SAP-Chef Christian Klein sieht in den neuen KI-Produkten eine historische Chance für signifikantes Wachstum des Unternehmens. Er spricht von einem „historischen Schub“. Investoren beobachten nun, wie sich die Neuausrichtung in den Geschäftszahlen des Walldorfer Softwarekonzerns niederschlägt und eine Umsatzbeschleunigung eintritt.

Christian Klein ist seit 1999 bei SAP und seit 2019 Vorstandsvorsitzender. Seit April 2020 agiert er als alleiniger CEO. Zuvor forcierte er die Verlagerung des Kerngeschäfts in die Cloud. Mitte Mai stellte SAP auf einer Kundenkonferenz in den USA das „autonome Unternehmen“ vor. Diese Vision beinhaltet eine einheitliche KI-Plattform zur Optimierung der Geschäftsabläufe von Kunden.

KI-Agenten als Produktivitätsmotor

Im Zentrum der KI-Strategie von SAP stehen sogenannte KI-Agenten. Diese sollen in die Geschäftsprozesse, Daten und die Unternehmenssteuerung der Kunden integriert werden. Christian Klein erwartet, dass diese Agenten „enorme Produktivitätsgewinne“ erzielen und zu Kosteneinsparungen führen. Kunden werden schrittweise mehr Verantwortung an diese Systeme übertragen.

Klein betont, dass KI-Agenten in kritischen Unternehmensbereichen nicht vollständig autonom agieren werden. Die Verantwortung verbleibt beim Menschen. SAP plant, einen „einzigartigen Vorteil“ auszuspielen, der auf der Software zur Unternehmenssteuerung, dem Industriewissen und der Vielzahl an Kundendaten basiert.

Eine alleinige Fokussierung auf große Sprachmodelle hätte SAP austauschbar gemacht. Im vierten Quartal waren „SAP Business AI“ in zwei Drittel der Cloud-Vertragsabschlüsse enthalten.

Klein sieht den Durchbruch insbesondere in der neuen Plattform, die im Herbst allgemein verfügbar wird. „The breakthrough is definitely now our new platform, yeah, which is now becoming general available in fall. And on this platform, you can build any agent you want with any LLM.

Then you have a very rich context layer, because the agents, when you just build it with an LLM, they really lack the business context. And then of course, the governance aspect is very key to that. So that is really a breakthrough moment,“ erklärte er.

Zudem bezeichnete er die Entwicklung als „a once in a lifetime opportunity“ für SAP. Klein nannte zudem eine Produktivitätssteigerung von 30 Prozent in der Softwareentwicklung durch KI-Einsatz.

Strategische Neuausrichtung und finanzielle Erwartungen

Die Bedeutung der KI-Strategie spiegelt sich auch in Kleins persönlicher Rolle wider. Im März 2026 gab er seine Vertriebsverantwortung ab, um sich auf die Umsetzung der KI-Strategie zu konzentrieren. Parallel dazu soll eine neue „Customer Value Group“ unter Thomas Saueressig die Kundenmigrationen beschleunigen. Saueressig war zuvor für After-Sales und Software-Implementierung zuständig.

Der Vertrag von Vorstandsmitglied Muhammad Alam, verantwortlich für Produkt und Engineering, wird im März 2027 aus persönlichen Gründen nicht verlängert.

SAP prognostiziert für 2025 einen Umsatz von 36,8 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 7,5 Milliarden Euro. Der Cloud-Umsatz soll im selben Jahr um 23 Prozent wachsen. Der Current Cloud Backlog (CCB), der den Vertragsbestand für die kommenden zwölf Monate widerspiegelt, wuchs im vierten Quartal 2025 währungsbereinigt um 25 Prozent. Dies lag einen Prozentpunkt unter der eigenen Prognose.

Im zweiten Quartal 2026 stieg der Cloud-Umsatz um 22 Prozent. Das operative Ergebnis wuchs um sieben Prozent auf 2,74 Milliarden Euro, blieb jedoch hinter den Erwartungen zurück. Die Jahresprognose für das operative Ergebnis 2026 wurde währungsbereinigt auf ein Wachstum von 13 bis 17 Prozent angepasst, zuvor waren es 14 bis 18 Prozent.

SAP führt die Änderung teilweise auf die im Juli 2026 abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs zurück. Begleitend hat SAP ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu zehn Milliarden Euro über zwei Jahre aufgelegt.

Analysten und Marktreaktion

Analysten verfolgen die Entwicklung bei SAP genau. JPMorgan-Analyst Toby Ogg äußerte, der Sektor befinde sich in einem Umfeld, „in dem er verurteilt wird, bevor der eigentliche Prozess beginnt.“ Solide Ergebnisse reichten demnach oft nicht aus, sofern nicht „unwiderlegbar nachgewiesen werden kann, dass KI ein nachhaltiger Wachstumsmotor“ ist.

SPI Asset Management verglich die aktuelle Stimmung mit dem „Negativ des Booms von 2021“.

Christian Kleins Vergütung lag 2025 bei rund 16,2 Millionen Euro, davon entfielen etwa 1,5 Millionen Euro auf das Grundgehalt und 14,6 Millionen Euro auf Boni. Dies stellte einen Rückgang gegenüber 2024 dar, wo er rund 18,9 Millionen Euro erhielt. SAP begründet dies mit der Entwicklung des Aktienkurses.

Im März 2025 erreichte SAP mit einer Marktkapitalisierung von rund 360 Milliarden US-Dollar temporär den Status als Europas wertvollstes Unternehmen. Anschließend setzte sich Novo Nordisk wieder an die Spitze. Analysten sehen für die SAP-Aktie ein durchschnittliches Kursziel von 257,50 Euro, basierend auf 15 „Buy“-Empfehlungen und einer „Sell“-Einstufung.

Ausblick auf den Markt

Die strategische Wette auf KI hat für SAP höchste Priorität erhalten. Die Umstrukturierung des Vorstands und Kleins verstärkte Fokussierung auf KI spiegeln diese Ausrichtung wider. Die Herausforderung besteht nun darin, die prognostizierten Wachstumschancen in nachhaltige finanzielle Ergebnisse zu überführen.

Gleichzeitig muss SAP die kritische Haltung von Analysten mit nachprüfbaren Ergebnissen beantworten. Die kommenden Quartalsberichte und die Implementierung der KI-Plattform werden zeigen, ob SAP das Versprechen des autonomen Unternehmens einlösen kann.