Führende Investmenthäuser an der Wall Street schlagen vorsichtigere Töne an und warnen vor überzogenen Erwartungen an das künftige Gewinnwachstum US-amerikanischer Konzerne. Trotz robuster Indexstände klafft eine wachsende Lücke zwischen den optimistischen Gewinnschätzungen der Analysten und der makroökonomischen Realität. Marktstrategen sehen den Höhepunkt des aktuellen Ertragszyklus erreicht und bereiten institutionelle Portfolios auf eine Phase geringerer Renditen vor.

Historische Dynamik stößt an Grenzen

Die Messlatte für die Unternehmen im S&P 500 liegt hoch. Innerhalb von sechs Monaten kletterten die Konsensschätzungen für das aggregierte Gewinnwachstum um 20 Prozent, was den schnellsten Anstieg dieser Art seit 2021 markiert. Für das kommende Jahr prognostizieren Marktbeobachter laut Daten der Financial Times ein weiteres Ertragsplus von 25 Prozent.

Zuvor wiesen die Konzerne im ersten Quartal Zuwächse von gut 30 Prozent und im zweiten Quartal sogar von mehr als 50 Prozent im Vorjahresvergleich aus. Raten dieser Größenordnung treten historisch fast ausschließlich in den ersten Erholungsphasen unmittelbar nach tiefen Rezessionen auf.

Genau diese Ausgangslage bereitet Allokatoren Sorge. Jim Caron, CIO der Solutions Group bei Morgan Stanley, betont, die Märkte stünden am Gipfel dieses Gewinnwachstums und stellten sich auf eine langsamere Phase ein. Investoren müssten ihre Erwartungen dämpfen.

Ben Inker, Co-Head of Asset Allocation bei GMO, bezeichnet das Tempo der Schätzungen außerhalb echter Krisenerholungen als beispiellos. Er rechnet damit, dass die Erwartungen der Realität nicht standhalten.

KI-Euphorie und schwindende Marktbreite

Hinter den Zuwächsen verbirgt sich eine strukturelle Verwundbarkeit. Erhebungen von Reuters zeigen, dass rund 66 Prozent des gesamten prognostizierten Gewinnwachstums im US-Leitindex auf den Technologiesektor sowie die drei Megacaps Alphabet, Amazon und Meta entfallen. Diese Konzentration verzerrt das Gesamtbild spürbar.

Michel Lerner, Leiter der Analyseplattform HOLT bei der UBS, warnt vor einer sich aufbauenden Ertragsblase. Die an den Märkten eingepreisten Erträge aus dem Einsatz Künstlicher Intelligenz dürften sich auf absehbare Zeit kaum flächendeckend materialisieren. Zudem weist Kasper Elmgreen, CIO für Equities und Fixed Income bei Nordea Asset Management, darauf hin, dass das fundamentale Sicherheitspolster vor den anstehenden Berichtssaisons dünn geworden ist.

Gleichzeitig verliert die Rally an der New Yorker Börse an Fundament. Während die Hauptindizes nahe ihren Höchstständen verharren, bröckelt die Marktbreite. Nur 45 Prozent der im S&P 500 gelisteten Aktien notieren noch über ihrer 200-Tage-Linie, und lediglich 25 Prozent halten sich über der 50-Tage-Linie.

Diese Divergenz verdeutlicht, dass die breite Masse der US-Unternehmen dem Tempo der Bewertungsführer nicht mehr folgt.

International geraten die US-Leitindizes zeitweise ins Hintertreffen. In einzelnen Handelsphasen legte der S&P 500 um knapp zwei Prozent zu, während der Bloomberg Magnificent Seven Index um 1,9 Prozent nachgab. Im gleichen Zeitraum verzeichneten der DAX ein Plus von 12,4 Prozent und der Stoxx Europe 600 einen Zuwachs von neun Prozent.

Der Nasdaq Golden Dragon China Index zog zeitweise um 18 Prozent an.

Zinsdruck belastet Bewertungen außerhalb der Tech-Elite

Als wesentlicher Bremsfaktor wirkt das Zinsumfeld. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen stiegen zeitweise auf Mehrjahreshochs von rund 5,25 Prozent. Goldman Sachs erwartet auf Sicht von drei bis sechs Monaten einen moderaten Rückgang auf 4,85 Prozent.

Daten des FedWatch Tool signalisieren eine Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent für ein anhaltend restriktives Zinsniveau, da Marktteilnehmer ihre Erwartungen rascher Zinssenkungen dämpfen. Die hohen Refinanzierungskosten belasten vorrangig kapitalintensive und verschuldete Unternehmen abseits der großen Technologiekonzerne.

Trotz dieser Belastungsfaktoren raten einige Strategen davon ab, den US-Markt pauschal unterzugewichten. Michael Wilson, Chef-Aktienstratege für die USA bei Morgan Stanley, hält eine dauerhafte Umschichtung weg von den Vereinigten Staaten für verfrüht. Auch Mislav Matejka von JPMorgan Chase verweist auf die fortbestehende Wachstums- und Ertragslücke gegenüber dem Rest der Welt.

Die Citigroup wiederum bestätigt konstruktive Jahresendziele, setzt für den S&P 500 ein Ziel von 8.100 Punkten an und stützt sich dabei auf ein Szenario moderaten Wachstums ohne Rezession.

Dennoch vollzieht sich ein strategischer Schwenk bei Adressen wie JPMorgan, BlackRock, Truist und der Citigroup. Die Institute verabschieden sich von der Aussicht auf breit angelegte Kursgewinne. Der Marktkonsens favorisiert stattdessen hochprofitable Einzeltitel mit robuster Preissetzungsmacht und gesunden Bilanzen.

Berichtssaison als Prüfstein

Der S&P 500 notiert gegenwärtig bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 20 auf Basis der erwarteten Gewinne, womit das Bewertungsniveau deutlich unter den Höchstständen der Dotcom-Ära liegt. Daten des Analysehauses FactSet weisen für das dritte Quartal ein prognostiziertes Ertragsplus von 29,6 Prozent im Jahresvergleich sowie ein Umsatzwachstum von 12,4 Prozent aus. Die Belastbarkeit dieser Projektionen entscheidet sich an den konkreten Quartalsberichten.

Erste Zahlen aus dem Bankensektor zeichnen ein geteiltes Bild. Während die Citigroup und Wells Fargo die Erwartungen übertrafen, blieb JPMorgan Chase hinter den Konsensschätzungen zurück. In den kommenden Wochen richtet sich das Augenmerk der Marktteilnehmer vorrangig auf die Ausblicke der Halbleiterhersteller und Cloud-Konzerne.

Deren Investitionsdisziplin sowie die tatsächliche Monetarisierung neuer Softwarelösungen bestimmen maßgeblich, ob die Bewertungsaufschläge an der Wall Street Bestand haben oder eine Korrekturphase einsetzt.