Der Generikakonzern Sandoz zieht im Streit um Billigimporte aus Asien vor die Europäische Kommission. Das Unternehmen reicht den Entwurf für eine Antidumping-Beschwerde gegen Importe chinesischer Wirkstoffe für das Antibiotikum Amoxicillin ein. Sandoz wirft Herstellern aus der Volksrepublik vor, pharmazeutische Grundstoffe staatlich subventioniert und teilweise unter den tatsächlichen Herstellkosten in die Europäische Union zu exportieren.

Nach Angaben des Konzerns markiert der Schritt den ersten industriepolitischen Vorstoß dieser Art in der europäischen Pharmabranche seit Jahrzehnten. Konzernchef Richard Saynor warnt vor einer akuten Gefährdung der Versorgungssicherheit und fordert von den europäischen Regierungen spürbar höhere Erstattungspreise sowie strukturelle Schutzmaßnahmen für die heimische Produktion.

Vorwurf der Marktverzerrung gegen Peking

Im Zentrum der Beschwerde steht der Vorwurf unlauterer Wettbewerbsvorteile durch staatliche Eingriffe in China. Saynor beziffert die Preisdifferenzen je nach Vergleichsbasis auf mehr als 50 Prozent bis zu rund 90 Prozent gegenüber westlichen Produktionskosten. Diese Preispolitik spiegelt sich unmittelbar in den europäischen Außenhandelsdaten wider.

Laut Eurostat stammten im Jahr 2025 bereits 86 Prozent aller EU-Importe von Penicillin und entsprechenden Derivaten aus China. Im Jahr 2019 lag dieser Anteil noch bei 44 Prozent.

Mittlerweile entstehen nach Berechnungen von Sandoz bis zu 90 Prozent aller antibiotischen Wirkstoffe weltweit außerhalb Europas, mit klarem Schwerpunkt auf chinesischen Produktionsstandorten. Das Unternehmen sieht in dieser Entwicklung eine existenzielle Bedrohung für verbliebene westliche Kapazitäten. Ohne entschiedene regulatorische Gegenmaßnahmen drohe der vollständige Verlust industrieller Souveränität bei unentbehrlichen Standardmedikamenten.

Kundl als letzte Bastion westlicher Penicillin-Fertigung

Die strategische Bedeutung dieser Auseinandersetzung zeigt sich am Standort Kundl in Österreich. Sandoz betreibt dort die letzte verbliebene, vollständig integrierte Produktionsanlage für Penicillin und dessen chemische Vorstufen in der westlichen Hemisphäre. Die Produktion an diesem Standort reicht bis in das Jahr 1946 zurück.

Aus den österreichischen Werken liefert der Konzern täglich rund 550.000 Packungen an Gesundheitssysteme weltweit aus. Um die Fertigung wettbewerbsfähig zu halten, investierte Sandoz zuletzt rund 150 Millionen Euro in die Modernisierung der Anlagen.

Gleichzeitig belasten drastisch gestiegene Standortkosten den Betrieb in Tirol. Die Energiekosten vor Ort kletterten um 173 Prozent, während die industriellen Betriebskosten um 31 Prozent zulegten. Der Kostendruck führte unter anderem zur Schließung des dortigen Entwicklungszentrums, von der etwa 100 Stellen betroffen waren.

Den Großteil der Beschäftigten konnte der Konzern nach eigenen Angaben auf andere interne Positionen verteilen.

Den massiven Kostensteigerungen stehen in den europäischen Gesundheitssystemen historisch niedrige Erstattungspreise gegenüber. Der staatliche britische Gesundheitsdienst NHS zahlt Sandoz lediglich 1,06 Pfund (etwa 1,41 US-Dollar) für eine Packung mit 21 Tabletten Amoxicillin in der Dosierung 250 Milligramm. In Österreich wiederum liegt der durchschnittliche Erstattungspreis für eine Generika-Tablette bei lediglich rund 13 Cent.

Für die Hersteller verengt diese Preispolitik die Margen auf ein Niveau, das Reinvestitionen in Produktionskapazitäten kaum noch rechtfertigt.

Forderung nach Festbetragsanpassungen und Quoten

Saynor dringt vor diesem Hintergrund auf einen Kurswechsel in der europäischen Gesundheitspolitik. Reine Einmalsubventionen für Werksbauten greifen nach Ansicht des Managements zu kurz, um die industrielle Basis dauerhaft zu sichern. Sandoz fordert stattdessen dauerhafte strukturelle Reformen.

Dazu gehört primär eine Anhebung der gesetzlichen Festbeträge durch einen garantierten Mindestpreisaufschlag von mindestens einem Euro beziehungsweise einem Schweizer Franken pro Packung. Zudem verlangt das Unternehmen die Einführung einer europäischen Bevorzugungsquote. Über dieses Prinzip der „European Preference“ sollen öffentliche Auftraggeber verpflichtet werden, rund 30 Prozent ihres Beschaffungsvolumens für in Europa hergestellte Arzneimittel zu reservieren.

