Oura hat seinen geplanten Börsengang an der NASDAQ Stunden vor der geplanten Preisgestaltung am 29. September 2026 auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Hersteller der Smart Rings nannte offiziell „uncertainty in the IPO market“ als Grund für diese Entscheidung.
Analysten und Marktbeobachter sehen hinter dieser Begründung primär Sorgen um die hohe Unternehmensbewertung, den signifikanten Anteil an Aktien bestehender Aktionäre sowie den wachsenden Konkurrenzdruck. Besonders Technologieriesen wie Apple stellen eine Herausforderung dar. Eine Klage zur Genauigkeit der Schlafmessung wird zudem als weiterer Faktor für die Verschiebung genannt.
Bewertung und Marktrealität: Eine Diskrepanz
Oura hatte eine Platzierung von 50 Millionen Aktien zu einer Preisspanne von 40 bis 44 US-Dollar pro Aktie angestrebt. Dies hätte einem Emissionsvolumen von bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar am oberen Ende der Spanne entsprochen. Die implizite, vollständig verwässerte Bewertung hätte am oberen Ende der Preisspanne über 15 Milliarden US-Dollar gelegen.
Angaben zum Mittelpunkt der Spanne variieren in den Quellen und reichen etwa von 13,5 bis 15,6 Milliarden US-Dollar.
Diese Zahlen stehen in Kontrast zu einer früheren Bewertung von 5,2 Milliarden US-Dollar vor knapp zwei Jahren. Eine Finanzierungsrunde im Oktober 2025 ergab zudem eine Bewertung von rund 11 Milliarden US-Dollar.
Trotz Berichten über eine vier bis fünffache Überzeichnung des Angebots – ein Indikator für starkes Zeichnungsinteresse – wurde der Börsengang verschoben. Kat Siu, Vice President bei IPOX, kommentiert dies mit den Worten: „What else are you gonna say? ‘We aren’t meeting our expectations.’ I mean, that’s just not a thing to say to the public.“ Sie fügte hinzu: „If you are viewing Oura as an AI-enabled digital-health platform … then whatever multiple they are looking for can kind of be justified.
But if you are just looking at them as a pure ring manufacturer, just consumer hardware, then that valuation is pretty hefty.“ Jay Ritter von der University of Florida ergänzt: „They always blame it on market conditions. They never say, ‘Uh, the reason we’re pulling the IPO is we had unrealistic expectations about how much we’re worth.’“
Dominanz der Altaktionäre und schrumpfende Margen
Ein kritischer Punkt ist die Struktur des geplanten Börsengangs. Von den 50 Millionen angebotenen Aktien stammten lediglich 13,5 Millionen (27 Prozent) aus neuen Emissionen. Die restlichen 36,5 Millionen Aktien (73 Prozent) wären als Sekundäraktien von bestehenden Aktionären angeboten worden.
Unter den Verkäufern befand sich Forerunner Ventures, das seine gesamte Beteiligung von 9,3 Prozent veräußern wollte. Bei einem angenommenen Aktienpreis von 42 US-Dollar hätte Forerunner einen Erlös von rund 1,2 Milliarden US-Dollar erzielt.
Kat Siu bezeichnete den hohen Anteil an Sekundäraktien als „That’s a flag for the market. It’s signaling that this IPO is not meant for growth.“ Oura selbst hätte aus dem Börsengang bei der mittleren Preisspanne nach Angaben in den Unterlagen nur rund 533 Millionen US-Dollar Nettoerlöse erzielt.
Davon wären etwa 526,4 Millionen US-Dollar für Steuerabzüge auf Mitarbeiteraktien (RSUs) verwendet worden, die beim Börsengang unverfallbar geworden wären. Für allgemeine Unternehmenszwecke wären damit nur rund 6,2 Millionen US-Dollar verblieben. Oura plante, die eigenen Barmittel unberührt zu lassen.
Diese Verwendungsstruktur hebt hervor, dass ein großer Teil des Erlöses an Altaktionäre und zur Abdeckung von Mitarbeitersteuerverpflichtungen geflossen wäre, nicht primär in operative Investitionen.
Trotz eines Umsatzwachstums von 74 Prozent auf 1,21 Milliarden US-Dollar in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2026 und einem Nettogewinn von 60,8 Millionen US-Dollar in diesem Zeitraum sind die Margen laut Berichten zuletzt geschrumpft. Die Prognose für das Gesamtjahr 2026 sieht ein Umsatzwachstum von rund 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr vor. Die Zahl der zahlenden Mitglieder wurde zuletzt in den Quellen mit 5,7 Millionen angegeben.
