Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verschärft den Druck auf die Berliner Solaris SE. Die Aufsichtsbehörde verlängert das Mandat des Sonderbeauftragten bei dem Banking-as-a-Service-Spezialisten erneut und droht dem Fintech nun mit Zwangsgeldern. Solaris gelingt es seit Jahren nicht, gravierende Defizite in der Geldwäscheprävention sowie im gruppenweiten Risikomanagement vollständig abzustellen.
Zugleich belasten Rekordverluste und Kundenabgänge die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Plattform.
BaFin setzt Fristen und droht mit Zwangsgeldern
Die aktuellen Maßnahmen der Bonner Behörde stützen sich auf Bescheide von Ende Mai 2024, die seit Anfang Juli 2024 bestandskräftig sind. Die Aufseher setzen dem Institut verbindliche Fristen, um Mängel zu beheben, die bereits im Rahmen von Sonderprüfungen in den Jahren 2020 bis 2023 festgestellt wurden. Sollte das Institut diesen Zeitplan verfehlen, greift die Behörde zu finanziellen Sanktionen.
Im Fokus der Beanstandungen stehen fundamentale Bereiche des Bankbetriebs. Neben der Geldwäscheprävention moniert die Aufsicht Schwachstellen im gruppenweiten Risikomanagement, im aufsichtlichen Meldewesen, im Auslagerungsmanagement sowie in den IT-Systemen. Gestützt auf die Paragrafen 25a und 45c des Kreditwesengesetzes kontrolliert die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC als Sonderbeauftragte bereits seit Januar 2022 die Prozesse direkt im Unternehmen.
Die Unternehmensführung spielt die behördlichen Schritte herunter und bezeichnet die erneute Verlängerung des Mandats als reine Formalität. Man mache bei der Umsetzung zusätzlicher Kontrollmaßnahmen in enger Abstimmung mit dem Regulator erhebliche Fortschritte. Die Historie zeichnet jedoch ein anderes Bild: Erst im März 2024 verhängte die BaFin eine rechtskräftige Geldbuße in Höhe von 6,5 Millionen Euro gegen Solaris, da das Haus Verdachtsmeldungen aus dem Jahr 2021 systematisch verspätet an die Financial Intelligence Unit gemeldet hatte.
Zudem greift die Aufsicht seit geraumer Zeit direkt in das operative Wachstum ein. Seit einer Anordnung vom Dezember 2022, die im Januar 2023 rechtskräftig wurde, gilt ein strikter Erlaubnisvorbehalt. Neue Partnerschaften, Beteiligungen oder die Gründung von Tochtergesellschaften darf Solaris nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung der BaFin vollziehen.
Hohe Verluste und schwindende Partnerbasis
Die regulatorischen Daumenschrauben treffen das Fintech in einer prekären finanziellen Lage. Im Geschäftsjahr 2023 kletterte der Fehlbetrag auf 178 Millionen Euro, nachdem das Institut im Jahr 2022 bereits einen Verlust von 56 Millionen Euro verbucht hatte. Der Jahresumsatz belief sich 2023 auf 137 Millionen Euro und deckte die hohen Betriebskosten bei Weitem nicht.
Um das operative Überleben zu sichern, treibt Vorstandschef Carsten Höltkemeyer ein hartes Sparprogramm voran. Rund 700 Beschäftigte an Standorten wie Berlin, Paris, Mailand, Madrid, Vilnius und Chennai sind von Stellenstreichungen und Umstrukturierungen betroffen. Parallel dazu wickelt das Unternehmen Teile seines E-Geld-Geschäfts ab, was 2023 zu substanziellen Abschreibungen führte.
Gleichzeitig verliert das Berliner Institut wichtige Kunden aus der Gründerszene. Die Mietplattform Grover stellte das gemeinsame Projekt der Grover Card ein. Die Neobank Vivid migrierte den Großteil ihrer Kundenkonten auf eine eigene technische Infrastruktur. Diese Abgänge schwächen die Erlösbasis und verdeutlichen die Verwundbarkeit des Banking-as-a-Service-Modells unter regulatorischem Stress.
Der ADAC-Deal als Bewährungsprobe
Einen finanziellen Puffer sicherte sich Solaris im März 2024 mit einer Finanzierungsrunde über 96 Millionen Euro an frischem Eigenkapital von Bestandsinvestoren. Ergänzend dazu sagten die Geldgeber Finanzgarantien von bis zu 100 Millionen Euro zu. Diese Mittel benötigt das Unternehmen vor allem, um die geplante Übernahme und technische Migration von rund 1,2 Millionen ADAC-Kreditkarten abzusichern, deren Umsetzung für das dritte Quartal 2024 terminiert ist.
Das Großprojekt birgt erhebliche Risiken, bildet aber zugleich das zentrale Wachstumsversprechen. Gelingt der reibungslose Übergang der Portfolios, erhält Solaris planbare Einnahmen und validiert sein Geschäftsmodell im Massenmarkt. Treten während der Datenmigration oder im laufenden Betrieb IT-Pannen auf, drohen zusätzliche Kosten und ein weiterer Vertrauensverlust bei den Aufsichtsbehörden.
Begleitend zur Neuausrichtung verstärkte das Fintech seine Führungsriege. Michael Bonacker, ehemals Strategiechef der Commerzbank, zog in den Aufsichtsrat ein. Hinsichtlich der operativen Führung kursierten zuletzt unterschiedliche Darstellungen im Markt.
Während Berichte über eine Berufung von Steffen Jentsch an die Vorstandsspitze sprachen, führt Carsten Höltkemeyer die Restrukturierung als Vorstandsvorsitzender fort.
Wachsender Abstand zur Konkurrenz
Die Lage bei Solaris spiegelt den strukturellen Wandel in der Finanzaufsicht wider. Die BaFin toleriert bei technologiegetriebenen Finanzdienstleistern keine anhaltenden Nachlässigkeiten mehr bei Compliance und Risikosteuerung.
Andere Akteure zeigen, dass eine Rückkehr zum regulären Geschäftsbetrieb möglich ist. Der Konkurrent N26 investierte massiv in die eigenen Kontrollsysteme und erreichte im Frühjahr und Sommer 2024 eine spürbare Lockerung behördlicher Wachstumsbeschränkungen. Solaris hingegen steht weiterhin unter engmaschiger Kontrolle durch die BaFin und PwC.
Solange die Beschränkungen für Neugeschäfte in Kraft bleiben und die Zwangsgeldandrohungen im Raum stehen, bleibt der Spielraum für eine nachhaltige Profitabilität begrenzt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Solaris die Mängel fristgerecht beseitigen und den ADAC-Rollout technisch bewältigen kann.







