Ein bayerisches Jungunternehmen hat in einer Finanzierungsrunde 150 Millionen Euro für die Entwicklung effizienterer Stromerzeugungstechnologien eingesammelt. Gleichzeitig treibt die Bundesregierung den Bau neuer Gaskraftwerke voran, um Versorgungslücken zu schließen und den Kohleausstieg abzusichern. Beide Entwicklungen prägen die Debatte um Innovation und gesicherte Leistung im deutschen Energiesystem.
Reverion sichert sich 150 Millionen Euro für Effizienztechnologien
Das bayerische Startup Reverion hat in einer Finanzierungsrunde rund 150 Millionen Euro von neuen und bestehenden Investoren erhalten. Zu den Kapitalgebern zählen Allianz, KfW, Kembara, Aurum Impact und Carbon Equity. UVC Partners bleibt als Bestandsinvestor beteiligt. Reverion entwickelt eine Technologie zur effizienteren Stromerzeugung und ist für den Deutschen Zukunftspreis nominiert.
Johannes von Borries, Managing Partner bei UVC Partners, erklärt, Reverion übertreffe vergleichbare Akteure am Markt, die bereits Bewertungen in Milliardenhöhe erreicht haben. Dies zeige Europas Potenzial im Bereich Deeptech.
Deutschland forciert Bau neuer Gaskraftwerke
Die Bundesregierung hat den Bau neuer Gaskraftwerke beschlossen, um potenzielle Lücken in der Stromversorgung zu schließen und den Kohleausstieg zu flankieren. Der Bundestag hat dem Gesetz zugestimmt; das StromVG passierte den Bundesrat am 10. Juli 2026.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche versichert, Unternehmen in Deutschland könnten sich darauf verlassen, zu jedem Zeitpunkt mit Strom versorgt zu sein, auch wenn Sonne und Wind keine Leistung erbringen.
Geplant sind steuerbare Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 11 bis 12 Gigawatt. Davon sind allein 10 Gigawatt für neue Anlagen mit einer Zehn-Stunden-Lieferfähigkeit vorgesehen. Für 2026 sind zwei Ausschreibungen für Langzeitkapazitäten geplant: eine erste Ausschreibung am 8.
September und eine zweite am 22. Dezember. Die Europäische Kommission hat die staatliche Unterstützung für den Bau neuer Gaskraftwerke beihilferechtlich genehmigt.
Die Genehmigung umfasst eine staatliche Unterstützung von bis zu 35 Milliarden Euro.
Massive Investitionen und steigende Kosten für Stromkunden
Energiekonzerne und regionale Akteure planen bereits Standorte und Projekte für die neuen Kapazitäten. Namentlich werden RWE, EnBW, LEAG und Uniper in den Planungen genannt. RWE plant nach eigenen Angaben, bis 2030 mindestens 3 Gigawatt an Gaskraftwerksleistung zu bauen.
Markus Krebber, RWE-Chef, bezeichnet Gaskraftwerke als gesicherte Backup-Kapazitäten, die die Energiewende flankieren sollen. Uniper plant, sich mit zwei wasserstofffähigen Gaskraftwerken von insgesamt rund 1,7 Gigawatt an den ersten Ausschreibungen zu beteiligen.
Die Finanzierung der Infrastruktur wird ab 2031 voraussichtlich zu zusätzlichen Kosten für Stromkundinnen und Stromkunden führen. Im ursprünglichen Entwurf der Bundesregierung wurden für 2031 jährliche Mehrkosten von 1 bis 3 Milliarden Euro genannt. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) warnt, diese Kosten könnten sich nach parlamentarischen Änderungen und Anhebungen der Gebotshöchstgrenzen auf über 4 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen.
Technologieoffenheit und Umweltbedenken
Das Wirtschaftsministerium betont, die Ausschreibungen seien formell für alle Erzeugungs- und Speichertechnologien offen und setzten auf Markt, Wettbewerb und Technologieoffenheit. Die konkreten Bedingungen des Gesetzes verlangen jedoch, dass Reservekapazitäten mindestens zehn Stunden ununterbrochen Strom einspeisen können. Nach heutigem Stand können andere Technologien wie Batteriespeicher diese Anforderung wirtschaftlich nicht erfüllen.
Dies hat Kritik ausgelöst. Das Solar-Startup 1Komma5° hat bei der EU-Kommission Beschwerde gegen die geplante Kraftwerksstrategie eingelegt. Philipp Schröder, CEO und Mitgründer von 1Komma5°, bezeichnete die Kombination aus Zuschüssen und Kapazitätsmarktvergütungen als unzulässigen Eingriff, der Verbraucher mit deutlich höheren Kosten belaste.
Er forderte einen technologisch offenen Wettbewerb zwischen zentralen und dezentralen Lösungen.
Auch Umweltverbände äußern Bedenken. Die DUH warnt, die ersten 9 Gigawatt Kraftwerksleistung könnten bis 2045 im Betrieb bis zu 83 Millionen Tonnen CO2 verursachen. Hinzu kämen erhebliche Methanemissionen entlang der Lieferkette.
Die DUH sprach in diesem Zusammenhang von einem möglichen „klimapolitischen Totalschaden“, sollten die Pläne unverändert umgesetzt werden. Sönke Tangermann von Green Planet Energy erklärt, neue Gaskraftwerke rechneten sich nur mit Milliarden-Subventionen, die Stromkundinnen und Stromkunden zahlen müssten. Studien, die in der Debatte zitiert werden, nennen Stromgestehungskosten aus neuen Wind- und Solaranlagen unter 10 Cent pro Kilowattstunde, während reine Gaskraftwerkskosten mit 23 bis 28 Cent pro Kilowattstunde angegeben werden.
Die neuen Gaskraftwerke müssen „wasserstoff-ready“ sein. Anlagen, die Förderung erhalten, sollen spätestens ab 2045 klimaneutral mit Wasserstoff betrieben werden können.
Ausblick: Marktausschreibungen und offene Fragen
Die ersten Ausschreibungen für die neuen Gaskraftwerke starten im September 2026. Beobachter rechnen damit, dass erste Anlagen um 2030 in Betrieb gehen könnten; ein Kapazitätsmarkt ist ab 2031 vorgesehen. Das Wirtschaftsministerium plant, ab 2028 über einen Kapazitätsmechanismus für virtuelle Kraftwerke zu diskutieren.
Offen bleibt, wie technologieoffen das System de facto sein wird und in welchem Umfang dezentrale oder virtuelle Lösungen künftig in die Sicherstellung der Stromversorgung integriert werden können. Kritiker wie die DUH fordern zudem eine Überprüfung der Förderbedingungen durch die EU-Kommission, um Wirtschaftlichkeit und Klimaverträglichkeit der Maßnahmen zu bewerten. Die Debatte über die Balance zwischen gesicherter Leistung, Kosteneffizienz und Klimazielen wird weitergehen.







