Der weltweite Ausbau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz stößt an die Leistungsgrenzen moderner Stromnetze. In den wichtigsten Technologiezentren der USA betragen die Wartezeiten für einen regulären Netzanschluss mittlerweile fünf bis sieben Jahre. Um den Aufbau ihrer KI-Infrastruktur nicht zu blockieren, erzeugen Technologiekonzerne wie OpenAI und Elon Musks xAI die benötigte Energie zunehmend direkt vor Ort.
Dafür nutzen die Unternehmen umgebaute Flugzeugtriebwerke, die als mobile Erdgaskraftwerke fungieren.
Der Flaschenhals im Stromnetz
Die Dimensionen moderner Rechenzentren überfordern die Infrastruktur traditioneller Energieversorger. Aktuelle Großprojekte beanspruchen oft 200 Megawatt bis zu einem Gigawatt an elektrischer Leistung. Vor zehn Jahren galten Anlagen mit zehn Megawatt bereits als Großprojekte.
Haupttreiber dieser Entwicklung sind spezialisierte KI-Grafikprozessoren, deren Energiebedarf im Vergleich zu früheren Chipgenerationen um bis zu 300 Prozent gestiegen ist.
Branchenschätzungen zufolge verbrauchen Datenzentren im Jahr 2025 rund zwei Prozent des weltweiten Stroms, was einem Erwartungswert von etwa 800 Terawattstunden entspricht. Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) und des Immobiliendienstleisters JLL gehen bis 2030 von einem Anstieg auf 945 bis 1.050 Terawattstunden pro Jahr aus, was einer Verdopplung des aktuellen Niveaus gleichkommt.
Besonders akut ist der Engpass im US-Bundesstaat Virginia. In der Region Nord-Virginia, bekannt als „Data Center Alley“, entfallen rund 26 Prozent des gesamten regionalen Stromverbrauchs auf Serverfarmen. Die Netzanbindung eines neuen 100-Megawatt-Projekts nimmt dort bis zu sieben Jahre in Anspruch.
Die Verzögerungen zwingen Technologiekonzerne zu operativen Kurskorrekturen. Microsoft zog sich unlängst als Großkunde aus einem geplanten Rechenzentrum im britischen Loughton zurück, nachdem der örtliche Netzbetreiber eine ausreichende Kapazität erst für die 2030er-Jahre in Aussicht gestellt hatte. Parallel dazu sichert sich der Konzern langfristige Kernkraft-Kapazitäten und unterstützt unter anderem die geplante Wiederinbetriebnahme eines Blocks im stillgelegten Kernkraftwerk Three Mile Island.
Flugzeugtriebwerke als modulare Kraftwerke
Um langwierige Genehmigungs- und Ausbauphasen der Versorger zu umgehen, weichen Entwickler auf die dezentrale Eigenstromerzeugung am eigenen Standort aus, branchenweit als „On-Site Primary Power“ oder „Behind-the-Meter“ bezeichnet. Spezialisierte Dienstleister rüsten hierfür ausgemusterte Strahltriebwerke von Passagierflugzeugen der Hersteller Boeing und Airbus zu stationären Generatoreinheiten um.
Diese aeroderivativen Gasturbinen, darunter die LM6000 von GE Vernova sowie Umbauten von ProEnergy auf Basis von CF6-80C2-Triebwerkskernen, liefern pro Einheit rund 48 bis 50 Megawatt Leistung. Mobile Einheiten auf Sattelaufliegern lassen sich binnen 30 Tagen vor Ort installieren. Vollständige, autarke Turbinenparks erreichen typischerweise innerhalb von 18 bis 24 Monaten die Betriebsreife.
Eine Turbine des Typs GE LM6000 fährt in weniger als zehn Minuten unter Volllast, zudem lässt sich ein defektes Aggregat im Bedarfsfall innerhalb von drei Tagen vollständig austauschen.
Entsprechend stark investiert die Branche in diese Technologie. Das Infrastrukturunternehmen Crusoe Energy bestellte für das OpenAI-Projekt „Stargate“ im texanischen Abilene 13 modifizierte Turbinen bei ProEnergy. Das KI-Unternehmen xAI betreibt am Standort seines Supercomputers „Colossus 2“ in Memphis im Bundesstaat Tennessee bereits acht vergleichbare Anlagen.
