Bielefeld. Der Hemdenhersteller Seidensticker hat einen Management-Buy-out (MBO) vollzogen. Dabei übernehmen die bisherigen Mitinhaber Gerd Oliver Seidensticker und Frank Seidensticker gemeinsam mit CEO Silvia Bentzinger Anteile am Unternehmen.
Bentzinger steigt mit einem Anteil von 20 Prozent neu als geschäftsführende Gesellschafterin ein. Die Transaktion soll dem Familienunternehmen finanziellen Spielraum für weiteres Wachstum sichern. Zuvor galten klassische Private-Equity-Investoren als Interessenten. Diese hätten eine andere Strategie verfolgt als die Gesellschafter und die Geschäftsführung.
Eigenes Kapital sichert Unabhängigkeit
Die Entscheidung für den MBO fiel, da Seidensticker Kapital für Wachstum benötigte. Laut CEO Silvia Bentzinger war das Kreditvolumen bereits ausgereizt. Externe Investoren, insbesondere klassische Beteiligungsgesellschaften, verfolgten Strategien, die nicht mit den Vorstellungen der Familie Seidensticker und der Geschäftsführung vereinbar waren.
Bentzinger erklärt dazu: „Wir wollen zum Beispiel nicht, dass der Standort Bielefeld aufgegeben wird. Ebenso wenig möchten wir, dass das Unternehmen zerschlagen wird, wesentliche Teile der Produktgruppen wegfallen oder die Gesellschafter in ihren Rollen nicht mehr tätig sind.“
Anstatt auf externe Beteiligungsgesellschaften zu setzen, haben Gerd Oliver Seidensticker und Frank Seidensticker privat erneut in das Unternehmen investiert. Nicole Seidensticker-Delius, ebenfalls Anteilseignerin, plant ihren Ruhestand im Jahr 2027 und entschied sich gegen eine erneute Investition. So entstand die Idee, dass Bentzinger, die lange im Unternehmen tätig ist, sich mit 20 Prozent an Seidensticker beteiligt.
Dies stellt für sie und ihre Familie ein finanzielles Risiko dar.
Finanzierung und Eigentümerbekenntnis
Die Finanzierung des MBO erfolgt durch private Investitionen der Gesellschafter sowie durch ein Bankenkonsortium, das das Unternehmen seit Langem begleitet. Genaue Details und Beträge bleiben vertraulich. Dennoch haben die Banken im Rahmen der Gespräche über die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ihren Beitrag geleistet.
Dieses Engagement des Bankenkonsortiums sowie die Investition der Altgesellschafter und der CEO gelten als starkes Bekenntnis zur Zukunft von Seidensticker.
Frank Seidensticker erwähnte in einem Podcast, dass fünf Bankhäuser in diesem Zuge auf Geld verzichtet hätten. Ein Management-Buy-out ist eine Transaktion, bei der das bestehende Managementteam die Mehrheit oder das vollständige Eigentum eines Unternehmens erwirbt. MBOs sind eine spezifische Form von Leveraged Buy-outs (LBOs), bei denen der Erwerb häufig maßgeblich durch Fremdkapital finanziert wird.
Vorteile liegen etwa in der Kontinuität der Führung und in besserer Entscheidungsfindung durch internes Wissen über das Unternehmen. Die Herausforderung besteht häufig in der Finanzierung, da Manager selten über ausreichend Eigenkapital verfügen und hohe Verschuldung entstehen kann. Bei Seidensticker war die private Investition des Managements und der Altgesellschafter ausschlaggebend.
Umsatzentwicklung und strategische Neuausrichtung
Seidensticker erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025/2026 einen Umsatz von 103 Millionen Euro. Für das Geschäftsjahr 2026/2027 prognostiziert das Unternehmen einen Anstieg auf 117 Millionen Euro. Der Umsatzanteil der Marke Seidensticker beträgt rund 60 Prozent. Das Private-Label-Geschäft, bei dem für Drittanbieter wie Lufthansa, Zara oder Galeria produziert wird, macht 40 Prozent aus.
Die Online-Umsätze tragen bereits 30 Prozent zum Gesamtumsatz bei und wachsen im einstelligen Bereich pro Jahr. Davon entfallen etwa 65 Prozent auf den eigenen Webshop. Laut Bentzinger hat das Unternehmen seit 2019 keine Gewinne erzielt. Sie bezeichnete die Ergebnisse als „schwierige“.
Als Reaktion auf die Stagnation des Hemdenmarktes in Deutschland blickt Seidensticker stärker auf das Ausland, etwa nach Frankreich, Skandinavien oder in die USA. Im vergangenen Geschäftsjahr wurden acht neue Geschäfte eröffnet, drei davon in Frankreich.
Wettbewerbsumfeld und Zukunftsaussichten
Die Insolvenz des Wettbewerbers Eterna zum Ende des Jahres 2025 eröffnet nach Einschätzung der Beteiligten Marktchancen für andere Anbieter. Bentzinger betont zugleich: „Dennoch würde ich die Insolvenz eines Wettbewerbers keinesfalls als positive Nachricht bezeichnen.“
Bentzinger zufolge haben sich Businesshemden und Businessblusen wieder auf einem Vor-Corona-Niveau stabilisiert. „Es ist kein stark wachsender, aber ein stabiler Markt. Es spricht viel dafür, dass das Hemd definitiv noch Relevanz hat – und sicherlich spielt der ,Back-to-Office‘-Trend da auch eine Rolle.“
Die Beteiligung von Bentzinger und die Investitionen der Altgesellschafter bringen nach Angaben der Beteiligten eine veränderte Perspektive. Bentzinger sagt, die Übernahme habe ihr „eine neue Motivation“ gegeben und mehr Verantwortung bedeutet. Die Transaktion soll das Unternehmen finanziell für Wachstum stärken und die strategische Ausrichtung langfristig sichern.
Offen bleibt, wie sich der verschärfte Wettbewerb und die Marktkonsolidierung im Segment der Businesskleidung weiterentwickeln und welche konkreten Effekte die Eterna-Insolvenz für Seidensticker haben wird. Die nächsten Geschäftsjahre werden zeigen, inwieweit die neu aufgestellte Eigentümerstruktur die geplanten Wachstumsziele erreicht.