Ein Bericht nennt für 2025 einen Nettoverlust von 924 Millionen US-Dollar, was einen Widerspruch zu den positiven Zahlen für die ersten neun Monate 2026 darstellt und die Einschätzung der finanziellen Lage erschwert.
Apple als Damoklesschwert: Der Druck der Konkurrenz
Ein weiterer Faktor für die Investorenstimmung ist der Wettbewerbsdruck großer Tech-Konzerne. Apple dominiert den Wearables-Markt mit der Apple Watch. Das Segment erwirtschaftet nach Angaben in den Quellen rund 7,9 Milliarden US-Dollar Quartalsumsatz.
In Berichten werden Gerüchte über ein „screenless wearable“ oder einen Smart Ring von Apple genannt, was als mögliche direkte Bedrohung für Oura gesehen wird. Gil Luria von D.A. Davidson merkt an: „All Apple has to decide to do is come up with a ring, and Oura’s business, for most intents and purposes, doesn't need to exist.“
Der Smart-Ring-Markt ist nicht mehr ausschließlich Ouras Domäne. Samsung arbeitet an einem Galaxy Ring, und kleinere Anbieter wie Ultrahuman und RingConn sind ebenfalls aktiv. Oura setzt auf Software und KI-Auswertungen, etwa ein KI-Modell für Frauengesundheit.
Analysten weisen allerdings darauf hin, dass solche Stärken durch das Ökosystem und die Innovationskapazität großer Plattformanbieter herausgefordert werden können. Arielle Trzcinski von Forrester kommentiert: „The fact that folks not only start wearing it and become paying members, but also that they wear it roughly five days a week, which is significant.“
Parallelen zu Peloton und GoPro
Analysten ziehen Parallelen zu früheren Börsengängen von Firmen mit einem starken Produktfokus, die nach dem IPO deutlich an Wert verloren. Jay Ritter verweist auf Beispiele wie Peloton und GoPro, deren Aktien nach ihren Börsengängen stark unter den Ausgabepreisen notierten. Die Sorge ist, dass Produkte wie Smart Rings seltener ersetzt werden als Smartwatches, was das langfristige Wachstum begrenzen könnte.
Ritter formulierte dies so: „A common problem is that the consumers who want to use the product are buying it, but once they have it, they don't need to periodically buy a replacement. Oura wants a value based upon assuming that high growth will continue.“
Tom Hale, CEO von Oura, sagte in Reaktion auf die Verschiebung: „Our mission is to empower people to live healthier, longer, and an IPO is just one step in our journey. We aim to deliver an extraordinary IPO for our employees and investors and we have the luxury of choosing our moment.“ Samuel Kerr von Mergermarket kommentierte: „What is now clear is we are in a very different IPO market to the one we envisaged just a few weeks ago.“
Weitere Firmen, die ihre Börsenpläne verschoben oder verzögert haben, sind in den Berichten Holtec Nuclear, Bamboo Insurance, Amaero und Anthropic.
Makroökonomische Volatilität und steigende Zinsen wurden ebenfalls als Belastungsfaktoren genannt. Renaissance Capitals Avery Marquez verwies auf steigende Renditen und wiederaufgenommene Zinsschritte, die Druck auf Wachstumsunternehmen ausüben.
Ausblick auf die weiteren Schritte
Oura steht nun vor der Aufgabe, das Marktvertrauen zurückzugewinnen und Bewertungsfragen zu klären. Analysten werden beobachten, wie sich Profitabilität und Abo-Umsätze entwickeln und inwieweit diese die Abhängigkeit vom Hardware-Verkauf verringern können. Offen ist, wann Oura einen erneuten Versuch für einen Börsengang starten wird und ob dann eine Bewertung erzielbar ist, die sowohl den Erwartungen von Altaktionären als auch der Marktrealität entspricht.
Entscheidend bleibt, wie sich die Konkurrenz durch Apple, Samsung und andere Anbieter entwickelt. Das Geschäftsjahr 2026 endete für Oura am 30. September. Die vollständigen Jahreszahlen, die in den kommenden Monaten veröffentlicht werden, bilden eine weitere Grundlage für Bewertungen durch Analysten und potenzielle Investoren.







