Der Software-Sektor erlebt nach einer Phase massiver Kursverluste eine Erholung. Einige Analysten sehen in der jüngsten Kursbewegung eine Relativierung schlimmster Krisenszenarien, wie der sogenannten „SaaSpokalypse“, und richten den Blick wieder auf die Widerstandsfähigkeit etablierter Geschäftsmodelle.

Markt reagiert auf KI-Sorgen mit Ausverkauf

Seit Anfang 2026 stand die Software-Branche, insbesondere SaaS-Werte, unter erheblichem Druck. Der MSCI World Software & Services Index fiel bis Ende Februar 2026 um mehr als 20 Prozent. SaaS-Aktien verloren in den 52 Wochen bis Anfang 2026 fast eine Billion US-Dollar und etwa 50 bis 60 Prozent ihres Wertes.

Ein von Goldman Sachs zusammengestellter Korb von US-Softwareaktien sank nach der Meldung über neue Anthropic-Tools um rund sechs Prozent. Dies war der stärkste Tagesverlust seit April. Der Software-ETF IGV verzeichnete im ersten Quartal 2026 ein Minus von rund 24 Prozent. Diese Entwicklung wurde in Teilen der Branche als „SaaSpokalypse“ bezeichnet.

Als Hauptgrund für den Ausverkauf galt die Sorge, dass Künstliche Intelligenz, insbesondere leistungsfähige KI-Agenten, klassische Unternehmenssoftware überflüssig machen könnte. Die Marktreaktion preiste eine umfassende KI-Disruption ein, als wäre diese universell und unmittelbar. Analysten von AllianceBernstein stuften die Marktreaktion als undifferenziert ein.

Sie wiesen darauf hin, dass technologische Transformationen selten so schnell und einfach verlaufen, wie es die Märkte erwarten.

Resilienz etablierter Systeme

CIOs großer Konzerne und Marktanalysten erkennen Grenzen in der derzeitigen disruptiven Kraft von KI für Unternehmenssoftware. CIOs signalisieren, dass etablierte „Systems of Record“ – missionskritische Unternehmenssoftware – unverzichtbar bleiben. Selbst KI-Labore greifen weiterhin auf diese Systeme zurück.

Viele Unternehmen bevorzugen es, KI-Funktionen über bestehende SaaS-Anbieter zu beziehen. Dies ist eine Alternative zum Aufbau neuer, riskanter Infrastrukturen. Michael Field, Chefstratege bei Morningstar, betont, dass Softwareunternehmen die Entwicklungskosten auf hunderte oder tausende Kunden verteilen. Für einzelne Unternehmen sei es daher oft nicht sinnvoll, alle Lösungen intern zu entwickeln.

Analysten der Bank of America heben zudem hervor, dass stark regulierte, komplexe Branchen mit geringer Fluktuation weiterhin schwer zu revolutionieren sind. Diese Analysten sehen etablierte, innovative Softwareunternehmen außerdem in einer guten Position. Sie können hochwertige KI-Agenten entwickeln, indem sie ihre proprietären Datensätze nutzen.

Starke Quartalszahlen befeuern Erholung

Ende Mai 2026 drehte sich die Stimmung bei Software-Aktien. Treiber waren starke Quartalszahlen, neue KI-Produkte und optimistischere Ausblicke.

Microsoft meldete ein Umsatzwachstum von 15 Prozent und einen Gewinnanstieg von über 20 Prozent. Azure wuchs weiterhin mit einer Rate von 38 Prozent. Das Unternehmen gab an, dass die Zahl der bezahlten M365-Copilot-Sitzlizenzen 15 Millionen erreicht hat.

JPMorgan schätzt die Penetration dieser Lizenzen auf rund drei bis sechs Prozent der adressierbaren installierten Basis. Eine Umfrage von Morgan Stanley zeigt, dass 80 Prozent der befragten CIOs planen, Copilot zu nutzen.

SAP meldete ein Cloud-Bookings-Wachstum von 25 Prozent und ein Umsatzwachstum von elf Prozent. ServiceNow steigerte seine Umsätze um nahezu 20 Prozent und erwartet ein ähnliches Tempo für das kommende Jahr. Salesforce steigerte im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 den Umsatz um 13 Prozent auf 11,13 Milliarden US-Dollar.

Die bereinigte operative Marge lag bei 34,8 Prozent, der operative Cashflow erreichte 6,7 Milliarden US-Dollar. Salesforce hob seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 45,9 bis 46,2 Milliarden US-Dollar an. Mehr als die Hälfte der Buchungen für Agentforce und Data Cloud stammt laut Bericht von Bestandskunden.

Atlassian verzeichnete ein RPO-Wachstum von über 40 Prozent in den letzten Quartalen.

Marktbewertung und Ausblick

Analysten von Morgan Stanley und AllianceBernstein halten den Ausverkauf im Softwaresektor für übertrieben. Sie sehen mehr Chancen, als Anleger derzeit einpreisen. Bei Maverix weist Serge Nussbaumer darauf hin, dass die aktuellen Bewertungsniveaus eine strukturelle Beeinträchtigung implizieren, die seiner Ansicht nach nicht durch die Fundamentaldaten gedeckt ist.

Der S&P North American Technology Software Index liegt in den letzten zwei Jahren rund 40 Prozent hinter dem Nasdaq 100 und etwa 30 Prozent hinter dem S&P 500. Dies kann ein Nachholpotenzial andeuten. Schätzungen zufolge sind erst rund 40 Prozent der Workloads in der Cloud, was weiteres Wachstumspotenzial für Softwareanbieter signalisiert.

Die Erholung der Softwarewerte deutet darauf hin, dass der Markt beginnt, zwischen potenziellen Gewinnern und Verlierern der KI-Transformation zu unterscheiden. Offen bleibt, wie schnell sich Bewertungen weiter normalisieren. Ebenso ist zu beobachten, welche Unternehmen ihre KI-Strategien am erfolgreichsten in steigende Umsätze und Gewinne umwandeln können.

Marktbeobachter werden genau verfolgen, wie etablierte Anbieter KI-Funktionen integrieren und ihre Produkte weiterentwickeln.