„Es geht allein darum, Energie so schnell wie möglich verfügbar zu machen“, konstatiert Audun Martinsen, Energieanalyst bei Rystad Energy. Über mobile Turbinen lasse sich ein Rechenzentrum binnen 24 Monaten operativ betreiben.
Hohe Kosten und lokale Umweltkonflikte
Die Geschwindigkeit der Notlösung hat ihren Preis. Berechnungen der Investmentbank BNP Paribas beziffern die Stromgestehungskosten für dezentral erzeugtes Erdgas auf rund 175 US-Dollar pro Megawattstunde. Im Vergleich dazu kostet Netzstrom für Großabnehmer in den USA üblicherweise zwischen 70 und 90 US-Dollar pro Megawattstunde.
Zudem arbeiten mobile Turbinen mit einem spürbar geringeren thermodynamischen Wirkungsgrad als moderne Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke. Folglich verbrauchen sie mehr Brennstoff je erzeugter Stromeinheit. Hersteller wie ProEnergy verweisen darauf, dass nachgeschaltete Filtersysteme den Ausstoß von Stickoxiden auf 2,5 ppm senken.
Umweltökonomen bewerten die Entwicklung dennoch kritisch. Mark Dyson vom Rocky Mountain Institute warnt davor, dass die Emissionen von Rechenzentren mit lokaler fossiler Erzeugung deutlich höher liegen als bei einer Versorgung über das öffentliche Verbundnetz, das zunehmend auf effiziente Großkraftwerke und erneuerbare Energien zurückgreift.
In Memphis formierten sich im Jahr 2025 Bürgerproteste und juristische Initiativen, da Turbinen von xAI anfangs ohne vollständige immissionsschutzrechtliche Dauergenehmigungen arbeiteten. Die US-Regierung setzt Betreiber gleichzeitig unter Druck, ihre Versorgung autonom zu organisieren, um die Netzkapazitäten für die Allgemeinheit zu schonen. Die US-Umweltbehörde EPA signalisiert bereits eine flexiblere Handhabung von Emissionsgrenzen für Vor-Ort-Generatoren.
US-Energieminister Chris Wright kündigte an, private Turbinenkapazitäten aus dem Technologiebereich bei extremen Verbrauchsspitzen zur Stabilisierung der allgemeinen Stromversorgung einzubinden.
Lieferketten unter Hochspannung
Der Run auf Übergangslösungen erfasst mittlerweile die globale Ausrüstungsindustrie. Mehr als 60 Prozent der aktuellen Gasturbinenbestellungen in den USA stammen direkt aus dem Rechenzentrumssektor. GE Vernova verzeichnete für das Geschäftsjahr 2025 ein Auftragsplus von über 33 Prozent bei aeroderivativen Aggregaten.
Der Motorenbauer Cummins lieferte Generatoren mit einem Gesamtvolumen von mehr als 39 Gigawatt an Technologieunternehmen aus.
Gleichzeitig stoßen Hersteller klassischer Schwerlastturbinen an Kapazitätsgrenzen. Siemens Energy und Mitsubishi Power melden Auslastungen bis in die Jahre 2028 bis 2031, wobei der Auftragsbestand bei Siemens Energy zuletzt 136 Milliarden Euro erreichte. Die Marktlage erschwert strategische Kooperationen.
So beendete Crusoe Energy im September 2025 Verhandlungen über einen 1,25-Milliarden-US-Dollar-Vertrag mit Boom Supersonic und fokussiert sich nun auf etablierte Aggregate von ProEnergy und GE Vernova.
Der Markt akzeptiert drastische Preisaufschläge und lokale Genehmigungsrisiken, um Time-to-Market-Vorteile im KI-Wettlauf abzusichern. In den kommenden Quartalen entscheidet sich, ob die dezentralen Übergangskraftwerke die Netzinfrastruktur dauerhaft flankieren können oder ob verschärfte Emissionsauflagen der Kommunen das Tempo des Rechenzentrumsausbaus erneut drosseln.







