Die japanischen Digital-Asset-Töchter der SBI Group und die größte Kreditkartengesellschaft Südkoreas, Shinhan Card, vereinbaren eine strategische Kooperation zur Modernisierung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs. Im Zentrum der Absichtserklärung zwischen SBI VC Trade, SBI XDC Network APAC und Shinhan Card steht die gemeinsame Erforschung digitaler Abrechnungssysteme. Beide Finanzkonzerne zielen darauf ab, bilaterale Transaktionen zwischen Japan und Südkorea künftig über Stablecoins abzuwickeln und damit traditionelle Intermediäre zu umgehen.

Ein neuer Korridor zwischen Tokio und Seoul

Als technologische Basis dient das XDC Network. Die EVM-kompatible Layer-1-Hybrid-Blockchain ist primär auf Handelsfinanzierungen, die Tokenisierung realer Vermögenswerte sowie institutionelle Abrechnungssysteme spezialisiert. Die Partner prüfen, wie sich Stablecoins, insbesondere in den jeweiligen Landeswährungen Yen und Won denominierte Token, für den direkten bilateralen Transfer und das Clearing einsetzen lassen.

Für die SBI Group unter Führung von Yoshitaka Kitao ist das Projekt Teil einer umfassenderen Regionalstrategie. SBI baut systematisch eine Zahlungsachse zwischen beiden Ländern auf und schloss zuvor bereits Partnerschaften mit dem südkoreanischen Zahlungsdienstleister NICE Information und Communication sowie dem Infrastrukturanbieter DSRV.

Der wirtschaftliche Treiber hinter dem Vorhaben liegt in den massiven Effizienzgewinnen gegenüber dem klassischen Korrespondenzbank-Modell. Im traditionellen SWIFT-System binden grenzüberschreitende Zahlungen hohe Liquiditätsreserven und dauern meist mehrere Werktage. Shinhan Card schloss dazu im April 2026 einen Proof of Concept für Stablecoin-Abrechnungssysteme ab.

Die Tests zeigten, dass die Abwicklungsdauer von ehemals zwei bis fünf Tagen auf wenige Minuten sinkt, während die Transaktionskosten signifikant fallen.

Rückendeckung erhält das Vorhaben durch die Marktmacht des Mutterkonzerns: Shinhan Card gehört zur Shinhan Financial Group, die ein verwaltetes Vermögen von rund 134 Billionen Won verwaltet, was etwa 100 Milliarden US-Dollar entspricht. Die Finanzgruppe treibt parallel mehrere Projekte für Non-Custodial Wallets, programmierbares Geld und B2B-Settlement voran.

Boom im Segment krypto-gestützter Bezahlkarten

Das asiatische Bündnis reagiert auf einen globalen Strukturwandel in der Zahlungsinfrastruktur. Das weltweite Transaktionsvolumen krypto- und stablecoingestützter Bezahlkarten wuchs von rund 100 Millionen US-Dollar pro Monat Anfang 2023 auf eine annualisierte Run-Rate von etwa 18 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Dieses 15-fache Wachstum demonstriert die wachsende Akzeptanz von Krypto-Assets im operativen Zahlungsverkehr.

Etablierte Kreditkartennetzwerke dominieren diese Schnittstelle. Visa vereint über 90 Prozent des On-Chain-Volumens derartiger Kartenlösungen auf sich und verzeichnete Ende 2025 eine annualisierte On-Chain-Settlement-Run-Rate mit Stablecoins von rund 3,5 Milliarden US-Dollar. Das Kreditkartenunternehmen nutzt die Blockchain-Schienen vorrangig für die Endabrechnung zwischen Partnerbanken.

Zugleich etablieren sich spezialisierte B2B-Kartenemittenten im Markt. Plattformen wie Reap erreichen mittlerweile annualisierte Abwicklungsvolumina von über sechs Milliarden US-Dollar. Der Konkurrent Rain steigerte sein Volumen auf über drei Milliarden US-Dollar und sicherte sich in einer Series-C-Finanzierungsrunde 250 Millionen US-Dollar frisches Kapital bei einer Bewertung von 1,95 Milliarden US-Dollar.

Stablecoins fungieren in diesen Systemen längst nicht mehr nur als Nischeninstrumente für Krypto-Trader, sondern als globale Abrechnungswährung. Das kumulierte On-Chain-Transaktionsvolumen führender US-Dollar-Token wie Circle-USDC überstieg bereits Ende 2023 die Marke von 12,7 Billionen US-Dollar.

Shinhans mehrgleisige Infrastrukturstrategie

Shinhan Card setzt bei der technologischen Transformation auf Diversifikation statt auf eine einzelne Plattform. Neben der Kooperation mit dem XDC Network unterzeichnete das Institut Ende April 2026 eine Absichtserklärung mit der Solana Foundation. Ziel dieser Partnerschaft ist die praktische Erprobung von Testnet-Transaktionen, Orakel-Anbindungen und Non-Custodial Wallets für Endnutzer.

Überdies vertieft Shinhan die Zusammenarbeit mit Visa. Jin Ok-dong, Chairman der Shinhan Financial Group, kündigte Ende August 2026 an, die Finanzexpertise von Shinhan mit der weltweiten Infrastruktur von Visa zu bündeln, um gemeinsam künftige Finanzmodelle zu entwickeln. Im Kern geht es dabei um Tests von Visas Enterprise-Stablecoin-Plattform.

Parallel dazu testen asiatische Akteure vermehrt Wege, Transaktionen unabhängig von der Leitwährung US-Dollar abzuwickeln. Die SBI Group führte im August 2026 gemeinsam mit Kyobo Life Insurance einen institutionellen Transfertest zwischen Japan und Südkorea durch, der vollständig ohne US-Dollar-Clearing auskam. Ergänzend emittierte SBI im Juni 2026 mit JPYSC einen treuhandbankgestützten Yen-Stablecoin über die SBI Shinsei Trust Bank und SBI VC Trade.

Regulatorische Divergenz und offene Umsetzungsfragen

Trotz der dynamischen Pilotprojekte verbleibt die Absichtserklärung zwischen Shinhan Card und SBI im Stadium der Vorbereitung verbindliche Umsetzungsfristen oder Produktstarts fehlen bislang. Das liegt vorrangig an den unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen beider Länder.

Japan verfügt seit dem 3. Juni 2023 über klare Spielregeln. Mit der Revision des Payment Services Act schuf Tokio ein rechtssicheres Umfeld für die Emission und Verwahrung voll besicherter Stablecoins durch lizenzierte Treuhandbanken und Institute.

In Südkorea verharrt das maßgebliche Gesetzespaket – der Digital Asset Basic Act – bezüglich bankähnlicher Stablecoins und privater Emittenten hingegen weiterhin im parlamentarischen Abstimmungsprozess. Die offizielle Ausgabe eines Won-gedeckten Stablecoins ist damit blockiert, solange die Finanzaufsicht in Seoul keine Vorgaben ratifiziert.

Marktbeobachter werten die Kooperation dennoch als strategisches Signal. Führende Institute in Asien schaffen bereits die operativen Schnittstellen, um bei Verabschiedung der Gesetze unmittelbar abrechnungsfähig zu sein. Offen bleibt vorerst, wie Shinhan Card die parallelen Partnerschaften mit dem XDC Network, Solana und Visa architektonisch konsolidieren will und welches Volumen ein Yen-Won-Zahlungskorridor dem US-Dollar-Clearing im bilateralen Handel tatsächlich abnehmen kann.