Die deutsche Solarbranche steht vor einer turbulenten Phase. Experten der Boston Consulting Group (BCG) warnen, dass geplante Energiegesetze bis zu dreißig Prozent aller neuen Solarprojekte gefährden könnten. Die Reformvorhaben zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sowie ein Netzpaket des Bundeskabinetts lösen in der Branche Besorgnis aus: Betroffene Verbände sehen Risiken für Zehntausende Arbeitsplätze und erhebliche Investitionen.
Das Maßnahmenpaket, das unter anderem auf Vorschläge von Katherina Reich zurückgeht, sieht weitreichende Änderungen für Betreiber von Solaranlagen vor. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) warnt, dass die Referentenentwürfe zum EEG 2027 und das Netzanschlusspaket Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich für 2027 und 2028 gefährden. Parallel dazu kämpft die deutsche Solarwirtschaft bereits mit stark gesunkenen Großhandelspreisen für Solarmodule und dem Druck asiatischer Konkurrenz.
Gesetzliche Änderungen bremsen den Solar-Boom
Die geplanten Energiegesetze enthalten entscheidende Neuerungen für die Einspeisung von Solarstrom. Neu installierte Dachanlagen mit weniger als 100 Kilowatt Leistung dürfen künftig höchstens die Hälfte ihrer Leistung gleichzeitig in das öffentliche Netz einspeisen. Zudem ist eine Übergangsvergütung vorgesehen: Für bis zu 36 Monate soll es eine um ein Cent geringere Einspeisevergütung von 5,2 Cent pro Kilowattstunde geben.
Diese Übergangsregelung ist zeitlich und größenmäßig begrenzt: Die maximale Anlagengröße für die Übergangsvergütung liegt 2027 bei 50 Kilowatt, 2028 bei 25 Kilowatt, 2029 bei unter sieben Kilowatt und entfällt 2030 vollständig. Gleichzeitig ist ein Bonus von 1,5 Cent pro Kilowattstunde für selbst vermarkteten Solarstrom vorgesehen.
Kritisch beurteilen Verbände die geplante Streichung der Einspeisevergütung für neue Fotovoltaik-Anlagen bis 25 Kilowatt und die Absenkung der Schwelle zur verpflichtenden Direktvermarktung auf unter 100 Kilowatt. Die Branche rechnet mit einem starken Nachfrageeinbruch im Segment bis 100 Kilowatt von bis zu rund zwei Dritteln. Fast 60 Prozent der Unternehmen des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) wollen ihre Investitionspläne aufgrund der Unsicherheit über die künftige Einspeisevergütung zurückstellen.
Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des BEE, warnt, dass die Entwürfe nicht nur Klimaziele gefährden. Sie stellen ihrer Einschätzung nach auch Hunderttausende Arbeitsplätze und die regionale Wertschöpfung infrage. Die Maßnahmen machten viele Projekte kaum noch finanzierbar.
Marktkorrektur und internationaler Wettbewerb
Die deutsche Solarbranche befindet sich laut Berichten in einer Korrekturphase. Trotz hoher Zubauwerte in den Vorjahren, die installierte Solarstromleistung stieg zuletzt um 14 Prozent beziehungsweise um 17,5 Gigawatt auf gut 100 Gigawatt, zeigt sich eine Abflachung des Wachstums. Die neu installierte Fotovoltaik-Leistung lag im vergangenen Jahr bei rund 16 Gigawatt und damit nur geringfügig über dem Vorjahr.
Der Bundesverband Solarwirtschaft meldet, dass im Bereich Heimanlagen 15 Prozent weniger Fotovoltaik-Leistung neu verbaut wurde. Parallel sanken die Großhandelspreise für Solarmodule seit Ende 2022 um bis zu 40 Prozent. Während 2010 ein Watt Solarkapazität noch rund 3,50 Euro kostete, liegt der Preis inzwischen bei etwa 1,50 Euro.
Verbands- und Branchenvertreter machen den massiven Import chinesischer Produkte für den Preisverfall verantwortlich. Detlef Neuhaus, Vorstandsvorsitzender von Solarwatt, sagte, dieser Preisverfall werde durch massiven Import chinesischer Hersteller ausgelöst. Deren Produkte würden teilweise ohne Berücksichtigung internationaler Standards gefertigt.
Deutsche Modulhersteller litten unter dem Preisdruck. Ohne Gegenmaßnahmen sei eine wirtschaftliche industrielle Produktion von Photovoltaikmodulen in Deutschland schwer vorstellbar.
Aus dem Solarhandwerk werden Berichte über Auftragsrückgänge gemeldet. Im März des Vorjahres gaben 67 Prozent von 500 befragten deutschen Solarinstallateuren einen Einbruch bei den Aufträgen für private Dachanlagen an. Im vergangenen Jahr wurden mehr als eine Million Solaranlagen neu in Betrieb genommen.
Der Zubau lag bei über 16 Gigawatt. Zugleich registrierte die Bundesnetzagentur 15 Prozent weniger Eigenheimsolaranlagen.
Offene Fragen und ein Appell der Kommunen
Die Reformpläne stoßen auch bei Kommunen auf Widerstand, da sie ihre Rolle bei der Energiewende eingeschränkt sehen. Mehr als 230 bayerische Bürgermeisterinnen und Bürgermeister unterzeichneten den Appell „Zusammen erfolgreich erneuerbar“. Sie fordern von der Bundesregierung mehr Planungssicherheit und stärkere regionale Wertschöpfung.
Bürgermeister Harald Reisner aus Schrobenhausen kritisierte, die Kommunen würden im Regen stehen gelassen.
Zudem besteht nach Angaben der Berichterstattung bislang keine flächendeckende, funktionierende Lösung für die Direktvermarktung kleinerer Anlagen. Die Politik setzt jedoch verstärkt auf systemdienliche Solaranlagen. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD verwendet den Begriff „systemdienlich“ mehrfach und betont Ausbau sowie Nutzung systemdienlicher Speicherkapazitäten, etwa über Elektro-Auto- und Heimspeicher.
Der Bundestag verhandelte die Novelle des EEG und das Netzpaket im September erstmals. Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, dass erneuerbare Energien bis 2030 mindestens 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs decken sollen. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Anteil bei 58 Prozent.
Um das Ausbauziel von 215 Gigawatt Fotovoltaik bis 2030 zu erreichen, müssten monatlich etwa 1,60 Gigawatt neu installiert werden. Dieses Niveau wurde im vergangenen Jahr häufig unterschritten.
Ob und in welcher Form die Reformen verabschiedet werden und welche Folgen sie für Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Solarindustrie haben, bleibt offen. Beobachter erwarten intensive Debatten im Bundestag, da Klimaschutz, Wirtschaftsförderung und Versorgungssicherheit divergierende Interessen berühren.







