Der US-Leitindex S&P 500 eilt von Rekord zu Rekord. Eine detaillierte Betrachtung der fundamentalen Ertragskraft deutet dabei nicht zwingend auf eine klassische Spekulationsblase hin. Vielmehr halten die Unternehmensgewinne in weiten Teilen mit der Rallye Schritt und normalisieren zentrale Bewertungsmultiplikatoren des US-Aktienmarkts.

Fundamentaldaten absorbieren den Kursanstieg

Dass ein Leitindex historische Höchststände markiert, signalisiert für sich genommen keine fundamentale Überhitzung. Steigen die aggregierten Unternehmensgewinne im gleichen oder in einem höheren Tempo als die Kurse, bleiben Bewertungskennzahlen stabil oder sinken sogar.

Das Kurs-zu-Fair-Value-Verhältnis des Analysehauses Morningstar liegt aktuell bei 1,02. Damit stuft das Institut den Markt als nahezu exakt fair bewertet ein. Das für die kommenden zwölf Monate geschätzte Forward-KGV beziffert FactSet auf rund 20,1, während der historische Zehnjahresdurchschnitt bei 19,0 liegt.

Das historische Trailing-KGV des S&P 500 notiert bei 24,77 und damit nur leicht über dem Fünfjahresdurchschnitt von 24,46.

Analysten prognostizieren für die Konzerne im Index in den kommenden Quartalen Gewinnsteigerungen von etwa 11,5 bis 15 Prozent. Hält dieses Gewinnwachstum von 12 bis 15 Prozent an, verringert sich das KGV des Index Projektionsrechnungen zufolge bis 2027 auf eine Spanne von etwa 19 bis 20.

Ed Clissold, US-Chefstratege der Ned Davis Research Group, bringt die Haltung institutioneller Investoren auf den Punkt: „Solange das Gewinnwachstum anhält, sind die Anleger möglicherweise bereit, höhere Bewertungen zu akzeptieren.“

Methodenstreit: Shiller-KGV versus Wachstumsmetriken

In den Bewertungsmodellen klafft indes eine methodische Lücke: Rückblickende Indikatoren signalisieren deutlich höhere Bewertungsspannen als vorwärtsgerichtete Kennzahlen. Das zyklisch bereinigte Shiller-KGV (CAPE) überschreitet die Marke von 30 Punkten und notierte in der Spitze bei über 40. Dies sind Niveaus, die der Markt zuletzt während der Dotcom-Blase erreichte.

Der Buffett-Indikator, der die Gesamtmarktkapitalisierung ins Verhältnis zum US-Bruttoinlandsprodukt setzt, liegt bei über 235 Prozent und markiert ein Allzeithoch. Im Modell gelten Werte zwischen 75 und 90 Prozent als ausgewogen.

Strategen wie Mathieu Racheter von Julius Bär betonen, dass das Shiller-KGV und ähnliche historische Metriken die veränderte Indexstruktur nur unzureichend abbilden. Der S&P 500 wird heute maßgeblich von margenstarken Technologieplattformen getragen. Zwischen 1990 und 2014 lag das durchschnittliche KGV des Index typischerweise bei etwa 19 bis 21.

Das Price-Earnings-to-Growth-Verhältnis (PEG) liefert eine andere Perspektive: Laut Yardeni Research liegt das PEG-Ratio des Index bei rund 0,7, während der historische Durchschnitt etwa 1,3 beträgt. Ein Wert unter 1,0 gilt an den Märkten traditionell als Hinweis auf eine Unterbewertung. Yardeni verweist zudem darauf, dass dieses Verhältnis ein 30-Jahres-Tief darstellt.

Während das Shiller-KGV über zehn Jahre glättet und strukturelle Verschiebungen im Technologiesektor ausblendet, birgt das PEG-Verhältnis die Schwäche, dass es auf mitunter zu optimistischen Analystenschätzungen basiert.

Die Kluft zwischen Big Tech und den restlichen 493 Titeln

Die Debatte um das Bewertungsniveau wird vor allem durch die Konzentration an der Indexspitze geprägt. Die Gruppe der sieben führenden Technologiekonzerne vereint zwischen 28,4 Prozent und rund einem Drittel der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500. Diese Schwergewichte steuern voraussichtlich etwa 22,6 Prozent der Indexgewinne und rund 11,8 Prozent der prognostizierten Umsätze bei.

Gleichzeitig besteht eine erhebliche Kluft bei der Profitabilität: Die Nettomarge der sieben Tech-Konzerne liegt im Schnitt bei rund 26,2 Prozent, jene der übrigen 493 Unternehmen hingegen bei etwa 11,9 Prozent. Howard Marks, Mitgründer von Oaktree Capital, gibt zu bedenken, dass das Bewertungsrisiko nicht primär bei den hochprofitablen Branchenführern liege. Während die Top-Sieben mit einem durchschnittlichen KGV von rund 33 bewertet werden, notieren die verbleibenden 493 Aktien bei einem KGV von etwa 22 – ein Niveau, das spürbar über ihrem historischen Durchschnitt im mittleren Zehnerbereich rangiert.

Makroökonomische Belastungsproben und Ausblick

Für die weitere Kursentwicklung bleiben die Tragfähigkeit der Investitionszyklen und das Zinsumfeld entscheidend. Alphabet plant für das Jahr 2025 Investitionsausgaben von rund 75 Milliarden US-Dollar, vornehmlich für KI-Infrastruktur. Bleiben die erhofften Produktivitäts- und Ertragszuwächse aus, geraten die Multiples der Technologieführer rasch unter Druck.

Zudem belasten handelspolitische Spannungen wie drohende US-Importzölle und ein anhaltend hohes Zinsniveau das Marktumfeld. Steigende Anleiherenditen mindern den Gegenwartswert künftiger Cashflows, was Bewertungsaufschläge empfindlich dämpft.

Historische Daten zeigen jedoch, dass Allzeithochs für sich genommen kein Warnsignal darstellen. Eine Analyse von J.P. Morgan und Bloomberg für den Zeitraum von 1970 bis 2026 belegt, dass der S&P 500 in den zwölf Monaten nach Erreichen eines Rekordhochs im Schnitt um 9,6 Prozent zulegte, verglichen mit durchschnittlich 9,4 Prozent an regulären Handelstagen.

Im Zentrum der Marktbeobachtung stehen nun die anstehenden Quartalsberichte. Sie müssen den Nachweis erbringen, ob das prognostizierte zweistellige Gewinnwachstum ausreicht, um die Bewertungsmultiplikatoren auch im Umfeld längerfristig höherer Zinsen abzusichern.