Als flankierende Maßnahme fordert Sandoz Antidumpingzölle oder gesetzlich definierte Mindestimportpreise nach dem regulatorischen Vorbild Indiens.

Der Vorstoß betrifft den wirtschaftlichen Kern des Konzerns. Sandoz erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025 einen Gesamtumsatz von 11,1 Milliarden US-Dollar. Generika stellen weltweit rund 80 Prozent des gesamten Volumens an verabreichten Arzneimitteln dar.

Auf dem US-Markt entfallen sogar rund 90 Prozent aller Verschreibungen auf Nachahmermedikamente, während ihr Anteil an den gesamten Medikamentenausgaben lediglich zwischen 12 und 17 Prozent liegt. Dieses Missverhältnis verdeutlicht den anhaltenden Preisdruck im Kerngeschäft.

Geopolitische Risiken rufen Sicherheitskreise auf den Plan

Inzwischen wandelt sich die Debatte von einem rein gesundheitspolitischen Thema zu einer Frage der nationalen Sicherheit. Saynor stuft die einseitige Abhängigkeit westlicher Staaten von asiatischen Lieferketten bei Standardmedikamenten als ernstes Risiko für die Verteidigungsfähigkeit ein. Sandoz führt diesbezüglich Gespräche mit der NATO und dem US-Verteidigungsministerium.

Das Pentagon prüft bereits strategische Alternativen zu chinesischen Zulieferern, um die Versorgung des US-Militärs mit kritischen Wirkstoffen abzusichern.

Parallel dazu steht das Management in Verhandlungen mit Vertretern des Weißen Hauses. Hintergrund sind drohende Importzölle der US-Regierung, die im Raum stehende Sätze von bis zu 200 Prozent umfassen. Der nordamerikanische Markt bleibt für Sandoz hochgradig relevant: Im ersten Halbjahr 2026 steuerte die Region rund 23 Prozent zum Konzernumsatz bei.

Zölle auf Importe in die Vereinigten Staaten könnten die globale Lieferkettenarchitektur des Unternehmens empfindlich treffen.

Transformation zum margenstarken Biosimilar-Konzern

Wirtschaftlich befindet sich das Unternehmen in einer tiefgreifenden Transformation. Seit der Abspaltung vom Pharmariesen Novartis im Oktober 2023 notiert Sandoz an der SIX Swiss Exchange. Im Oktober 2024 erreichte die Marktkapitalisierung zeitweise 17 Milliarden Schweizer Franken. Die Aktie notierte im ersten Jahr nach dem Börsengang rund 50 Prozent über ihrem ursprünglichen Ausgabekurs.

Finanzvorstand Remco Steenbergen und CEO Saynor wollen die operative Marge von 18 Prozent auf 26 Prozent bis zum Jahr 2028 steigern. Als strategischen Wachstumstreiber forciert das Management den Bereich der Biosimilars, also komplexer biotechnologisch hergestellter Nachahmermedikamente. Der Konzern plant, das Portfolio von derzeit 13 auf über 100 Biosimilar-Produkte bis 2040 auszubauen.

Dahinter steht eine erhebliche Marktchance: Zwischen 2026 und 2036 läuft weltweit der Patentschutz für Originalbiopharmazeutika mit einem kumulierten Umsatzvolumen von rund 650 Milliarden US-Dollar aus. Um Marktanteile in diesem hochprofitablen Segment abzusichern, greift Sandoz auch zu juristischen Mitteln. Im Jahr 2025 reichte das Unternehmen in den USA eine Kartellklage gegen den Biotech-Konzern Amgen ein, um mutmaßlich wettbewerbswidrige Marktzutrittsbarrieren anzugreifen.

Ausblick auf das Prüfverfahren in Brüssel

Für Investoren rückt nun die Europäische Kommission in den Fokus. Die Brüsseler Behörde prüft den Beschwerdeentwurf von Sandoz und entscheidet in den kommenden Monaten über die formelle Einleitung eines Antidumping-Verfahrens gegen chinesische Amoxicillin-Importe. Ein solcher Schritt würde Signalwirkung für die gesamte europäische Grundstoffindustrie entfalten.

Gleichzeitig beobachtet der Markt die praktische Umsetzung des europäischen Gesetzes für kritische Arzneimittel, des sogenannten „Critical Medicines Act“, den die EU im Mai 2026 vorläufig gebilligt hat. Analysten werten das Prüfverfahren als Lackmustest dafür, ob die Europäische Union bereit ist, protektionistische Instrumente zum Schutz ihrer verbliebenen Infrastruktur einzusetzen. Bleiben regulierende Eingriffe oder Preisanpassungen aus, droht nach Einschätzung von Branchenbeobachtern die vollständige Verlagerung der westlichen Penicillin-Synthese nach Asien.