungsformen betont hat. Eine Studie der Technischen Universität München beziffert die vermiedenen externen Umweltkosten des Ökolandbaus auf bis zu 800 Euro je Hektar oder kumuliert 1,5 Milliarden Euro pro Jahr beim aktuellen Flächenstand.

Verlässliche Vergütungsinstrumente innerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU fehlen jedoch, um diese gesellschaftlichen Leistungen dauerhaft monetär abzubilden.

Die anstehenden Verhandlungen zur EU-Agrarreform und die konkrete Ausgestaltung der länderspezifischen Förderprogramme entscheiden darüber, ob die Umstellungsdynamik wieder anzieht. Ohne marktwirksame Preisanreize und verlässliche Übergangshilfen droht sich die heimische Erzeugung auf dem aktuellen Niveau zu konsolidieren, während der Lebensmitteleinzelhandel die steigende Nachfrage dauerhaft über Drittlandimporte bedient.